Sarah Schramm | Drucken | Kommentare (2)06.04.2011 

Nimm hin und trink!

Armin Petras bringt Einar Schleefs „Droge Faust (Parsifal)“ auf die Bühne der Skala

Schauspieler Anja Schneider, Berndt Stübner und Thomas Lawinky (Fotos: R.Arnold/Centraltheater)

Drogen. Von ihnen wird die Gemeinschaft zusammen gehalten, an ihnen zerbricht sie auch. Seien es Natur, Lust, Religion, Musik, Mord oder Alkohol – Rausch hat viele Gesichter. Ist er es, der die Welt im Innersten zusammen hält?

Jedenfalls hält der Rausch Armin Petras Stück Droge Faust zusammen, das seit dem 31. März 2011 in der Leipziger Skala aufgeführt wird. Soviel vorweg: Es wird getötet, zerstört, begehrt und getrunken – vor allem getrunken.

Schon zu Beginn türmen sich Fausts Phiolen in Gestalt von Wodka-Flaschen und geheimnisvollem Grün-Glas auf einem dunklen Holztisch. Anwendung finden sie im Stück wahrhaft reichlich: Faust kippt sich den Alkohol maßlos in die Kehle und auch Gretchen bechert das Geisterwasser gläserweise: In der Gartenszene ertränkt sie ihren Kummer im Alkohol. Während sie über die Mühen beim Aufziehen ihrer kleinen Schwester klagt, widmet sie ihre Aufmerksamkeit abwechselnd Faust und einer Wodka-Flasche.

Nebenbei sein bemerkt, dem Saufgelage liegt Wissenschaft zu Grunde: Einar Schleefs Droge Faust Parsifal dient als Vorlage. Der 500-Seiten-Essay ergründet den Kampf zwischen Individuum und Chor in der Geschichte deutschen Theaters. Das rebellierende Individuum wird ausgesondert, der Chor hält sich mittels Drogen zusammen. Beim letzten Abendmahl mit dem Leib Christi und Wein begonnen, wird der Prozess endlos fortgeführt. Die Gestalt der Droge ist dabei ebenso wandelbar wie die des Mephistopheles. Und das ausgestoßene Individuum geht auf dem Weg nach der höchsten Erkenntnis faustgleich am Exzess seines Selbst zu Grunde.

Von dieser Theorie ausgehend schien es sich Petras zur Aufgabe zu machen, mittels Goethes Faust auf der Bühne zu ergründen, wie viel Droge der Mensch braucht. Schleefs Behauptung, „In Faust I ist die Drogeneinnahme szenengebunden. Der Drogenkonsum der Titelfigur steigert sich von Szene zu Szene. Eine eindeutige Droge kann nicht bestimmt werden.“, gilt es schauspielpraktisch nachzuweisen.

Was zunächst nach einer theaterwissenschaftlichen Prüfung aussieht, entwickelt sich zu einer fabelhaft rauschenden Inszenierung des Faust-Stoffs: Anja Schneider schildert als aufgeregt-aufgedrehtes Fräulein ihrem stillschweigend-konzentrierten Prüfer Berndt Stübner Schleefs Theoriegebäude. Der Visualisierung dient Thomas Lawinky, der die Thesen praktisch an Fausts Eingangsmonolog zur Schau stellt. Dabei rezitiert er, nimmt kräftige Schlucke aus der Phiole, droht am Gesöff zu ersticken und spuckt es epileptisch zuckend über die gesamte Bühne. Der Rausch, der zunächst nur Lawinky erfasst, zieht bald darauf auch Schneider und Stübner in seinen Bann. Sie werden zu Goethes Gretchen und Mephisto, streuen dann und wann ein paar Sätze Einar Schleefs ein. Die klassische Faust-Handlung wird dabei aufgebrochen. Passagen, in denen sich Droge und Rausch nachweisen lassen, kommen überspitzt auf die Bühne, einige unbrauchbare werden gestrichen.

Handlung, Alkohol und Blut fließen unaufhaltsam. Faust – von der Gesellschaft isoliert – windet sich vor Schmerz auf dem Holztisch, scheint an seinem eigenen Saft zu ersticken, als er von einer Krankenschwester eine Blutkonserve in den Mund geschüttet bekommt. Die Droge der Opferung nimmt Besitz von Fausts Körper: Schmerz. Mit Schleefs Worten: „Die Figur friert in der Ausstoßung, krümmt sich, empfindet körperlichen Schmerz. Sie kann ihn nicht beruhigen, sondern mit der Erkenntnis wächst der Schmerz […].“

Den Sog aus Saufen und Blutspucken ergänzen parallel laufende Bilder auf der Videoleinwand (Video: Rebecca Riedel). Es sind psychedelische Szenen, die sich hier abspielen: Schnelle Bildmontagen gepaart mit einer Zeitlupe, in der ein Frosch von rechts nach links springt und einem Zeitraffer, in dem Pilze aus dem Boden sprießen. Grotesk und verstörend ist die Visualisierung auf der Leinwand. Nicht weniger bizarr ist Gretchens Showtanz mit einem biegsamen Metallkleiderbügel, den sie letztlich dazu nutzt, ihre Mutter umzubringen. Das kleine Unschuldige Wesen ist zur Psychokillerin mutiert. Gretchens Drogen: Wut, Aggression, Mord. Und Ihre?

Droge Faust

R.: Armin Petras

Mit: Thomas Lawinky, Anja Schneider, Berndt Stübner

Premiere: 31. März 2011, Skala


Kommentare lesen und hinzufügen (2)

franziska schrieb am 16.04.2011 um 17:01 Uhr:

guter text!!

sarah schrieb am 18.04.2011 um 12:44 Uhr:

danke!

 
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