| Drucken17.05.2003 

Besser als jede Soap-Opera: Der Vetter aus Dingsda, Operette von Eduard Künneke, Premiere (Friederike Haupt)

17. Mai 2003: Der Vetter aus Dingsda, Operette von Eduard Künneke (Premiere)
Hochschule für Musik und Theater ?Felix Mendelssohn Bartholdy? Leipzig

Musikalische Leitung: Helmut Kukuk
Inszenierung: Mathias Behrends
Ausstattung: Ewa Marta


Gute Zeiten, bessere Zeiten
Gegen den Vetter ist jede Soap-Opera ein Trauerspiel

?Kindchen, du musst nicht so schrecklich viel denken. Küss mich und alles ist gut.? Unschwer vorstellbar, dass dieses Zitat der TV-Serie Gute Zeiten, schlechte Zeiten entnommen ist. Tatsächlich stammt es aber aus der Künneke-Operette Der Vetter aus Dingsda, und eben jene Parallele zwischen Bühnenwerk der 1920er Jahre und Fernseh-Soap ist es, die in dieser Leipziger Inszenierung besondere Beachtung erfährt. Konflikte und Belanglosigkeiten, angereichert mit Geld, Sex, Liebe und Mode, dazu eingängige Musik ? das alles findet sich im heutigen Vorabendprogramm genauso wie vor über 80 Jahren in Berliner Theatern. Das Besondere: Der Vetter aus Dingsda, der sich 2003 den Leipziger Zuschauern präsentiert, spielt auf eine herrlich unkonventionelle Art und Weise mit genau diesem Zusammenhang und verknüpft ironisch-augenzwinkernd das Damals mit dem Heute.

?Onkel und Tante, das sind Verwandte, die man am liebsten nur von hinten sieht?, trällert Julia recht ungeniert in Anwesenheit ebendieser Verwandten, die ihr aber auch allen Grund dazu geben: Tante Wimpel und Onkel Josse wollen ihre Nichte mit einem gewissen August Kuhbrot verheiraten und sich so ihr Erbe unter den Nagel reißen, und das, obwohl sie wissen, dass Julia ihren Vetter Roderich liebt, der allerdings schon seit sieben Jahren im Ausland (Batavia, auch Dingsda genannt) weilt. Soviel zur Story. Es entwickeln sich im Laufe der Operette noch diverse Verwechslungsgeschichtchen, welche aber von unwesentlicher Bedeutung sind. Regisseur Mathias Behrends dazu: ?Orientierung bietet also nicht die oft krude und belanglose Handlung, sondern allein das Figurenensemble.? Recht hat er.

Onkel und Tante als scheinheilige Erbschleicher, die konservativ und altkluge Reden schwingend die naiv-sympathische Julia behelligen, dazu zwei mehr oder weniger undurchschaubare Fremde mit Vetter-Potential, das verruchte Hannchen (beste Freundin Julias) und ? brillant ? Egon von Wildenhagen, ein chancenloser Verehrer der vetterliebenden Hauptakteurin, der sowohl optisch als auch in seiner komischen Rolle verdächtig an Wigald Boning erinnert. Das ist das Figurenensemble, das auch von Künneke vorgesehen war. Hier jedoch wird zusätzlich ein Filmteam ins Spiel gebracht, das abwechselnd mit Kamera und Richtmikrofon über die Bühne läuft, hier und da die Requisiten zurechtrückt und Egon im passenden Moment noch schnell eine Blume für Julia in die Hand drückt ? ein gelungener Verfremdungseffekt. Als der (vermeintliche) Vetter aus Dingsda auftritt, kommt er dann auch nicht etwa durch die Tür, sondern folgerichtig aus dem Fernseher gekrochen. Überhaupt scheint die ganze Operette in einem Fernsehstudio zu spielen und weist damit mehr als deutlich auf die Parallelen zu den Seifenopern hin. Allerdings kalauert auch Künneke in seinen Texten nicht zu knapp. Kostprobe: ?Liebt ein Mann ein Mädchen in Batavia, küsst er sie mitten im Urwald, ja, und das wilde Känguruh und das Gnu, ja, das sieht zu, hu!?

Die Musik (zum Beispiel der zum Welthit avancierte Schlager ?Ich bin nur ein armer Wandergesell?) tut das ihrige dazu, die knapp zwei Stunden Aufführungszeit wie im Fluge vergehen zu lassen; kleine Comedy-Einlagen der Schauspieler und originelle Idee sorgen dafür, dass die Inszenierung die oft verkannte Gattung der Operette ins beste Licht rückt.

Und, wie das Programmheft verkündet: Geschichten, die man versteht, sind nur schlecht erzählt!

(Friederike Haupt)

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