Franca Hähle | Drucken19.09.2011 

Drei Punkte für den FC Zielinski

Mit „Aus der Traum!“ holt Jürgen Zielinski im Theater der Jungen Welt einen verdienten Heimsieg

Auch der Fußball kommt hier nicht zu kurz (Fotos: Tom Schulze)

Burn-Out, die Erschöpfungsdepression, die langsam aber sicher zur Volkskrankheit avanciert, betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche, auch den Sport. Eine Domäne, die von Kraft und Leistung lebt, als Hort mentaler und physischer Schwäche? Das Theater der Jungen Welt räumt gerade diesem heiklen Problem mit dem Stück Aus der Traum! Platz ein.

Der Hoffnungsträger der Geschichte – Malte Kreuzfeld (Martin Klemm). Mit 17 von einem Scout im Heimatverein SV Unterdöbeln entdeckt, schaffte er einen kometenhaften Aufstieg in Bundesliga und Nationalmannschaft. Doch nach den ersten Torerfolgen bleiben die Treffer aus. Ein Benefiz-Spiel führt ihn zurück in seine Heimatstadt. Nährboden für verschüttete Konflikte, aber auch Rückzugsort.

Wichtiger Motor des Stücks der schlagzeugspielende Torwart Clemens Litschko. Er gibt dem Stück Rhythmus und Dynamik, zieht das Tempo an, wenn der Druck steigt und begleitet die punktspielähnlichen Dialogsequenzen zwischen den Darstellern.

Im Battle zwischen Freddy, Maltes Jugendfreund, der den Aufstieg nicht schaffte und Malte, der Fußballhoffnung des Jahrhunderts, überträgt Litschko angestaute Wut und Enttäuschung in Rhythmen und Lautstärke.

Die Bühne (Fabian Gold) liefert dazu den perfekten Schauplatz. Ein grasgrünes Spielfeld mit Flutlichtern bildet den Ort der Handlung, umgeben von einer Stadiontribüne für Rahmengeschehnisse, Seiteneinwürfe und Videoprojektion. Darin eingelassen sind verschiebbare Module, die auf dem Rasen eine Umkleidekabine entstehen lassen, wo es dann ans Eingemachte geht. Kurz und knapp: Ein funktionaler Raum, der viele raffinieret Details beinhaltet. O-Ton einer Zuschauerin: Da wurde wirklich das Optimale aus dem Raum rausgeholt. Man könnte also sagen, die Mannschaft um Jürgen Zielinski landet mit Musik und Bühne zwei Treffer zum 2:0.

Zielinski, der das Auftragswerk (Holger Schober) inszenierte, wählte einen sehr direkten Einstieg. Träume und Hoffnungen, sowie resignierende Einschätzungen der Realität, stehen am Beginn des Stücks. Björn, die neue Fußballhoffnung, die Malte Kreuzfeld beerben soll (jugendlich und engagiert gespielt von Moritz Gabriel), brennt für seinen Sport und stellt alles andere hinten an. Dennoch, oder gerade deshalb bleibt auch er nicht verschont von der Angst vor dem Versagen. Freddy (Sven Reese), der in der Provinz zurückgebliebene Postbeamte und Hobbytrainer, hält an seinem Heimatverein fest. Er gründet mit Maltes großer Liebe eine Familie und hat einen sicheren Job. „In seiner Welt ist er ein König, in der des Profifußballs wäre er ein Page.“

Maltes Gegenspieler sind klar gezeichnet. Der eine träumt vom Aufstieg, der andere hat sich mit dem fehlenden Erfolg arrangiert. Malte gibt angesichts dieses Triumphs zunächst den Coolen, mit Sweatjackett, Sonnenbrille und edlem Schaltuch schreibt er Autogramme. Doch schnell wird ersichtlich, der Erfolg war nicht von langer Dauer und Geld kann nicht alles ersetzen. Probleme bereiten ihm die Mechanismen des Fußballsports, alle wollen gute Miene zum bösen Spiel, Marktwert geht vor Menschlichkeit. Er kann dem Medieninteresse an seiner Person und den großen Hoffnungen seines Vereins schon lang nicht mehr stand halten. Wie ein Hamster rennt er im Stadionbühnenrund umher. Wirft sich zitternd mit dem Ball durch Alptraumszenen, die von Dunkelheit und den peitschenden Drums begleitet werden.

Ebenso gibt es ruhige Momente, in denen er mit seiner ehemaligen großen Liebe Karin oder der übermotivierten Jungreporterin Sanne über seine Gefühle und seine Krankheit spricht. Diese Szenen kommen jedoch etwas zu kurz. Zwar werden die Symptome der Erkrankung im Interview genannt und von Malte selbst mehrmals formuliert. Dennoch fehlt es ein wenig an Authentizität, da die Ernsthaftigkeit des Leidens nicht mit allem Nachdruck offen gelegt wurde. Eine wirkliche Hilfestellung bleibt aus. Wie Malte mit seiner Angst, dem Druck und seinem Abstieg klar kommt, bleibt offen, dass er den Kampf aufnimmt steht außer Frage. Die Vorlage für ein mögliches dramaturgisches Gegentor.

Neben der Thematik der Erschöpfungsdepression kommt auch der Fußball nicht zu kurz. Auch wenn er einerseits die Ursache für das Problem darstellt, so bringt er das Stück auch ins eigene Gleichgewicht zurück. Besonders stark ist hierbei die Szene des eigentlichen Benefizspiels. Das ständige Einfrieren der Bewegungen aller Personen bis auf die der Schiedsrichterin, bietet eine Vielzahl an aussagekräftigen Momentaufnahmen, in denen vor allem die Mimik aller Ensemblemitglieder begeistert. Ob gierende Reporter, mitfiebernde Fußballurgesteine, leidende Spieler oder mitfühlende Freundin, das Portfolio der Schauspieler bildet sämtliche Gefühlslagen ab. Das fortwährende Dribbeln der Schiedsrichterin hingegen, lässt es dennoch Bewegung nicht vermissen. Die Vorlage zum Treffer für das 3:0.

Ein besonders unterhaltsames Highlight des Abends ist der nackte Feldstürmer, Flitzerblitzer, der seine Fans per Videobotschaften kontinuierlich auf dem Laufenden hält, so dass der Zuschauer seinen eigentlichen Auftritt als Po-Promoter kaum abwarten kann. Dieses Tor des Tages verhilft dem FC Zielinski zum 4:0. Ein Endstand der sich sehenlassen kann.

Aus der Traum! – ein Fußballstück, das mittels vieler gut umgesetzter Ideen ein kurzweiliges Tableau der Fußballbranche zeigt.

Aus der Traum!

Theaterstück von Holger Schober

Regie Jürgen Zielinski

Mit: Martin Klemm, Sven Reese, Elisabeth Fues, Moritz Gabriel, Anke Stoppa, Anna-Lena Zühlke, Reinhart Reimann, Susanne Krämer, Gösta Bornschein, Chris Lopatta, Clemens Litschko

Premiere: 17. September 2011, Theater der Jungen Welt

Weitere Aufführungen: 11.10., 19.30 Uhr ("Theatertag" - zwei kommen, einer zahlt) und 12.10., 10 Uhr. Im Anschluss an die Vorstellung am Dienstag (11.10.) findet ein Publikumsgespräch mit Schauspielern und Regieteam statt, angefragt ist außerdem der Sportphilosoph Junior-Prof. Arno Müller


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