| Drucken25.01.2003 

Arne Sierens „Mein Neger” als deutschsprachige Erstaufführung (Babette Dieterich)

25. Januar 2003, Neue Szene

Arne Sierens, Mein Neger
Deutschsprachige Erstaufführung
Studio-Inszenierung


Von einem, der auszog und wiederkam

Peggy (Theresa Scholze) hat es zu etwas gebracht. ?Sie hat jetzt einen Laden. Rate mal, wie der heißt...? Lange Pause, ?Peggy's Laden!? Mit diesem Witz ist bereits viel gesagt über die Tristesse, die Lukas (Johannes Geißer) antrifft, als er nach vier Jahren Großstadt in sein Heimatdorf zurück kehrt, um etwas Notarielles zu erledigen. Und dabei steht Peggy wie gesagt noch gut da. Lukas studiert Bauingenieur in Hamburg, Bäcker Oskar (Andreas Keller) kürt ihn sofort zum Brückenbauer, ?er baut ne Brücke über die Kirche direkt in die Hölle?. Da steht Lukas nun da wie ein Fremdkörper in seinem braunen Kordanzug und Rastalocken, wird begafft und beneidet und muss sich mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen.

Die Vergangenheit heißt vor allem Peggy und Clemens. Im Gegensatz zu den anderen Jungs, die mehr schlecht als recht von der Landwirtschaft leben, oder arbeitslos herumhängen und die Muskeln trainieren, versprüht Clemens (Jonas Laux) noch Lebendigkeit. Er schämt sich auch nicht dafür, Bücher zu lesen und bemüht mit Lukas die alten Rituale und Gesten der Helden. In seinem fulminanten ersten Auftritt lässt er als 007 die Bombe hochgehen. Später dann an Oskars Geburtstag übt er sich mit Lukas in diversen Heldenposen von ?Raumschiff Enterprise? bis ?12 Uhr Mittags?. Und Peggy? Mit der hatte Lukas mal was und ließ sie dann sitzen. Jetzt können sie nur noch aneinander vorbei reden.

Die Szenen wechseln rasch, neue Begegnungen, Konfrontationen, kurze Dialoge, und doch fällt das Stück von Arne Sierens nicht auseinander, weil es mehrere Konstanten gibt. Da wäre als erstes das Bühnenbild zu nennen (Bühne und Kostüme: Christine Tritthart), ein länglicher Holzkasten, Zwischending aus Schuppen und Jahrmarktsbude. Darin ein leerer Kühlschrank und ein schwarzer Hund an der Kette: Neger. Er ist die ganze Zeit auf der Bühne, alt, krank, vernachlässigt. Ähnlich trostlos und die ganze Zeit anwesend: Jeanette (toll gespielt von Nicola Ruf). Eine Pennerin, schmuddelig, allzeit bereit, jedem Mann einen zu blasen. Ihre hermetische Körpersprache ist ein einziger Aufschrei nach Zärtlichkeit. Ein Kühlschrank und eine Kühltruhe stehen auf dem Nebenschauplatz der Bühne und müssen als Symbol nicht weiter erklärt werden.

Interessant ist die Entstehung des Stückes ?Mein Neger?: Am Anfang steht ein persönliches Erlebnis des flämischen Autors, der nach zwanzig Jahren in das Dorf seiner Jugend fährt. Es folgen weitere Aufenthalte in der flämischen Provinz, das Material wächst. Arne Sierens entwickelte das Stück aus Improvisationen mit einer Schauspieltruppe, die zur Hälfte aus Laien bestand. Der daraus entstandene Text wurde wiederum befragt, reduziert und verdichtet. Einen ähnlichen Weg gingen die Schauspieler dieser deutschsprachigen Erstaufführung des Stückes, größtenteils übrigens Studierende der Hochschule für Musik und Theater: Sie machten ?Feldforschung? im Umland Leipzigs und befragten die Menschen über ihr Leben. Regisseur André Turnheim ließ den Studenten am Anfang der Proben viel Zeit, über Improvisationen in die eigene Figur zu finden. Das Ergebnis überzeugt, die jungen Schauspieler und Schauspielerinnen agieren sehr authentisch.

Das Stück mündet im zweiten Teil in das Geburtstagsfest des Bäckers Oskar. Immer noch auf Brautschau, bekommt er eine Gummipuppe mit weißem Schleier geschenkt. Peggy hat sich im Tigerkleid herausgeputzt, Bauer Andreas (Jörg Malchow), auch ein Ex von ihr, trägt ein verwegenes Glitzersakko. Alte Eifersüchteleien brechen auf, die Dialoge werden kürzer, es entstehen immer mehr Stimmungsbilder, untermalt von bekannten, emotionsgeladenen Popsongs. Es wird getanzt, geohrfeigt, wer eine kleine Pause braucht, verkriecht sich im Kühlschrank. Das ist auch der einzige Schwachpunkt des Abends: Diese musikunterlegten Stimmungsszenen sind trotz vieler Parallelhandlungen, hier Anmache, dort Keilerei auf dem Dach, ein wenig zu lang.

Am Ende, als sich die Gereiztheit steigert und man den Eindruck hat, sie könnte sich gleich in einer Gruppenvergewaltigung von Peggy entladen, bricht Regisseur André Turnheim die Stimmung und lässt das Stück in einem Schlusschoral, der von allen Teilnehmern gesungen wird, enden. Auch der Hund macht mit. Viel Realismus auf der Bühne, der gegen Ende eine seltsame Überhöhung erfährt. Doch auch das scheint ganz im Sinne des Autors zu sein. Sah er sich doch schon als junger Student vor dem Dilemma: ?Auf der einen Seite wollte ich absolut authentisches Theater machen, (...) andererseits mochte ich keinen Realismus. Ich wollte japanisches, also formal hoch entwickeltes, physisches Theater machen.? Der Schlusschoral sowie einige rituelle Heldengesten und Kampfszenen scheinen in diese Richtung zu deuten.

(Babette Dieterich)

Und der Hund? Man bekommt Mitleid mit ihm, wie er die ganze Zeit herumliegt. Irgendwann wird das treiben ihm zu bunt, er beginnt zu bellen. Das passt, als sei es inszeniert und stiehlt nur gegen Ende dem Bäcker die Show, als er dem ängstlichen Muskelprotz Hans-Christian (Moritz Führmann) Mut macht, das Dorf zu verlassen.

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