Doreen Kunze | Drucken15.05.2011 

Der alte Mann und das Meer

Theaterschafft zeichnet mit „Bei Einbruch der Nacht“ eine leise, versöhnliche Skizze des Alterns

Eine Geschichte vom Alt- und Alleinsein (Foto: Tom Schulze)

Durch blaue, unscheinbare Pfeile am Boden werden die Zuschauer zur Bühne gelenkt. Vorbei an einer Geige, die dank eines mechanischen Armes von selbst spielt, über die Bühne hinweg, und mitten durch eine kleine Holzhütte, die auf der Bühne steht. In dieser liegt ein alter Mann, er schläft und lässt sich von den zahlreichen Besuchern, die seine häusliche Ruhe stören, nicht davon abhalten. An der Wand hängen alte Emailletassen, die Küchenzeile ist in einem alten blau gestrichen, ein Kessel steht auf dem Schrank. Während die Geige sich stätig wiederholt, finden alle Zuschauer ihren Platz, doch das Stück hat schon längst begonnen. Mittlerweile ist der Mann (Wolfgang Jahn) erwacht, redet vor sich hin. Ein anderer erzeugt mit einem Geigenbogen, angeschlossen an einen Verstärker, seltsame Klänge. Den Bogen lässt er sanft an der Holzhütte entlangfahren, schiebt ihn zwischen die Holzbretter und zieht ihn wieder heraus. Eine Frau läuft suchend umher.

Bei Einbruch der Nacht, eine Inszenierung der freien Theatergruppe Theaterschafft, welche in der Schaubühne Lindenfels Premiere feierte, lebt von der Liebe zum Detail. Die kleine Holzhütte, gerade mal ein paar Quadratmeter groß, ist das komplette Bühnenbild. Ausgestattet ist sie sehr liebevoll: ein altes Bett, die Küche, ein Tisch. Dieses eine Haus allein genügt, um den Zuschauer glauben zu machen, man befinde sich in dem alten Fischerdorf, irgendwo im Norden. Eine Geste in die Weite, und man kann sich vorstellen, wo das Dorf aufhört und das Meer beginnt.

Schon am Anfang der Aufführung baut der Mann mit dem Geigenbogen, der Gewandhausmusiker Henry Schneider, die Wände der Hütte ab und gewährt so Einblicke in den Alltag des alten Mannes. Überhaupt scheint Schneider nicht nur der musikalischen Untermalung zu dienen. Der Mann im graubefleckten Frack ist der unsichtbare Helfer, und ihm soll im Laufe des Stückes noch eine bedeutende Rolle zukommen.

Die Aufführung vereint choreografische und schauspielerische Elemente, und erzählt dabei eine Geschichte vom Alt- und Alleinsein. Gunnar, der alte Mann, wacht eines Morgens auf, an einem Tag wie jedem anderen, doch etwas scheint anders. Irgendetwas stimmt mit dem Kaffee nicht, meint er (und so müssen einige der Zuschauer ihn verkosten), und auch seine Zigarette schmeckt anders als gewöhnlich. In dem alten Fischerdorf, in dem er lebt, gibt es für ihn niemanden mehr. Seine Frau und auch seine Freunde sind gestorben, nur seine jüngste Tochter Rike (Katja Rogner in versch. Rollen) ist noch mit ihrer Familie im Dorf. Sie verkennt den Mann, und traut ihm keine Selbstständigkeit mehr zu. Doch dann bekommt dieser Besuch von seinem besten - leider schon längst verstorbenen – Freund Ole. Zusammen unternehmen sie einen Ausflug - eine Reise in die Vergangenheit. So treffen sie auf die junge, schöne Clara Bandini, um die sie einst beide buhlten und finden sich in der Kneipe des Ortes wieder, in welcher sie sich jeden Abend nach dem Fischen trafen. Auch Gunnars verstorbene Frau Lisbeth erscheint in früherer Gestalt. All dies wird nicht nur von den musikalischen Einlagen Henry Schneiders begleitet, sondern auch von einer gewissen Melancholie, die nachdenklich stimmt. Der Zuschauer, zum zu-Schauen verdammt, ahnt schnell, was es mit der Andersartigkeit des Tages, und dem Mann in grau, auf sich hat. Kann aber doch nichts ausrichten, muss es geschehen lassen. So scheint sich ein Hauch Vorahnung um alles zu wickeln, aber nichts zu verschleiern. Denn schnell wird klar: diese Reise wird die letzte des alten Mannes sein.

Das Regie- und Choreografenteam Stefan Ebeling und Ulrike Schauer holen sich für ihr Stück nicht nur einen Gewandhausmusiker, dessen fachliche Qualitäten nicht zu überhören sind, und die junge Schauspielerin Katja Rogner auf die Bühne, sondern auch zwei über siebzigjährige Schauspieler, die ihr Rollen eindringlich und betroffen spielen. Feine Gesten und gesetzte Dialoge machen die Inszenierung berührend. Ganz ohne Übertreibungen, weg von Theatralität versucht sich die Gruppe Theaterschafft auf das Thema alt sein und Sterben einzulassen, ohne dabei den notwendigen Witz zu vergessen.

Man kann wohl sagen, dass die Erwartungen an den Abend bei den meisten Zuschauern in eine andere Richtung gingen. Was als „komödiantischer Abend“ ausgeschrieben wurde, lässt die Zuschauer am Ende doch mit der einen oder anderen Träne im Auge zurück.

Bei Einbruch der Nacht

Eine Produktion von TheaterschaffT in Kooperation mit Schaubühne Lindenfels, Societaetstheater Dresden, Armes Theater Chemnitz und Theaterdiscounter Berlin.

Regie und Choreographie: Stefan Ebeling, Ulrike Schauer

Mit: Wolfgang Jahn, Horst Warning, Katja Rogner, Henry Schneider

Premiere: 12. Mai 2011, Schaubühne Lindenfels


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