| Drucken07.01.2003 

Ballet Teatro Español de Rafael Aguilar – Carmen Flamenco (Premiere)

07.01.2002, 20 Uhr, Opernhaus

Ballet Teatro Espa?ol de Rafael Aguilar - Carmen Flamenco (Premiere)
Weitere Vorstellungen: täglich bis 12.01. im Opernhaus

Veranstalter: BB Promotion

Regie und Choreografie: Rafael Aguilar
Musik: Georges Bizet, Pablo de Sarasate; traditioneller Flamenco
Flamencosequenzen: Flavio Pérez, Lloreç Barber
Gesangstexte: Fidel Vilar Ribot
Bühnenbild: Xavier Ma?ero
Kostümdesign: Rafael Aguilar, Manuela Aguilar
Künstlerische Leitung: Carmen Salinas

Carmen: Dolores Ortiz
Don José: Franciso Guerrero
García, der Einäugige: Álamo
Lucas, der Torero: Fernando Solano
Manolita: Rosa Jiménez
Sänger: Marisa Martos, Gabriel Flores, Emilio Florido
Gitarristen: Miguel Linares, Javier Romanos
Flötist: Moises Pascua

Fotos

Zwischenwelten

Wie gestaltet man eine Rezension, wenn es nicht ausreicht, über gut oder schlecht zu urteilen, einerseits weil dieses Ensemble schon seit mehr als zehn Jahren von unzähligen Pressestimmen beurteilt wurde, andererseits weil es dem Flamenco nicht angemessen wäre. Denn der Flamenco lebt nicht allein von der Frage der Perfektion, sondern in erster Linie von der Tiefe der Emotion, die er transportiert. Somit bleibt es trotz aller Zugeständnisse an die Maßstäbe eines internationalen Publikums Sache eines jeden einzelnen zu erforschen, wie tief die Berührung war.

Angesichts dieses Umstands folgerten wir, dass nur eine schrittweise Annäherung an unser eigenes Erleben genug von diesem Abend vermitteln könnte, um auch anderen, die Aguilars Tanztheater (noch) nicht miterlebten, eine Vorstellung davon zu geben. Im Gespräch über Carmen und Flamenco versuchten wir eine Form zu finden, die der Aufführung gerecht wird.

Enrico: Ehrlich gesagt, war ich mir im Vorhinein nicht sicher, wie das zusammengehen soll, der Flamenco als Ausdruck intimer Empfindungen auf der einen Seite und eine derartige Darbietung in Räumlichkeiten, die selbst alles andere als intim sind. Schließlich befindet sich der Flamenco seit seiner Publikwerdung in diesem Dilemma: Ursprünglich im familiären Rahmen der gesellschaftlich geächteten Gitanos stattfindend, wenn man sich im engsten Bekanntenkreis bei Wein zur Juerga traf, in innigen Gesängen von den Härten des Lebens erzählte, immer auf der Suche nach dem Duende, dem absoluten Höhepunkt der emotionellen Ekstase, ging unweigerlich etwas Elementares verloren bei der gesellschaftlichen Vereinnahmung durch die Payos, die Nicht-Zigeuner. Gerade in solchen Großveranstaltungen wird einem dieser Verlust oder zumindestens die Transformation ganz immens bewusst.

Johanna: Was ist dann aber die Motivation für Gruppen wie diese, den Flamenco so zu präsentieren? Sie empfinden gewiss den Tanz nicht weniger tief. Die Frage ist doch, welche Möglichkeiten der Vermittlung es für einen größeren Kreis an Leuten gibt. Die globale Rezeption des Flamenco bereichert diesen ja auch.

Eines der Probleme der Konzeption war z.B., dass mit dem eigentlich auf den Moment bezogenen Flamenco weite dramaturgische Strecken zurückgelegt werden mussten, ganz einfach weil eine Geschichte erzählt wurde. Das gelang aber nur durch die Einbeziehung von Elementen anderer Tanzkulturen, wie etwa des Klassischen Balletts, etwa zur Darstellung der Todesvisionen der Carmen. Dafür brauchte man Tanzfiguren, die der traditionelle Flamenco gar nicht kennt.

Enrico: Ebenso für die lange Liebesszene zwischen Don José und Carmen. Hier erschien es mir sogar für den Umfang, den sie einnahm, auf Dauer etwas zu wenig zu sein. Das lauernde Umschleichen, das unermüdliche Anziehen und Abstoßen, mit dem Carmen ihren Liebhaber in heftige Erregung bringt, verlor irgendwann an Substanz.

Johanna: Obwohl die nahezu akrobatischen Bewegungen um und auf und unter dem eisernen Bettgestell und dazu der neblig-weiße Lichtkegel über den beiden eine faszinierende spielerisch-erotische Dynamik besaßen.

Enrico: Aber um auf den anfangs angesprochenen Aspekt zurückzukommen: Es war bezeichnend, dass die ergreifendsten Momente diejenigen waren, die der ursprünglichsten Form des Flamenco am nächsten kamen. Besonders waren das zwei Stellen. Einmal der unglaubliche Gesang der Marisa Martos, die als Seherin lediglich begleitet vom Palmas, dem rhythmischen Klatschen, die Geschichte des Basken Don José erzählte. Sie tat das mit einer unbändigen Intensität, die einfach kein Äquivalent im Rest des Stückes fand.

Und zum anderen eine kurze Tanzszene, die eigentlich nur von einem Umbau ablenken sollte. Aber die junge Tänzerin vermittelte so viel Energie, so viel Dramatik in diesem kurzen Stück, dass dagegen der oftmals nur martialisch-frivole Tanz der anderen Darstellerinnen auf Dauer an Gehalt verlor. Eigentlich gibt doch auch die Rolle der Carmen wesentlich mehr her.

Johanna: Wenn man es genau betrachtet, wurde ja auch mehr dargestellt. Dies zeigt ein Vergleich mit der literarischen Vorlage von Merimée, der Novelle Carmen. Einige der dort beschriebenen Eigenschaften Carmens fallen bei Aguilar weg, werden aber durch andere ersetzt. Die Carmen der Textvorlage agiert nach rein eigennützigen Prinzipien, die aber nicht so sehr wie bei Aguilar mit dem Lust und Laune Prinzip einhergehen, einen Mann nach dem zu erniedrigen, sondern eher pragmatisch-ökonomischen Gründen folgen. So erscheint sie ebenso spöttelnd wie lieblos, jedoch ernsthafter und furchtloser, als das bei Aguilar der Fall ist. Bei diesem wird sie, die sich noch bei Mérimée mutig dem unabwendbar tödlichen Schicksal entgegenstellte, zu einer todesbangen, jedoch auch todessehnsüchtigen und marienfürchtigen, aber ebenso abergläubigen Frau. Ihre verführerischen Künste und erotische Ausstrahlung bleiben aber Hauptmerkmal und sind der Grund, warum sie wie eine Königin gefeiert wird.

Enrico: Doch wie immer man die Inszenierung bewertet, unbestreitbar ist, dass die technische Leistung erstklassig war. Die perfekte Einstudierung war in jedem Fall ein Genuss, besonders in den virtuosen Umsetzungen der schnellen, ausgelassenen Partien und den farbenprächtig kostümierten Gruppenszenen. Dazu gehört natürlich auch das Zusammenspiel mit den Gitarristen und Sängern bei den traditionellen Flamencoliedern.

Letztendlich ist die Lösung, die das Ballet Teatro Espa?ol für die Unvereinbarkeit zweier Ansprüche fand, aussichtsreicher als in der Geschichte von Carmencita, wie immer man sie auch erzählt.

(Es unterhielten sich: Johanna Gross und Enrico Ille)

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