Alexandra Hennig | Drucken03.10.2011 

Macht, Ehre, Tod

KAOS Seebühne: Mit „Udhёtimet e Lizёs (Alice Reisen)“ stiftet die Theatergruppe New Theatre im Rahmen des Festivals Off Europa Befangenheit und Irritationen

Fotos: Enton Kaca

Leipziger Westen. Zehn Minuten Fußweg vom Lindenauer Markt in Eile zurückgelegt, vorbei an Bungalows einer Kleingartenanlage, deren Pfad mich zur KAOS Seebühne führt. Ankommen im Innenhof eines Hauses, dessen Außenfassade einem entgegen blickt, wo die spätsommerliche Dämmerung uns bereits erwartet hat. Unter freien Himmel im Halbkreis sitzen wir, die wir das Publikum bilden, mitunter schwerlich vorbereitet auf das, was uns sogleich begegnen wird.

Alles, was vor uns liegt, ist zur Bühne geworden und zeichnet mit der Ausstattung verschiedener Gegenstände – Krüge, Kerzen, Holzscheite – das Bild einer authentischen Umgebung. Dort hocken vier Frauen, ihre Köpfe mit Tüchern bedeckt. Zwei Männer in weißen Hosen umgrenzen die Szene; auf schmalen Holzpfählen sitzend, die Handflächen auf ihre Knie gestützt, haben sie ihren Blick gerade heraus uns entgegen gerichtet. Zu den Füßen einer Frau hat sich in der Mitte der Bühne eine Linie geformt. Zwei Leinentücher, rot und weiß, bilden den Pfad, vom dem aus die ungewöhnliche Geschichte sogleich erzählt wird. Kerzen erleuchten den Hof und aus einer metallenden Tonne steigt neblig Wasserdampf empor.

Bevor ein Mann freien Oberkörpers auf die Bühne tritt, die Frauen ihre Kopfbedeckung abgelegt und einen eindringlichen Gesang angestimmt haben, stellt sich das Gefühl ein, Teil von etwas geworden zu sein, das sich meinem Horizont entziehen würde.

Das Stück Udhёtimet e Lizёs (Alice Reisen) von Regisseur Enton Kaca und der freien Theatergruppe New Theatre aus Tirana, bringt eine Momentaufnahme der albanischen Gesellschaft auf mitteleuropäischen Boden. Durch die Auseinandersetzung mit literarischen Quellen um den Kanun – ein durch mündliche Überlieferungen tradiertes Werk, das oft als das „Gewohnheitsrecht“ der Albaner bezeichnet wird, erschaffen sie eine Atmosphäre vermeintlich ursprünglicher Werte und Mentalitäten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die kommunistische Regierung Albaniens etabliert, traditionelles Wissen vom Kanun durch staatliche Gesetze abgelöst. Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staatsform scheint eine Auseinandersetzung mit diesem Teil der Geschichte wieder Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses zu werden. Phänomene wie die der Blutrache und stark patriarchische Strukturen haben zugenommen, Strömungen der Rückbesinnung auf traditionelle Werte scheinen an Präsenz gewonnen zu haben, gleichzeitig vollzieht sich eine vermehrte Emigration in andere Europäische Staaten, vor allen Dingen nach Griechenland; innerhalb Albaniens ist eine starke Landflucht zu beobachten.

Indes hat eine der Frauen ihre Stimme erhoben, eine Geschichte zu erzählen. Ihre Worte erscheinen in deutscher Sprache als Text auf der Leinwand neben der Bühne. Während sie eine Kalaschnikow lädt, fällt es schwer, ihren Worten über die Frauen Albaniens und ihrer Rolle im Kanun zu folgen. Episodisch erscheinen die Bilder, die sie malen – mitunter chorisch gesprochen an uns gerichtet. Diese Aufführung bedient sich einer klaren Formensprache, ganz unvermittelt werden Inhalte transportiert, Bilder entstehen in einer Nähe und Direktheit, die in Theaterräumen selten erlebbar wird. Die kraftvollen Stimmen der Frauen und Männer bürgen bereits in sich eine Körperlichkeit, die spürbar wird und davon ablenkt, dass es schon langsam kühl geworden ist. Wir können ihre Worte parallel nachlesen, obwohl das Geschehen vor uns bereits einige Aufmerksamkeit verlangt. Schafft man es doch, die Augen auf die Übersetzung zu richten, lässt sich zum Beispiel ein Blick werfen auf das Leben einer Bergbäuerin, wie sie sich mit dem Verkauf von Kohle ihr Überleben zu sichern versucht und sich in den Räuber verliebt.

Dem folgen Erzählungen über den obersten Mann eines Dorfes, seine unerbittliche Herrschaft und seine dennoch tiefe Einsamkeit. Dort, wo ihn nicht einmal mehr der Anblick eines jungen Mädchens beflügeln kann, die sich zugleich als seine Tochter und Zeugnis des Vergehens an einer der Frauen des Dorfes heraus stellt. Allgegenwärtigkeit männlicher Gewalt wohnt in diesen Geschichten, deren Begreifen zu einem großen Teil verborgen bleiben mag. Eine Frau erzählt von seiner Macht, während sie das Rasiermesser an seinem Hals hat. Zwei andere Frauen knien vor ihm, seine Füße zu waschen. Ganz Unverfroren tauchen die Bilder auf; beinahe archaischer Kraft. Worte wie „Ehre“, „Leben“, „das Glück des Daseins“ und selbst Begriffe von „Tod“ lassen sich wohl kaum mit geläufigen Bedeutungen füllen und entbehren sich vertrauter Bewandtnis. Es sind nicht nur die Krüge, die gewaschen, die Feuerstelle, die von den Frauen geschürt oder die Holzscheite, die von den Männern gehackt werden, die für mich immer mehr in Ferne rücken. Eine Frau rupft die spärlichen Federn eines toten Huhnes und belegt den Mann, der ihre Würde geraubt hat, mit Flüchen. Wieder eine der eindringlichen Stimmen, die zu Musik geworden ist. Ein Anderer packt eine der Frauen um die Hüfte, um sie in die mit Wasser gefüllte Tonne zu stoßen.

Während sich erneut die tiefen Frauenstimmen zum Gesang verbinden, denke ich, dass Sprache allein heute Abend nicht die einzige Barriere ist, die meiner Verständnismöglichkeit entzieht. Formen der Fremde und eine Befangenheit, die jede Stellungnahme in Frage stellen.

Das Festival Off Europa steht für die künstlerische Auseinandersetzung mit Ländern und Regionen, die in der Regel außerhalb der europäischen Aufmerksamkeit verortet sind. In diesem 20. Jahr widmet es sich Künstler_innen aus Albanien und dem Kosovo, die ihre Arbeiten in Leipzig und Dresden zeigen, einen Teil ihrer Lebenswelt inszenieren und präsentieren.

Was ist heute Abend passiert?

Wenn Theater heißt, einander Erfahrungen teilen zu lassen, offenbarte sich hier die Beklemmung unbehaglicher Geschichten. Die nachdrückliche Darbietung des Lebens unter einem Sternenhimmel, der fast überall nicht der Selbe ist.

Udhёtimet e Lizёs (Alice Reisen)

R: Enton Kaca

Mit: Rovena Lule Kuka, Esmeralda Metka, Delinda Zhupa, Sara Smajaj, Orjon Halili, Dorjan Ramaliu Assistenz Elvis Lule

21. September 2011, KAOS Seebühne

Das Gastspiel fand im Rahmen des Festivals „OFF EUROPA 2011 UNIVERS SHQIPTAR Albanien/ Kosovo/ Diaspora“ statt.


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