Jana Nowak | Drucken15.02.2015 

Love your Vagina!

Auf den Spuren von Eve Enslers Vagina-Monologen präsentieren die Cammerspiele mit „Aus dem Land des senkrechten Lächelns“ ein Tableau unterschiedlichster Auffassungen von Weiblichkeit

Fotos: Sebastian Schimmel

Wie definieren Leipziger*innen ihre Weiblichkeit? Was bedeutet es für sie, eine Frau zu sein, eine Vagina zu haben? Und wie riecht die überhaupt? Diesen Fragen spürt Regisseurin Harika Dauth an den Cammerspielen Leipzig nach. Schon der Eingang macht deutlich, dass man sich hier mit Femininität auseinandersetzen muss: so steigen die Zuschauer (zunächst noch etwas zögerlich) durch eine etwa zwei Meter hohe Vagina, drängen sich durch eine Art Geburtskanal, bei der die Kontraktionen durch die Schauspieler hervorgerufen werden, die sich (hinter schwerem roten Stoff verborgen) an die Innenwände des „Organs“ pressen um dann schließlich den Bühnenraum zu erreichen.

Was nun folgt, ist eine Collage aus sieben Interviews, die mit Leipziger*innen durchgeführt wurden. Themen wie Masturbation, Menstruation, Transfrau-Sein oder auch Geburt werden subjektiv und schonungslos dargestellt. Dabei ist sowohl die Spielfreude der Darsteller, wie auch die intermediale Inszenierung, die zwischen Audio- und Videoaufnahmen wechselt und zum Teil auch durch die körperliche Präsenz der Tänzer unterstützt wird, ein Garant für eine unterhaltsame und spannende Vorstellung. Zwar klingen einige Erzählungen wie Reminiszenzen an Charlotte Roche: „Am frühen Morgen, manchmal, wenn ich dusch, dring ich mit meinem Finger in meinen After und dann merk ich so ein bisschen die Wurst [...]“. Jedoch nehmen diese Momente nicht überhand, da auch Themen wie sexuelle Gewalt oder die eigene Körperwahrnehmung mit der nötigen Ernsthaftigkeit behandelt werden.

Vor dem Hintergrund der Aktualität beziehungsweise Authentizität (welche immer nur vermittelt zum Ausdruck kommt, entweder über die mediale Darstellung oder die Verkörperung durch eine Schauspielerin) kommt dem Stück eine zusätzliche Brisanz zu. Dass es auf den Aussagen in Leipzig lebender Menschen beruht, zeigt, wie präsent Themen wie Scham (über die eigene Periode oder Haarwuchs), Angst vor möglicher sexueller Unzulänglichkeit oder auch vor dem Bekennen zur eigenen Transidentität sind.

Im Kontrast zu den textlastigen Szenen stehen chorale Gesangseinlagen, bei denen teils traurig, teils kraftvoll die jeweiligen Geschichten untermalt werden, ebenso wie tänzerische Elemente, bei denen die Akteurinnen in einem Moment zu einem Wesen oder Organ zu verschmelzen scheinen, nur um dann wieder showgirlartig zur Musik von „You turn me on“ ihre nur mit hautfarbenen Anzügen bekleideten Körper zu präsentieren. Es scheint konsequent, dass die Körperlichkeit der Darstellerinnen eine zentrale Stellung in der Aufführung einnimmt. Die Anzüge der Spielerinnen lassen nur wenig Raum für Fantasie, vielmehr ist man ständig mit ihren Körpern konfrontiert, sodass sich der Zuschauer in eine voyeuristische Position versetzt fühlt und eventuell sogar zu Reflexionen über die eigene Auffassung von Weiblichkeit und die (mediale oder persönliche) Objektivierung von Frauen angeregt wird. Wie passend, dass die Premiere des Stücks mit dem Auftakt der zehnten Staffel von „Germanys Next Topmodel“ zusammenfällt und so eine kreative und spannende Alternative zu den scheinbar perfektionierten und glatten Körperbildern der umstrittenen Castingshow bietet.

Aus dem Land des senkrechten Lächelns

Regie/Text: Harika Dauth

Schauspiel: Hanin Tischer, Sophie Luise Lenk

Tanz: Lisa Poprawa, Milena Stein, Roberta Ceppaglia

Gesang: Josi Kellert, Rosa Taoubi, Serra Al-Deen, Shirin Amara, Sophie Luise Lenk

Piano: Alexander Capistran

Sound: Sabrina Lorch

Bühnenbild: Nathanael Lehner, David Horsters

Licht/Projektion: Johannes Voigt

Assistenz: Enrico Mina

Technik: Heiko Kluge

Cammerspiele Leipzig; Premiere 12. Feburar 2015


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