| Drucken | Kommentare (2)25.01.2007 

Auch in zweiter Spielzeit ein solides Theatererlebnis: „Die Ratten” (Claudia Euen)

Gerhart Hauptmann: Die Ratten
Schauspiel Leipzig
Regie: Karin Henkel
Dramaturgie: Heike Müller-Merten
Bühne & Kostüme: Henrike Engel
Mit: Jana Bauke, Carolin Conrad, Armin Dillenberger, Heidi Ecks, Thomas Huber,
Andreas Keller, Torsten Ranft & Silvia Weiskopf
Premiere: 18. März 2006


Der Aha-Effekt bleibt aus: Karin Henkel inszeniert Die Ratten am Leiziger Schauspiel

In flehender Haltung steht sie neben der großen schlanken Frau und zieht an ihrem Kleid. "Wat machste denn? Ick kümmer mich schon drum, det kannste globen". Schon in den ersten Minuten ist diese Ungeduld zu spüren. Wenn Frau John der schönen Polin Pauline ausreden will, sich und ihr Kind umzubringen. Diese unbedingte Zusicherung sich dem Kind anzunehmen, ohne dass es jemand bemerken wird, lässt Frau Johns Sorge um die junge Mutter scheinheilig werden. Das ungute Gefühl zieht sich fort, so wie die Geschichte selbst und Frau John bekommt was sie will: das Kind einer Anderen. Nur das sehnsuchtsvoll erwartete Glück tritt nicht ein, sonst wäre die Geschichte am Ende, bevor sie angefangen hat.

Gerhart Hauptmann schuf mit dem Stück Die Ratten, welches 1911 im Berliner Lessingtheater uraufgeführt wurde, ein wichtiges und eindrucksvolles Sozialdrama. "Den vielleicht wichtigsten Beitrag Gerhart Hauptmanns zum modernen Welttheater", wie Literaturhistoriker Hans Mayer einst verkündete. Da mag er nicht Unrecht gehabt haben, denn auch fast einhundert Jahre nach der ersten Aufführung ist das Stück so aktuell, als wäre es zu Beginn des 21. Jahrhunderts geschrieben worden. Das liegt natürlich daran, dass Die Ratten Dramen aufwirft, die zwischenmenschlichen Beziehungen von Natur aus mit sich bringen und keiner zeitlichen Bindung bedürfen. Zum anderen liegt es daran, dass auch heute noch Klassenunterschiede unsere Gesellschaft durchziehen und dass das Theater noch immer auf der Suche nach eigenen Werten ist. Und genau das ist das Interessante an dem Stück: die Verstrickung zweier Parallelwelten, für die Hauptmann einen gemeinsamen Ort gefunden hat: die Bühne.

Frau John ist Putzfrau bei Schauspieldirektor Harro Hassenreuter. Dieser wiederum hält sich mit seinem Theaterfundus, den er auf Frau Johns Dachboden betreibt, über Wasser. Denn das Kunstgeschäft läuft schlecht und er wartet auf den großen Coup. Dieser Dachboden ist Schauplatz für die Welt der Künste. Der exzentrische Hassenreuter trifft sich hier mit seiner extrovertierten Schauspielerfreundin, gespielt von Jana Bauke, die in ihrer wunderbar aufgesetzten, gekünstelten Art mit freizügigen Mitteln um seine Gunst buhlt. Hier lässt sich Hassenreuter in hochgestochenen Wortschwallen über die Kunst der Schauspielerei aus, in der nach seiner elitären Weltanschauung soziale Konflikte keinen Platz finden. Der Dachboden ist aber auch gleichzeitig der Ort, an dem Pauline ihr ungewolltes Kind zur Welt bringt.

Im Erdgeschoss des Mietshauses wohnt Frau John mit ihrem Mann, einem soliden Maurer. Er verdient sein Geld in Hamburg und amüsiert sich dort nebenbei ganz gut. Ihre kleine Wohnung steht allen offen. Sie ist gleichzeitig Treffpunkt für die Schnapsbrüder des Herr John, den Möchtegern-Schauspieler, der keinen Schlafplatz findet, und das Kind der drogenabhängigen Nachbarin, die ihr Neugeborenes immer dann in die Obhut der mütterlichen Putzfrau gibt, wenn sie gerade Männerbesuch hat.

Hauptmann entwickelte zu seiner Zeit Die Ratten anhand realer Geschichten. Persönliche Erlebnisse inspirierten ihn, wie etwa der tragische Verlust eines eigenen Kindes. Auch aktuelle Nachrichten waren für ihn die Grundlage seines kreativen Schaffens. Karin Henkel hat am Schauspiel in Leipzig dieses persönliche Zeugnis Hauptmanns gekonnt in Szene gesetzt. Ihr großes Plus ist ihre Liebe zum Detail. Ist es die Wohnung der Johns, vollgestopft mit Billig-Windel-Paketen oder die stoned-washes Karottenjeans der Schnapsbrüder, die sie kunstvoll in die weißen Tennissocken stopfen ließ - der Zuschauer erlebt ein visuelles Vergnügen.

Auch die über alles gehende Mutterliebe der Frau John alias Heidi Ecks, wird so gut transportiert, dass der Betrachter trotz jeglicher Absurdität verständig mit dem Kopf nickt. Überzeugend spielt auch Thomas Huber den besserwisserischen Schauspieldirektor, der furchtbar lässig und arrogant auf auf die Probleme des gemeinen Volkes hinabblickt. Doch sind diese Charaktere zum großen Teil der Solidität des Originals zu verdanken, denn Karin Henkel hat Die Ratten nicht durch große gedankliche Querverweise, sondern durch Accessoires in ihre Zeit übersetzt. Die frühere Mietskaserne ist ein Mietshaus, der Dachboden bleibt ein Dachboden. Auf große Interpretationen hat sie dabei verzichtet. Und auch wenn Kindesmisshandlungen und Mutter-Kind-Probleme gerade in unserer Zeit verstärkt durch die Medien geistern, und im Programmheft ein Zeitungsartikel über den Verkauf eines Neugeborenen abgedruckt ist, bleibt auch beim Tod des Babys der drogensüchtigen Nachbarin Frau Knobbe der große Aha-Effekt aus.

Trotz alledem vermittelt die Inszenierung einen genauen Einblick in die Welt des Theaters. Acht Schauspieler teilen sich 14 Rollen, die Bühne ist gleichzeitig Umkleide- und Probenraum. Die Akteure ziehen sich um, wechseln die Rollen und feilen während des Stücks an ihrem wunderbaren Berliner Dialekt. An dieser Stelle führt das Stück den naturalistischen Ansatz Hauptmanns fort. Das Theater wird so gezeigt, wie es leibt und lebt, unverblümt und unmaskiert. Und wer eben ein solch ungekünstelten Abend erleben möchte, für den sind Die Ratten nach Leipziger Art ein gediegenes Theatererlebnis.

(Claudia Euen)

Kommentare lesen und hinzufügen (2)

Meikel DoubleU schrieb am 13.04.2010 um 09:54 Uhr:

14. Juni 2007
Da ich dann doch keine Lust mehr aufgebracht habe, mir die diversen Beiträge nochmal durchzulesen, fordere ich einfach mal so im allgemeinen von Mr. Frauenvillage, Mr. T., Dr. Brown und Killer Yps (glattheraus) MAOISTISCHE SELBSTKRITIK!

Oh, dann ist mir doch noch was aufgefallen: Frau Eulens Beitrag zu den Ratten unterschlägt doch irgendwie die Ebene theatraler Selbstreferenz in den "Ratten". Das scheint mir doch nicht gänzlich nebensächlich zu sein - und sich in den ent-scheidenden Szenen nicht auf reine Reflexion zu beschränken (gerade wenn man an Hauptmann-Naturalismus etc. pp. denkt)!

Wie dem auch sei, etwas vernünftiges habe ich dann doch noch beizutragen. Ein hübsches Zitat, der Kritikergilde ins Stammbuch geschrieben - im doppelten Sinn:

"I'm sure they felt they did a good job - so their standard is wrong." (richard meltzer)

Das aber nur so im allgemeinen zum Thema Abgrenzung gegen alles Mögliche

Viele Grüße

Meikel

(hui - jetzt muss ich diese komischen zahlen lesen)

Tobias Prüwer (Chefredakteur) antwortete am 13.04.2010 um 09:54 Uhr:
02. Juli 2007
Sehr geehrter Kritiker,

vielen Dank für Ihr Interesse am Leipzig Almanach & Ihren Beitrag. Leider konnte ich diesem keine konkreten respektive substanziellen Anmerkungen entnehmen. Manchmal ist hermeneutische Hermetik leider nicht alles; besonders dann nicht, wenn man eiinen Punkt machen möchte.

Ich freue mich aber auf Ihre Replik, die vielleicht etwas eindeutiger formuliert, uns auf unsere Mängel und Schwächen hinweist.

Viele Grüße,

Ihr Leipzig Almanch.

Tobias Prüwer

Fragend schrieb am 13.04.2010 um 09:56 Uhr:

05. September 2007
Als Antwort auf: kritik von Meikel DoubleU vom 14. Juni 2007
???
Zuviel Zeit?
Arbeitslos?
Von Lernen ablenken wollen?

???

Sachen gibtss

 
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