Isabel Thaler | Drucken07.03.2012 

Symphonie des Grauens

Markus Czygan adaptiert „Nosferatu“ für die Bühne des Neuen Schauspiel Leipzig

Bild: Neues Schauspiel Leipzig

Mit einem Bier in der Hand stehe ich zwischen den Besuchern in der Theaterkneipe des Neuen Schauspiels und warte mit ihnen auf die Premiere des Stückes Nosferatu. Gemütlich ist es hier. Gedimmte Beleuchtung und bequeme Möbel schaffen eine Umgebung, in der man sich gerne aufhält. Noch gar nicht so lange, nämlich seit 2011, bereichert das Neue Schauspiel den Leipziger Westen mit kulturellen Angeboten aller Art. So werden Theater für Groß und Klein, eine Late Night Show, Konzerte, Lesungen und vieles mehr geboten.

Für Nosferatu bearbeitete einer der Mitbegründer des Neuen Schauspiels, Markus Czygan, die Stummfilmfassung des Klassikers von Murnau aus dem Jahr 1922 und bastelte daraus ein Bühnenstück. Obwohl er hierfür natürlich einige Szenen gestrichen hatte, hielt er sich an die Geschichte des filmischen Originals. Jonathan, der Angestellte einer Immobilienfirma wird von seinem Chef zum unheimlichen Graf Orlok, alias Nosferatu, in die Karpaten geschickt. Der Graf ist an der alten Fleischfabrik, in Jonathans Heimatstadt, interessiert. Als er zufällig eine Fotografie von Jonathans Frau Ellen erblickt, verfällt er deren Reizen sofort und unterzeichnet ohne Zögern den Kaufvertrag für die Fabrik. Als Graf Orlok mit einem Schiff in Wisborg anlegt, befinden sich nur noch er und unzähligen Ratten an Bord. Die mysteriöse ‚Krankheit’, die die Schiffsbesatzung dahin gerafft hat, verbreitet sich schnell in der Stadt, so dass ihr auch die meisten Dorfbewohner zum Opfer fallen. Doch durch Ellen, die sich selbstlos dem Grafen opfert, der für all die Toten verantwortlich ist, kann Schlimmeres verhindert werden.

Kurz vor dem Einlass wird die Musik aus den Lautsprechern der Kneipe von einer schaurigen Stimme abgelöst. Zwar versteht man durch die noch vereinzelten Gespräche kaum den Inhalt des Textes, doch ist dies auch nicht weiter schlimm. Der Plan, schon vor Betreten des Theatersaales eine schummrig, düstere Stimmung zu erzeugen scheint aufzugehen. Dieses Konzept, dass den Zuschauer im Foyer auch durch Kerzen und Grabschmuck einstimmt, wird weiter verfolgt, als sich die Türen des Saales öffnen. Denn während das Publikum seinen Platz sucht, wird es dabei von drei Musikern mit Keyboard, Cello und Gesang begleitet. Diese werden auch das ganze Stück, mit einer speziell für diese Bühnenfassung komponierten Musik untermalen.

Der Vorhang geht auf und das Stück beginnt mit einem Vorspiel. In einem Macht-Tanz von Jonathan und seiner Frau wird das Verhältnis der beiden offenbart, was kein besonders zärtliches zu sein scheint. Denn trotz versuchter Gegenwehr macht Jonathan sich Ellen gefügig. Der Vorhang schließt sich. Nach keinem kurzen, musikalischen Intermezzo wird der Blick auf die Bühne wieder freigegeben. Auf dieser befindet sich nun der etwas wirre Immobilienmakler, welcher seinen Angestellten Jonathan herbeiruft, um ihn auf die Reise in die Karpaten zu Graf Orlok zu schicken. Der Vorhang schließt sich. So reiht sich Szene an Szene. Bis Ellen als Objekt der Begierde den Grafen bei seinem Todesstreifzug aufhalten kann. In der Filmfassung ist es nur einer Frau reinen Herzens möglich den Vampir aufzuhalten, indem sie sich ihm freiwillig opfert. Jedoch hat die hier gezeigte Ellen nichts Reines oder Unschuldiges an sich. Als Jonathan nun seine Frau daheim zurücklassen muss, macht er sich somit auch eher Sorgen um ihre Treue, während seiner Abwesenheit, als um ihr Wohlbefinden. Wenngleich, vielmehr ihr gesundheitlicher Zustand bedenklich erscheint. Apathisch und mit leidendem Blick umsorgt sie die Rosen an einem Grab und wirkt allgemein etwas abwesend. Auch am Ende des Stückes macht es nicht den Eindruck einer Selbstopferung, wenn sie sich dem Grafen anbietet, sondern ist eher eine ersehnte Erfüllung ihres Verlangens.

Der Graf selbst, erinnert sehr an das Original des Films. Nicht nur seine äußere Gestalt, auch seine Gestik und Mimik sind dem Nosferatu von 1922 sehr ähnlich. Doch wie im Vorfeld angekündigt hielt sich das Stück auch mit seiner inhaltlichen wie visuellen Erscheinung, verbunden mit der Schwarz-Weißfilm Optik und dem Schattenspiel an die historische Vorgabe Murnaus und vervollständigt so das Konzept. Mit Nosferatu zeigt das Neue Schauspiel ein solides Theaterstück. Trotz einiger schöner Regieeinfälle, mangelt es jedoch leider an Experimentierfreudigkeit. Zudem variiert auch die Stimmung kaum, doch die zu Beginn erzeugte, schaurige Atmosphäre wird gut vom Stück aufgegriffen und hindurch getragen. Zudem entstehen durch die Anlehnung an den Schwarz-Weißfilm schöne Bilder, die durch die musikalische Begleitung abgerundet werden. Für die Freunde der Kurzweiligkeit also, wird ein Theaterabend mit leichtem Zugang und guter Unterhaltung geboten.

Nosferatu

R: Markus Czygan

Mit: Andy Scholz, Uwe Schütz, Nina Maria Föhr, Raimund Jurack, Frank Hönicke, Caroline Kaiser, Markus Czygan

Musiker: Natalie Occhipinti (Klavier, Akkordeon), Claudia Herold (Cello), Caroline Kaiser (Gesang)

Premiere: 23. Februar 2012, Neues Schauspiel Leipzig


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