| Drucken29.11.2002 

August Strindberg „Fräulein Julie”, Premiere (Ian Sober)

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29.11.2002 Schauspiel Leipzig
August Strindberg ?Fräulein Julie? (Premiere)

Julie: Anja Schneider
Jean: Tobias J. Lehmann
Kristin: Liv-Juliane Barine

Regie: Markus Dietz
Bühne und Kostüme: Franz Lehr
Musik: Thomas Hertel
Dramaturgie: Carmen Wolfram


Kampf der Geschlechter, horizontal und vertikal

Liebe überwindet alle Schranken, doch bei Strindberg ist es weniger romantisch. "Wissen Sie, was Liebe ist?" fragt Fräulein Julie den Diener Jean, der ihr zur Antwort gibt "Glauben Sie, ich mache das zum ersten Mal?". Regisseur Markus Dietz ("Dämonen") ist in seinem Element: Liebe erscheint als ein Balanceakt zwischen Selbstaufgabe und Siegeswillen, auf beiden Seiten wechseln die Gefühle zwischen Zärtlichkeit und Verachtung, Bewunderung und Haß.

Am Mittsommerabend verführt die Grafentochter Julie den Diener Jean, der mit der Köchin Kristin liiert ist. Der gesellschaftliche Abstand wird auf der Bühne in räumliche Distanz übersetzt. Die Metapher funktioniert fast schon zu gut: Aus schwindelnder Höhe fordert Julie Jean zum Tanz auf, der aus der Küche eine zwanzig Meter hohe Wendeltreppe hinaufsteigt. Doch selbst, wenn Julie hinabgestiegen ist, bleibt die Distanz: jetzt in der Horizontalen symbolisiert durch einen riesigen leeren Großküchen-Tisch, der sich manchmal wie ein Schlachtfeld zwischen beiden ausbreitet.

Julie, eine Femme Fatale in enger Reithose, holt sich, was ihr gefällt, so scheint es am Anfang. Jean sieht die Gefahr, aber er ist nicht der Prophet, und Salome siegt dieses Mal. Einmal, so sagt er, hätte ihn die Liebe krank gemacht. Und später erzählt er Julie, wie er sie angeschwärmt hat, die ferne, für ihn unerreichbare, er, der aufwuchs mit sieben Geschwistern und einem Schwein. Und wie er sterben wollte ihretwegen. Und Julie, die ihm hemmungslos schmeichelt jetzt, verführt ihn nach den Regeln der Kunst.

Die lärmende Gesellschaft des Mittsommernachtsfestes dringt ins Haus ein. Die Bedrohung von außen wird - zusammen mit dem Liebesakt - stilisiert durch die unerträgliche Helligkeit greller Scheinwerfer, die das Publikum blenden, während einem die Ohren dröhnen vom Tosen einer wilden Walpurgisnacht. Danach bietet sich dem Auge ein Bild der Verwüstung: Die Beine des Tisches ragen in die Luft, der Boden ist übersäht von kaputten Kartoffeln. Der zweite Teil des Stückes ist erdrückend in seiner Ausweglosigkeit. Die Machtverhältnisse haben sich umgekehrt, Verzweiflung auf der einen, Zynismus auf der anderen Seite.

"Wissen Sie, was Liebe ist?" - "Glauben Sie, ich mache das zum ersten Mal?" Jeans Geschichte vom jugendlichen Schwärmen für Julie scheint plötzlich erfunden, um sie gefügig zu machen, gefügig als ein Werkzeug für seinen gesellschaftlichen Aufstieg. Seine praktischen Lebensansichten kollidieren mit ihren schwärmerischen, und ihre Verachtung für seinen Stand trifft auf seinen Zynismus. "Ich hasse Sie, wie ich Ratten hasse." - "Wir machen nicht solche Chosen. Wir hassen uns nicht, wir lieben uns. Zum Vergnügen, wenn wir Zeit dazu haben." Aber auch die jeweilige Beziehung beider zu Kristin kehrt sich um. Die vereitelt vollends die schon halb gescheiterten Fluchtpläne und verkündet voll blasierter Selbstgerechtigkeit ihre Moralvorstellung der kleinen Leute (wie man's bei Werner Schwab nicht schöner finden könnte).

Das Darstellen des ständigen Kippens der Machtverhältnisse, des Umschlagens der Emotionen ist keine leichte Aufgabe für die über weite Strecken überzeugenden Schauspieler. Es wird mit viel Engagement gespielt, und die hemmungslosen Ausbrüche von Jeans Aggression bleiben nicht ganz ohne körperliche Folgen für Anja Schneider... Nur manchmal flaut die Intensität etwas ab. Julies "Gibt es einen Menschen auf der Erde, der so unglücklich ist wie ich?" kommt etwas belanglos daher, obschon die Situation so ist, daß man es ihr gern abnähme. Und die lange Erzählung über ihre Eltern wirkt eine Spur betulich, vergleicht man sie mit den dynamischen Anfangsszenen. Das sehr interessante Bühnenbild ist vielleicht schon fast zu ästhetisch gelungen. Manche Regieeinfälle sind obskur: Wozu dient wohl die Durchsage des berühmten Türenschließ-Singsangs der Prager Metro? Letztlich Geschmacksfragen, die den positiven Eindruck dieser Inszenierung nicht zu schmälern vermögen.

(Ian Sober)

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