Sarah Schramm | Drucken16.12.2010 

Das Grundgesetz – ein Märchen

Mit Kleist den Grundrechten auf der Spur: Anja Gronau inszeniert den „Kohlhaas“ im LOFFT

Gegen die Willkür der Obrigkeit war der Bürger machtlos, ist es und wird es immer bleiben. (Foto: Gronau)

„Was ich will? Den Rechtsstaat und dass er angewandt wird!“, hallt es durch den Saal des Leipziger LOFFT. Mit dieser Forderung steht der von Renate Regel verkörperte Rosshändler Kohlhaas vermutlich nicht allein, doch was nützt ihm das schon?

„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ – ALLE Menschen? Was in Artikel 3 Absatz 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland suggeriert wird, ist eine Illusion. Eine ziemlich radikale Formulierung, die spätestens in Anja Gronaus Kohlhaas – hiermit kündige ich als Staatsbürger plausibel wird. Machen wir uns nichts vor: Der einfache Bürger ist gegen die Obrigkeit des Staates, die Korruption der Eliten, chancenlos.

Gronaus Inszenierung der Kleist-Erzählung Michael Kohlhaas haucht der Geschichte um den Rosshändlers, der im 16. Jahrhundert gegen das ihm widerfahrene Unrecht kämpft, Zeitgeist ein. Der Missbrauch durch die Obrigkeit damals: Kohlhaas werden auf der Tronkenburg zu Unrecht zwei Rappen abspenstig gemacht. Niemand will ihm sein Recht anerkennen und aus Rache wählt er den scheinbar einzigen Ausweg: Verwüstungen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Der Missbrauch der Staatsmacht heute: Ein Polizist verletzt mit einem Wasserwerfer das Auge eines friedlichen Demonstranten bei den Protesten gegen Stuttgart 21. Körperverletzung? Nein, denn die Staatsgewalt ist dein Freund und Helfer! Mit diesem Trugschluss räumt Gronaus Stück auf, spricht den Missstand endlich aus.

Wer an eine pompöse Inszenierung im Stil des Naturalismus denkt, liegt gänzlich falsch. Mit einer einzigen Schauspielerin schafft es Gronau mit Text- statt Reizüberflutung – den Kohlhaas zum Leben zu erwecken. Renate Regel überzeugt als Kohlhaas, Rappe und emanzipierte Frau der Gegenwart. In der einstündigen Inszenierung hastet und schlendert sie, schreit und flüstert. Sie spricht Dialoge des Originaltextes nach und äußert aktuelle Kritik. Ein Tisch wird dabei zum Pferd umfunktioniert, eine Lampe zur Lanze. Durch Action-Painting-artiges Kritzeln großer Buchstaben erfahren wir, an welchem Ort des Geschehens wir uns gerade befinden. Leipzig wird dabei schlicht mit „L“ markiert – Verwirrung ausgeschlossen. Einfache Mittel sind es, die die One-woMan-Show ausmachen (Bühne und Kostüme: Mi Ander).

Als Renate Regel zu einem dicken Buch mit der Aufschrift „Märchen“ greift, sich der Saal verdunkelt und die Schatten von Spieluhren vorbeihuschen, scheint es einen Bruch zu geben. Was an dieser Stelle aber zum Ausdruck gebracht wird, ist durchaus überzeugend und wird der Märchen-Symbolik gerecht: Heinrich von Kleist selbst wird der Übertreibung und der Flucht ins Übernatürliche bezichtigt. Eine statthafte Kritik am Autor, die nicht zuletzt der Raffung der sich ins Unendliche ausweitenden Textfülle dient.

„Man muss die Klassiker neu spielen; man muss sie so spielen, wie wenn es Dichter von heute, ihre Werke Leben von heute wären“, schreibt Max Reinhart 1901 in Über ein Theater, wie es mir vorschwebt. Genau das geschieht in Gronaus runder Inszenierung, die nicht vieler Nachworte bedarf. Die Botschaft ist eindeutig: Gegen die Willkür der Obrigkeit war der Bürger machtlos, ist es und wird es immer bleiben. Wie passend, dass am 5. Dezember, zwei Tage nach der Leipzig-Premiere des Stücks, nur 14 Zuschauer anwesend sind – trotz Versammlungsfreiheit nach Artikel 8 GG.

Kohlhaas

Regie: Anja Gronau

Mit: Renate Regel

Premiere: 3. Dezember 2010, weitere Termine: 6.-9. Januar 2010, LOFFT

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