| Drucken29.05.2001 

„Billard”, Musical von Stephan König (Musik) und Lothar Bölck (Text) (Wolfgang Gersthofer)

29. Mai 2001

?Billard?, Musical von Stephan König (Musik) und Lothar Bölck (Text)

Großer Konzert- und Theatersaal der Hochschule für Musik und Theater Leipzig

Mitwirkende: siehe unten

Teenie-Drama am grünen Tisch

Stephan Königs ?Billard?-Musical im neuen Konzertsaal der Musikhochschule

?Stoß für Stoß, Knall um Knall?. Jetzt wissen wir es: das ganze Leben ein Billard-Spiel. Stephan Königs neues Bühnenwerk hat begonnen. Textautor Lothar Bölck rollt seine (ernste) Musical-Geschichte von hinten her auf. Schüsse peitschen durch den späten Faschingsabend, Jugendliche tragen den (tödlich) verwundeten Ronny in die Billardkneipe an der Ecke. Etwas später taucht der Komissar mit seiner leicht schüchternen Graues Mäuschen-Assistentin auf.

Dann Szene um Szene die Rückblende. Wie Monate zuvor alles begann. Wie Ronny neu in die Klasse kommt, vom sprücheklopfenden Cliquenchef Sponti zunächst ?boykottiert? wird. Ronny, der vielleicht ein klein wenig schlacksige engagierte Weltverbesser; voller Idealismus nimmt er sich hausbesetzend alter wertvoller Bausubstanz an (darf man dabei wohl an Connewitz vor einigen Jahren denken?). Das spricht manches Mädel an. Überhaupt sind die (Schulhof-)Typen treffend gezeichnet: Der stotternde Quasi-Außenseiter Heiner (der gleichwohl fest in die Clique integriert ist); die blonde Klassenschöne Julia; Made, die eher unauffällige Kumpeline, die um die problematischen familiären Verhältnisse Spontis weiß und ahnt, daß sein großspuriges Gebaren nur ein Schutzmechanismus ist.

Man nimmt irgendwie Anteil an diesen Schülerschicksalen. Und zwischen den dialogischen Aktionen findet sich manch wertvolle Liebeslyrik. ?Wir sehnen uns nach uns nur, das muß die Liebe sein? entdecken Julia und Ronny, der sich mit diesem ganzen ?romantischen Quatsch? noch nicht so auskennt, das schönste aller menschlichen Gefühle. Oder nach der Pause, als Sponti, dem Julia auch nicht gleichgültig ist, uns einen Blick auf den weichen Kern unter der rauhen Schale (na also, Made hat ja völlig Recht) gönnt: ?Mein Herz ist offen, / ich laß dich rein. / Du hast mich getroffen, / ich will bei dir sein.? Genau davor die Schlüsselszene des 2. Aktes: Ronny läßt sich von Sponti überreden zum Billard-Duell um Weibes Wonne und Wert: die bezaubernde Julia ist der Spiel-Einsatz. ?Stoß für Stoß ?? Sponti führt das geschicktere Queue. Ronny, der einsame gebrochene Jüngling, läßt in einer verzweiflungsvollen Solo-Arie sein herzzerreißendes ?Juliaah, verzeih mir, verzeih? ertönen. Vollends zur tragischen Gestalt wird er, der sich in seinen Hausbesetzer-Aktionen von den profitgierigen, abrißwütigen Geschäftemachern ? ob sie wohl aus den alten Bundesländern gekommen sind? ? nicht so leicht einschüchtern läßt, bald darauf, als die Schüsse ihn treffen. Ronny, der Märtyrer von Connewitz! Und tatsächlich: der von besagten Profitgeiern gedungene Schütze ist niemand anderes als der schon die ganze Zeit so verdächtig durch die Handlung geisternde, ständig das Thema des vierten Satzes aus der ?Peer Gynt?-Suite pfeifende Typ mit der Sonnenbrille, wer hätte das gedacht?

In der letzten Szene ? der Kreis hat sich geschlossen: wir sind wieder in der anfänglichen Kneipennacht, wenige Stunden vor dem Aschermittwochsgrauen ? präsentiert die hochprozentigen Geistern zugetane Kneipenkundin Lisa jedoch den wahren Täter: wir alle. Der Kommissar muß ihr recht geben. Wieder einmal hat die Gesellschaft versagt (schon gleich nach der Pause wurde übrigens in einer flotten Tanznummer der Fitness-Wahn unserer Freizeitgesellschaft angeklagt: ?Fit ist steil, fit ist geil, fit for fun?)! Jetzt hebt das lange, lange Schlußensemble an, das uns ? ganz dezent ? die Moral von der Geschicht? vermittelt: ?Wehr? Dich, empör? Dich, gib nicht auf?.

***

Das große Ensemble agierte im Ganzen ansprechend (im Dialog wie in den Songs), die einzelnen ?Typen? wurden gut als solche rübergebracht. Ein besonderes Kabinettstückchen lieferte Nadin Isu als ewig versoffene, Weisheiten verkündende (?Langer Rede kurzer Gin ??) ?Rum-Elisa?. Eine weitere attraktive Nebenfigur: Torsten Ankerts bauchredender ?Kneipenphilosoph? samt Puppe.

Ein Lob auch für manch tänzerische Show-Einlage: Ich denke da z. B. an das fetzige Kneipenballett mit Kommissar (der natürlich im klassischen Trenchcoat über die Bühne wirbelte).

Und die Musik?: Nicht ungeschickt gemacht, etwas rappig (manche Nummern entwickelten sich vom Rap hin zum ?richtigen? Gesang), etwas rockig angehaucht, natürlich auch immer wieder mal versonnene Töne (für obengenannte Lyrik), eigentlich gar nicht so sehr jazzig, wie es sich der eine oder die andere eventuell erhofft haben mochte. Insgesamt ergibt sich durchaus so etwas wie ein einheitlicher (musikalischer) Stil. Vielleicht gar zu einheitlich, um den dreistündigen Abend zu tragen (die tags zuvor im Gewandhaus uraufgeführte knapp halbstündige ?Boundless Music? wußte weit mehr zu überzeugen). Vielleicht fehlt es auch am ganz großen Ohrwurm, der sich in die Herzen der Liebhaber dieses Musiktheater-Genres stehlen könnte.

(Wolfgang Gersthofer)

Mitwirkende:

Musikalische Leitung: Stephan König
Inszenierung: Rüdiger Evers
Ausstattung: Susanne Tischbier
Choreographie: Claudia Göhler
Julia: Verena Küllmer
Ronny: Manuel Jadue
Sponti: Tobias Bode
Made: Renate Knollmann / Nichole Würges
Heiner: Oliver Polenz
Elvira, Wirtin: Sandra Mühle
Kneipenphilosoph: Torsten Ankert
Lisa, eine Stadtstreicherin: Nadin Isu
1. Stammtisch-Schwester: Susan Vihernik
2. Stammtisch-Schwester: Maike Schmidt
3. Stammtisch-Schwester: Susanne Lempsch
Kommissar/Makler: Alexander Mildner
Assistentin/Bankerin: Kristina Otten
Feiner Pinkel: Mathias Lenz
Fernsehreporter: Juan Garcia
Moderatorin: Miriam Dusza
Nummerngirls/weitere Rollen: Sandra von Holn / Olivia Wendt

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