Sarah Schramm | Drucken26.10.2011 

Das Tier in Dir

Die Compagnie mintrotundschwarz prangert mit „Benimm Dich!“ das gute Benehmen an

Benimm Dich! (Foto: PR)

Ein Mann und zwei Frauen in wehenden Kleidern spielen Hasche. Sie jagen einander um silberne Jalousien herum, die in der Mitte der Bühne von der Decke hängen. Sie stolpern, streifen die Jalousien und rennen ohne Rücksicht auf Verluste weiter; ausgelassen wie Kinder es tun – wenn sie gelassen werden. Denn da gibt es noch die andere Seite des Kindseins – die ständigen Ermahnungen der Eltern. Und das, obwohl die Erwachsenen sich heimlich genauso hemmungslos benehmen.

Die Compagnie mintrotundschwarz nimmt den alltäglichen Appell des Anstands in Benimm Dich! aufs Korn. Die Tänzerinnen Jana Rath und Marlen Schumann verlieren gemeinsam mit Compagnie-Gast Florian Lenz die Contenance, stellen menschliche Triebe dar und aus. Der Mensch wird als Tier entlarvt, das seinen Instinkten folgt und sich nicht immer von Benimmregeln einengen lassen kann und will.

Eingesperrt irrt Florian Lenz in einem Lichtquadrat in einer Ecke der Bühne umher. Es wirkt, als würde er gegen unsichtbare Wände stoßen. Er reißt sich wie wild geworden mit den Zähnen einen biederen weißen Kragen vom Hals und zerfetzt ihn. Befreit schreitet er langsam und unsicher in roboterartigen, steifen Bewegungen aus seinem Gefängnis. Er wirft sich geängstigt auf den Boden, springt auf, tollt umher und scheint den Zwang der Angepasstheit an Verhaltensnormen endlich hinter sich gelassen zu haben. Was bei Florian Lenz deutlich und radikal vonstatten geht, geschient bei den beiden Damen gesitteter. Poetisch und grazil gleiten sie über die Bühne. Aber so eindrucksvoll ihre Bewegungen sind, werden sie oftmals zu sehr in die Länge gezogen. Erlösung und Zusammenhang kommen immer dann, wenn Florian Lenz agiert.

Eine Namenlose (Jana Rath) schwankt im schwarzen Kleid auf der Bühne umher, lässt den Kopf auf die Brust sacken und die Arme am Körper herunter baumeln. Er sitzt an einem Tisch, sieht sie an und gibt militante Befehle, die die Taumelnde ignoriert. „Still gestanden!“, „Augen geradeaus!“, hallt es im Generalston durch den Raum; dazu leise Marschmusik. Es ist offensichtlich: Der Abend ist eine Kritik an der ewigen Diktatur der Verhaltensmuster – egal, ob diese wie beim Militär entgegen geschrien werden oder wie das Tischgebet ohne Aufforderung internalisiert sind.

Das Spiel mit dem Benimm ist ganz nett anzusehen und einige Szenen haben wirklich Klasse. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass etwas fehlt, das den Ablauf verflüssigt. Gerade die erste Hälfte des nur 60-minütigen Stücks wirkt viel länger als sie ist. Nachdem Florian Lenz die Frage „Wie verhalte ich mich?“ stellt, wird der Zuschauer von einem ungeheuren Redefluss überrollt – zuvor fielen nur vereinzelte Worte. Sprache muss nicht das Element sein, welches ein Stück zusammen hält. Vielleicht hätten kontinuierlich eingesetzte Musik oder Videoprojektionen hier dieses Medium sein können. In den Bewegungen erkennt man zwar, worauf angespielt wird, aber alles verflüchtigt sich. Am Ende bleibt nicht viel übrig, nicht einmal Überraschung. Was mit dem Sitzen an einem Tisch in geordneter Formation beginnt, endet mit ausgelassenem Tanzenauf und neben diesem. Aber schon nach den ersten Minuten des Stücks war absehbar, dass es dazu kommen musste.

Statt irgendeines Gefühls, Appells oder einer Aussage bleibt an diesem Abend ein Bild im Kopf, ein grandioses Bild: Jeder der drei Darsteller hat sich einen braunen Pelzmantel über den Kopf gezogen. Die bepelzten Arme nach vorn gestreckt bewegen sich die nun entstandenen Wesen tapsend über die Bühne, kriechen auf den Tisch, rollen sich unter ihn. Aus Menschen werden Tiere – ein Bild, das Benimm Dich! trotz Unebenheiten auf den Punkt trifft.

Benimm dich!

Konzept & Idee: Compagnie mintrotundschwarz

Mit: Jana Rath, Marlen Schumann,Florian Lenz

Premiere: 21. Oktober 2011, Lofft Leipzig


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