| Drucken06.05.2001 

Ballett von Uwe Scholz – Premiere GLORIA IN EXCELSIS DEO (Susanne Krostewitz)

06. Mai 2001 Oper Leipzig

GLORIA IN EXCELSIS DEO

Ballett von Uwe Scholz - Premiere

Wohlvertrautes Gotteslob

Wieder Bach, wieder eine Kantate, aber auch Teile aus der h-moll-Messe. Das Strickmuster ist bekannt: Wiederum wird der Thomanerchor in die Oper geholt und der Thomaskantor als Dirigent gewonnen. Auch das, was auf der Bühne passiert, ist vertraut. Die Tänzer, einzeln, als Paare oder in Gruppen, sind in ihren Bewegungen stark an der Musik orientiert. Ein Chor wird mit vier Tänzergruppen dargestellt, die den Stimmeinsätzen entsprechend versetzt agieren.

Der erste Teil, die vertanzte Kantate "Ich hatte viel Bekümmernis", bedient sich der offenen Bühne, an deren hinterem Ende eine große weiße Leinwand aufgespannt wurde. Die Tänzer sind mit Tanzkostümen bekleidet - farbig in blau und weiß, ein wenig erinnert es an die Matrosenanzüge der "kleinen" Thomaner -, die Solisten dagegen in strahlendem Weiß. Und die Umsetzung der Musik ist naheliegend und längst erprobt. Der Chor wird durch das Corps de ballet dargestellt, Frauensolisten durch Tänzerinnen, Männerstimmen durch Tänzer.

Dennoch gab es interessante Momente, die dann doch nicht mehr so vertraut schienen. In der Sopranarie "Seufzer, Tränen, Kummer, Not", die in ausgesprochen langsamem Tempo erklang, wurden durch die Ausleuchtung der Bühne Schatten auf die Leinwand geworfen. Ein interessantes Spiel zwischen Sängersolistin auf der Bühne, Tänzerin und ihren Schattenbildern. Auch das folgende Rezitativ bedient sich der Verstärkung durch den Einsatz der Leinwand. Ein Schlag mit der Faust durch den Tänzer läßt nicht nur die Leinwand erbeben.

Bekannt ist auch, daß Uwe Scholz sich nicht nur der klassischen Ballettbewegungen bedient. Neue Elemente fügt er so zusammen, daß wunderbare Bilder, Bewegungen und Figuren entstehen, seien es Wellenbewegungen, die durch die Körper der Tänzer gehen (Arie "Bäche von gesalznen Zähren?) oder ineinander verschachtelte Kreise, in denen die Tänzer laufen wie im letzten Chor.

Aber in Ruhepunkten im Tanz wie in der Arie "Komm, mein Jesu, und erquicke" (ein Solotanz) fällt die große Diskrepanz zwischen Bühne und Orchestergraben auf, und dies verbessert sich auch nicht im zweiten Teil. Allein die Altistin Susanne Krumbiegel kann in ihrer Leistung überzeugen. Die anderen Solisten wie auch der Chor bleiben weit hinter den Leistungen auf der Bühne zurück. Nicht umsonst hat das Leipziger Ballett und auch besonders sein Corps de ballet seinen Ruf. Es ist präzise, ausdrucksstark und einfach überzeugend.

Der Übergang in den zweiten Teil, in die Messe, gestaltet sich befremdlich. Die Bühne verliert ihre Leinwand und eine quadratische Stahlkonstruktion senkt sich auf die Bühne hinab. Im weiteren Verlauf des Abends wird sie in verschiedene Richtungen und Konstellationen bewegt. Die erste Tänzerin, die diesen Bühnenwechsel zu dirigieren scheint, führt auch die neue Garderobe ein, die für viel Diskussion im Vorfeld bei den Tänzern gesorgt hat. Kann man in Jeanshosen noch tanzen? Die Männer des Corps de ballet mit ihren freien Oberkörpern sind auch gewöhnungsbedürftig. Es ist schon erstaunlich, welche unterschiedlichen Typen hier vereint sind, schmächtige und kräftige, hellhäutige und dunkle, die dennoch als Gruppe wirken sollen und dieselben Bewegungen ausführen.

Und doch überzeugen auch hier wieder besonders die großen Choreographien des Corps, wie in "Gloria in excelsis Deo", wo die Tänzer, auf der ganzen Bühne verteilt, vier verschiedene Bewegungen mit den Händen ausführen; oder auch in "Et in terra pax", wo die Tänzer wie Würmer über die Bühne kriechen; oder wie in "Gratias agimus", wo sich der Gesichtsausdrucks durch offen stehende Münder verstärkt. Trotz der wohl vertrauten Art der Ballette von Uwe Scholz wird es dem Publikum nicht langweilig, denn das Leipziger Ballett besticht immer wieder durch sein Können.

(Susanne Krostewitz)

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