Mathilde Lehmann | Drucken29.11.2013 

Das ist alles nur ein Spiel

Im neuen Format der Cammerspiele NewCammer inszeniert Antonia Schultz mit „Kill Mimi Kill“ ein Schachbrett voller Skurrilitäten

Fotos: Hannes Fuhrmann

Der Boden ist mit einer Plane mit großzügigem Schachbrettmuster ausgelegt. Die Bühne ist dunkel, nur ein schmaler Lichtstrahl trifft auf einen kleinen schwarzen Hocker. Die Band tritt auf. Einer der Musiker trägt eine seltsame Spieluhr auf die Bühne und stellt sie auf dem Hocker ab. Eine hölzerne Gelenkpuppe ohne Gesicht steckt in einem rosafarbenen Tutu und steht in einem Panorama aus Spiegelstücken. Der Musiker dreht sie drei Mal gegen den Uhrzeigersinn und leise Musik kommt aus der Spieluhr, die Puppe dreht sich dabei. Die Spiegelstücke werfen Lichtreflexe an die Wände. Nachdem sie verstummt, wird sie wieder fortgetragen. Einer der Musiker beginnt am E-Piano zu spielen und eine kleine zarte junge Frau springt auf das Schachbrett, sie trägt einen Dutt, ein Tutu, ein breites unschuldiges Lächeln.

Kill Mimi Kill, inszeniert von Antonia Schultz im Rahmen des neuen Formats der Leipziger Cammerspiele NewCammer, ist sprachlos. Zumindest, wenn man darunter das Sprechen einer gemeinhin verständlichen Sprache versteht. Der Abend verfügt aber über eine große Zeichendichte mit drei Spielfiguren (Lilo Brisslinger, Tom Lux und Frederik Rauscher), die auf dem Schachbrett agieren. Die Dichte nimmt durch die Interaktion dieser Spieler stetig zu und ich fiebere gespannt in dieser Art musikalisiertem Statusspiel mit.

Ich habe so gut wie keine Notizen an dem Abend gemacht. Nicht, weil es nichts zu sagen gibt, sondern, weil es mir schwer fällt, etwas mit Worten zu beschreiben, was ohne Worte funktioniert. Auf meinem Zettel steht lediglich „Alice ist im Spiegelland auf Acid hängengeblieben“ und das passt irgendwie und auch nicht ganz. Die Figuren sind blauäugig, aber nicht unschuldig. Sie sind nicht kindlich, aber verspielt, weder gut noch böse, weder intelligent noch dumm. Sie wirken fahrig, zwanghaft, steckengeblieben. Ein bisschen wie die schrullig-skurrilen Figuren auf dem Schachbrett in Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln oder Trainspotting.

Das Prinzip vom Spiel überträgt sich auch auf die Liveband (Fabian Hentschel, Richard Holzapfel, Georg Nitschke), die im Übrigen bemerkenswert ist. Immer wieder rotieren die drei Musiker auf ihre Plattform und wechseln stetig die Instrumente, ohne die Einheit von Bühnengeschehen und musikalischer Erzählung mit Lücken zu versehen. Nahtlos und präzise arbeiten sie als Kommentar zur Szene, unterlegen die Vorgänge mit Mickey Mousing oder fangen die Stimmung der drei Darsteller auf und verstärken diese.

Der Abend überzeugt in seiner Kurzweiligkeit, ist verwirrend und dabei unheimlich klar. Wer reingeht, den erwartet aufregendes und experimentelles Theater aus Musik und Tanz und Lauten. Das klingt zwar merkwürdig, ist aber damit ganz schön spannend.

Kill Mimi Kill

Stückentwicklung

Regie: Antonia Schultz

Spieler: Lilo Brisslinger, Tom Lux, Frederik Rauscher

Musik: Fabian Hentschel, Richard Holzapfel, Georg Nitschke

Cammerspiele, Premiere 14. November 2013


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