Steffen Kühn | Drucken24.11.2012 

Salonphilosoph trifft Musiktheater

Wie Peter Sloterdijk als Librettist gründlich danebengreift: „Babylon“ in der Bayerischen Staatsoper

Fotos: Wilfried Hösl

Die Bayerische Staatsoper scheut keinen Aufwand im Wettbewerb um das wichtigste Opernhaus Deutschlands. Die Oper Babylon bestellte man beim Münchner Komponisten Jörg Widmann und dem Salonphilosophen Peter Sloterdijk aus Karlsruhe. Widmann, einer der angesagtesten deutschen zeitgenössischen Komponisten bewegte sich auf vertrautem Terrain, bereits als Schüler komponierte er seine erste Oper, vor ca. 10 Jahren wurde dann seine Oper Das Gesicht im Spiegel in München uraufgeführt. Für Peter Sloterdijk war es allerdings der erste Ausflug ins Opernfach, bisher ja allseits bekannt durch seine wortgewaltigen Einmischungen in die gesellschaftliche Debatten. Zwei starke Persönlichkeiten also! Schon in den Ankündigungen und Interviews im Vorfeld der Uraufführung fragte man sich wie diese Begegnung ausgehen würde. Musik oder Text, was kommt zuerst, die ewige Frage des Musiktheaters.

Diese Oper spielt zur Zeit des Exils des Volkes Israel in Babylon, es greift eine Unmenge Mythen Mesopotamiens auf: von der Sintflut über den Kampf der Muttergöttin Tiamat mit dem Gott Mardurk bis zum Abstieg der Liebesgöttin Inanna in die Unterwelt. Es geht um Babylon die erste Megacity der Menschheitsgeschichte, von der Bibel als „die große Hure“ gebrandmarkt. Babylons alte Rituale treffen auf die Gedankenwelt des Judentums. Der Hauptprotagonist, der Jude Tammu (Jussi Myllys) Vertrauter des babylonischen Priesterkönigs(dunkel und würdevoll: Willard White) lebt im babylonischen Exil. Die Priesterin Inanna (glasklar: Anna Prohaska) lehrt Tammu die freie Liebe. Dieser muss sich erst schmerzhaft von seiner Seele (beeindruckend: Claron McFadden) lösen. Es geht um Opferungen, Liebe, Ausschweifungen, Sünde, Hass und sehr sehr vieles mehr. Soviel Inhalt, der bezeichnenderweise auch in deutschen Übertiteln vermittelt werden muss. Es ist unmöglich, sowas über die eigentliche Aufführung zu vermitteln, so braucht diese Aufführung ein 200seitiges Programmbuch. Hier hat sich der Debütant Sloterdijk gewaltig verhoben, nach den ermüdenden ersten 4 Bildern (fast 2 Stunden) verlassen viele Besucher das Haus: „das wird nicht besser“ wird getuschelt.

Aber nun zur Musik: Jörg Widmann hat sich schon öfter darüber öffentlich gefreut, dass seine Generation heute nicht mehr gegen irgendwas sein muss, wie beispielsweise seine Lehrer Henze und Rihm. Aus den fehlenden Imperativen ergibt sich aus Sicht Widmanns freilich der Anspruch „die Reichhaltigkeit zusammen zu halten“. Ist das Widmann gelungen? Ehrlicherweise muss man sagen, dass es schwerfällt diese Frage zu beantworten. Die Musik ertrinkt im überbordenden Libretto, dazu kommt in der Münchner Uraufführung die gewaltige technoide Spektakel - Maschinerie von Carlos Padrissa und seiner Companie La Fura dels Baus. Planeten, Affen, in Vulven und Phalloi gesteckte Menschenwesen, die Aufführung explodiert in einer gewaltigen Bilderwelt, real und durch die für Padrissa typischen Videoprojektionen übermalt. Überall krabbelt und bewegt sich da was. Man hat das Gefühl, dass sich Widmanns Musik hier nicht wohl fühlt. Libretto und Inszenierung lassen keine nach Tönen verlangenden Leerstellen zu, kaum dass die Figuren mal allein singen dürfen. Auf der anderen Seite bietet auch Widmann viel auf: Pop, Jazz, ein eingängiges Liebesmotiv, die Orgel donnert. Aus dem gewagtesten Klangkaskaden schälen sich irgendwann die „lustigen Holzhackerbuam“ und der „Bayerische Defiliermarsch“. Hochkomplex ist das, ob es Widmann gelungen ist, diese Reichhaltigkeit zusammenzuhalten bleibt offen.

Sloterdijk hat sich im Vorfeld der Oper gespreizt mit der Aussage, keinen Neorealismus und keinen Realismus zeigen zu wollen. Die Oper wäre einer der letzten Schutzräume für Pathos. Das klingt gut, doch gelungen ist die Umsetzung nicht. Babylon lässt die Zuhörer ratlos in einer mit Mythen aufgeblasenen Megastory zurück. Mythen und Religionen werden benutzt, ein scheinheiliges Weltgebäude zu errichten. Schade für die Musik und das sich unter Kent Nagano wacker schlagende Bayrische Staatsorchester. Die Oper ist ein Schutzraum ja, allerdings nicht für eifernde Philosophen, sondern für die Musik und das sollte auch so bleiben – Prima la musica e poi le parole!

Babylon

Oper in sieben Bildern

Komposition: Jörg Widmann

Libretto: Peter Sloterdijk

Musikalische Leitung: Kent Nagano

Inszenierung: Carlus Padrissa – La Fura dels Baus

Bayerisches Staatsorchester

Chor der Bayerischen Staatsoper

6. November 2012, Bayrische Staatsoper


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