| Drucken06.05.2006 

„anderweltzeiten”, ein Stück des Leipzigers Christian Tittmann (Friederike Haupt)

anderweltzeiten
Text und Inszenierung: Christian Tittmann
Dach-Theater, Steinstraße 18
www.anderweltzeiten.de

Uraufführung: 6. Mai 2006
Aufführungen: 7., 20., 21. Mai, 9.,
10., 11. Juni 2006


Warum nicht aufgeben?

Wer nicht kämpft, hat von Anfang an verloren, verkündet das Theaterstück "anderweltzeiten"

Wie immer im Leben sind es auch hier die schlichtesten Fragen, deren Beantwortung am schwersten fällt: Wer sind wir? Wohin wollen wir? Und wo ist eigentlich Schmidt? Schmidt, soviel steht fest, wird gesucht im Stück des jungen Leipziger Theaterwissenschaftlers und Regisseurs Christian Tittmann. Und ob er gefunden wird, soll hier nicht verraten werden. Das ist, im Vertrauen gesagt, auch gar nicht so wichtig. Besser als Antworten zu finden, aus denen man keine Konsequenzen zieht, ist es, die richtigen Fragen zu stellen, um so immerhin einen Weg einzuschlagen, der nicht zwangsläufig eine Sackgasse ist.

Im theatralen Bermudadreieck Brecht - Müller - Beckett bewegen sich die Schauspieler, die sich vor kargem Bühnenbild, dominiert von einem Schild mit der programmatischen Aufschrift "Trümmer", mit der Suche nach Weltausdeutungen auseinandersetzen. Dabei werden von Zitaten aus Theater- und Filmmeilensteinen (gipfelnd im Ausspruch "Luke, ich bin dein Vater!") über absurde Dialoge mit expressionistischen Anklängen bis zu dramatisch erschütternden Szenen alle Mittel der Grenzauslotung ausgeschöpft - ohne dabei den Zeigefinger zu erheben oder gar das Publikum, wie seit einiger Zeit von manchen Regisseuren praktiziert, quasi an die Hand zu nehmen (was einer Unmündigkeitserklärung gleichkommt, dennoch vom Großbühnenbegeisterten oft mit Dank angenommen wird). Bei "anderweltzeiten" dagegen wird man allein gelassen mit den Charakteren auf der Bühne, die mal Angst machen, mal amüsieren, immer aber auf der Suche sind. Nach Liebe, Frieden, Erfolg, Anerkennung, Zuflucht und nach Schmidt. Schmidt ist eine Leerstelle, die vom Zuschauer gefüllt werden muss, der zuerst nur weiß, dass der Gesuchte wichtig ist: "Für wen soll ich denn dann noch leben, wenn es keinen Schmidt gibt? Für wen mache ich das ganze Theater hier, wenn es keinen Schmidt gibt? Für wen? Wenn es keinen Schmidt gibt, dann gibt es auch keinen Beuner." Beuner, das ist einer von denen, die nach Schmidt suchen und am Ende doch nur sie selbst sind.

Und während die Gewehre ballern, die Trümmer von einer desillusionierten Mutter Courage und einem - nicht ihrem - leidgeprüften Kind umgeschichtet - nicht beseitigt - werden, zeigt sich vor allem die Verlorenheit der Figuren, die verzweifelt nach Strohhalmen greifen, die es für sie nicht gibt. Stefan Kupietz erreicht weder als Elvis Presley, noch als Schmidt suchender Herr Beuner seine Ziele. Die Prostituierte (Franziska Kühne) gibt sich redlich Mühe, endlich ein Glück jenseits der Straße zu finden. Und Alexander Munzig schlurft - Alditüte in der Hand, Flachmann im Sakko - schon vor Beginn des Stücks über die noch hell erleuchtete Bühne und schließlich hinter den Vorhang, um anderthalb Stunden später mit noch immer irrem Blick noch immer auf der Suche nach seinem Fixpunkt zu sein. Und doch dämmert allen eine gemeinsame Erkenntnis: Aufgeben kann es auch nicht sein.

Bei alldem ziehen die acht auf der Bühne weit mehr Register, als man es von Laienschauspielern erwarten würde, und geben der Inszenierung damit eine Dimension, die sie von anderen Produktionen ähnlicher Art unterscheidet. Und dass mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben werden, ist eine wohltuende Abwechslung vom ewig erklärenden, deutenden Theater vieler Regisseure. Man muss ja nicht alles wissen, um etwas zu erkennen.

(Friederike Haupt)

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