Moritz Arand | Drucken20.02.2012 

Wo die Minotauren weiden

Andrej Kaminsky und Hanna Werth performen Wolfgang Hilbigs „Alte Abdeckerei“ in der Skala

Schauspieler Hanna Werth und Andrej Kaminsky (Fotos: R.Arnold/Centraltheater)

Der Abend beginnt mit Hölderlin: Die Hälfte des Lebens. Hanna Werth steht im Lichtkegel auf der Bühne vor einem Mikrophon und rezitiert das kurze Gedicht des schwäbischen Ausnahmepoeten. Dort ist die Rede von den heilignüchternen Wassern, in die die Schwäne ihre von Küssen trunkenen Köpfe tauchen, von gelben Birnen und wilden Rosen. Und am Ende fragt das lyrische Ich, wo es die Blumen, den Sonnenschein und den Schatten der Erde hernehmen soll, wenn der Winter kommt, wenn die Mauern sprachlos und kalt im Winde wehender Fahnen stehen. Was Hölderlin hier als ängstliche Frage hinterlassen hat, ist in der doch sehr lyrischen Prosa Wolfgang Hilbigs Realität geworden. Die Präfiguration des Ahnens bei Hölderlin, steht der Ankunft dieses Ahnens im Wissen bei Hilbig gegenüber. In der Welt Hilbigs, der DDR, stehen die Mauern nicht nur symbolisch sprachlos und kalt. Ein ewiger Winter hat sich in das Leben hineingefroren, der nur an manchen Stellen durch Erinnerungen an Entschwundenes antaut, aber unter dem Gefühl des Verlusts sofort wieder gefriert.

Wolfgang Hilbig wurde 1941 im thüringischen Meuselwitz geboren. Sein Vater gilt seit 1942 vor Stalingrad als vermisst. Hilbig wuchs bei seiner Mutter und den beiden Großeltern auf. Er arbeitete als Heizer und im Braunkohletagebau, bis er sich 1979 als Schriftsteller selbstständig machte. 1985 verließ er die DDR in Richtung Bundesrepublik. Wolfgang Hilbig ist Träger vieler Literaturpreise (Ingeborg-Bachmann-Preis, Georg-Büchner-Preis, Fontane-Preis). 2007 verstarb Wolfgang Hilbig in Berlin.

Die Anwesenheit der Mauern und die Ferne der Rosen stehen im Mittelpunkt der Lese-Performance Hilbig Lesen #1 Alte Abdeckerei. Die Bühne bildet im Zusammenspiel mit einem Großteil des Parketts den Schauplatz der zu Teilen sehr kryptischen Untermalung des Textes von Hilbig. Der Zuschauer sitzt ganz klassisch dem Bühnenraum gegenüber. Als „Auslegware“ des Bühnenbodens dient ein Tarnnetz auf dem rechts ein Stuhl hinter einem Blumenkasten, links eine Badewanne steht, vor der nur aus unmittelbarer Nähe zu erkennende DDR-typische Cowboyspielfiguren liegen. Die eigentlichen Bühne ist durch einen Leinwand begrenzt, auf der man mal Luftaufnahmen eines Tagebaugebiets sieht, mal kahle, knorrige Bäume, mal Kinder auf einem Waldweg, mal die Projektion des Textes zur didaktischen Unterstützung des Publikums. An der Bühne ist eine große Uhr angebracht, die kurz vor eins stehen geblieben ist.

Nach dem schon erwähnten Vortrag von Hanna Werth und nachdem auf der Leinwand die Einspielung einer hypnotischen Induktion zu sehen war, an dessen Ende der Klient sagen sollte „Ich kann sprechen!“, beginnt Andrej Kaminsky in wutentbrannt-schreiender Art und Weise den Text von Hilbig, den er vom Teleprompter abliest, vorzutragen. Er steht im Blumenkasten und kreuzt über seinem Kopf zwei Schwerter, die er in der Hand hält und mit denen er immer wieder in wilden Bewegungen die Luft hörbar durchschneidet. Das was zu hören ist, sind Berichte von kindlichen Spaziergängen zum Fluss, die, im Gegensatz zu den Erinnerungen an das Elternhaus, ein Stück weit fröhlicher anmuten. Allerdings handelt es sich bei den Ausbrüchen nur um Auswege ohne Ziel. Denn der Fluss ist hier auch die Grenze, an der die DDR beginnt oder endet. Überhaupt ist das Liquide an diesem Abend ein zentrales Motiv. Oft hört man es Plätschern, bis zum Schluss die Wanne mit Wasser aus einem Duschkopf gefüllt wird. Der Fluss steht synonym für den Wunsch entschwunden zu sein, er soll etwas wegspülen, ist aber auch der Assoziation der Tränen ausgesetzt, die hier nicht geweint werden. Wut und stille Trauer dominieren.

Das Grundlegende des Textes, ist das Gefühl vom Verlust der Geborgenheit, der Wunsch allem und allen fernzubleiben, ein Ver- und Entschwundener zu sein, eine Legende zu werden, sich in eine Idee zu verwandeln, und im schattenhaften Ruhm des Scheins sich aufzulösen. Verschwinden aus dem Gefängnis, aus der großen Ödnis, die nach allen Seiten ihre harte Begrenzung spüren lässt. Alles Begehren scheitert hier an der Müdigkeit, an der Erschöpfung. Man merkt dem Text die Wut an, die er gegenüber der Ignoranz und dem Stillstand entwickelt. Diese Stagnation versucht alles zu übergehen und bannt blindwütend alle Hoffnung in die Monotonie des Stahlbetons. Doch in diesem eingeschlossenen Inneren brodelt es. Von diesem Brodeln ist der Vortrag Andrej Kaminskys gekennzeichnet. Wandelnd zwischen den sprachlich aggressiven Ausbrüchen im Blumenkasten, nüchterner Vortagsweise an einem Tisch, in der Badewanne lesend oder in einem Affenkostüm auf einem Stuhl sitzend, werden die verschiedenen Facetten des Textes visuell unterstützt und erweitert. Dass Andrej Kaminsky hierbei das ein oder andere Mal sprachlich über seinen Enthusiasmus stolpert, ist nicht problematisch, fällt aber auf.

Die düstere Endzeit gipfelt in der Szenerie, in der Andrej Kaminsky hinter der Leinwand an einem Tisch sitzt und durch die Grubenlampe an seinem Schutzhelm nur eine schwache Erscheinung abgibt. Aus dieser Grubendunkelheit erfolgt der Bericht über Germania II, eine Seifenfabrik, die irgendwann durch einen Stolleneinbruch vom Erdboden verschwindet und durch einen See ersetzt wird. Da ist dann die Rede von Zügen, die an der Rampe, zu der der Erzähler nur eine Assoziation hat, tote, halbtote und lebende Tiere ankarren, von Deportation und den Plätzen der Finsternis. Die greifbaren Assoziationen zur industriellen Ermordung der Juden, der Roma und Sinti, der Homosexuellen und politischen Gegner in den Vernichtungslagern wirkt hier nicht konstruiert und pietätlos. Vielmehr unterstreicht dieser schweigende Bezug die eigentlich nicht darstellbare Banalität des Mordens, die Entartung der Moderne zu einer Stufe, die sie zu überschritten geglaubt hatte. Ebenso erinnert das exzessive Austrinken der vereinzelt herumstehenden Milchgläser durch Hanna Werth gegen Ende des Stückes invers an Celans Todesfuge. Des Weiteren handelt es sich auch um die Kritik, die wütende Ablehnung einer Heimat, deren Fundament auf Massengräbern ruht. Die schier unendlichen Assoziationen zu den Massengräbern, die Andrej Kaminsky bei immer lauter werdender Musik und zur Textprojektion auf der Leinwand schreiend vorträgt, ist eines der schauerlichen Höhenpunkte des Abends.

Ein weiterer Höhepunkt ist Hanna Werth. Als geisterhafte Erscheinung schreitet sie im weißen Abendkleid, mal die roten Stöckelschuhe in der Hand, mal an den Füßen, über die Bühne, klebt schwarze Bilder auf eine schwarze Wand. Und immer wieder tritt sie vor ihr Mikrophon und singt mit einer sehr berührenden, kristall-klaren Stimme Lieder von Gerhard Gundermann, dem Liedermacher aus Hoyerswerda. Der Gesang von Hanna Werth unterstreicht im Verbund mit den Texten Gundermanns den Mangel an Bezug und Orientierung in einer zeitlos anmutenden Braunkohleödnis. Die melancholische Verspieltheit der Texte Gundermanns bilden das musikalische Korrektiv zur Katastrophe, die der Text proklamiert. Als Trostspenderin der metaphysisch Bedürftigen entlässt die Musik aber nicht aus der Sehnsucht, verstärkt sie vielmehr noch. Und doch ist Hanna Werth in diesem Labyrinth ein roter Faden des Halts, eine Ariadne die durch ihren Zaubersang die Gruben der kohlebraunen Endzeit erhellt.

Bewegt sich der Text an den physischen wie auch metaphysischen Grenzlinien, so verortet sich auch die Darbietung an den Peripherien, im Lichtscheuen, Vagen und Unwägbaren. Hilbigs Text zeigt, fern von allen Stereotypen der DDR, die mitunter metaphysischen Begebenheiten seiner Umwelt, die den Text damit von jedwedem überflüssigen Zirat befreien und das wahrhaft Zerfurchte seiner Welt und die Zerrissenheit seiner Selbst offenlegen.

Im Gegensatz zu dem eingangs erwähnten Hölderlin, der über die winkelmannsche Idealisierung des antiken Griechenlands den freien Gebrauch des Eigenen gefordert hat und damit weit über seine Zeit hinweg geschritten ist, zeigt sich bei Hilbig der Ausverkauf des Sagbaren, die Verirrung der Sprache in eine beliebige Austauschbarkeit der Bezüge. Es entsteht eine Sprache, die sich von dem abzulösen beginnt, von dem sie spricht. Das macht sie zeitlos, verneint aber ihr Sein nicht. Und dadurch ist sie Hölderlin wieder sehr nah.

Der Abend von und mit Andrej Kaminsky und Hanna Werth erweist sich als tiefsinniger Grubengang in die Niederungen einer bereits enteilten Realität, die durch den Text wiederholt und wieder geholt wird, sich aufgrund ihrer relativen Bezugslosigkeit auch als Schablone über unserer Jetzt legen lassen kann. Einer Zeit, die sich in Endzeitszenarien flüchtet, weil sie nichts mehr hat, was sie sensationell erschlägt, hält dieser Abend drohend eine Welt entgegen, die Züge der Postapokalypse aufzeigt, vor deren Leere die Sprache gottlob noch nicht versagt hat und die Musik noch tönt.

Hilbig Lesen #1 Alte Abdeckerei

Von und mit: Andrej Kaminsky

Gast: Hanna Werth

Premiere: 11. Februar 2012, Skala


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