Mandy Schaarschmidt | Drucken23.01.2015 

Mephisto auf Brautschau

Die Cammerspiele versuchen sich am Faustischen Dilemma nach Bulgakows „Der Meister und Margarita“

Fotos: Hannes Fuhrmann

Was hat es nicht alles schon für Adaptionen gegeben zum Mythos vom (un-)schuldigen wissbe-gierigen Mann, der seine Seele dem Teufel verschreibt und dies nur um Antworten auf die Fragen nach seiner schnöden Existenz, nach Erfolg und Reichtum oder auch nach der einzig wahren Liebe zu bekommen? Verwandelte Goethe den im Mittelalter entstandenen Urfaust in einen Wettstreit zwischen Gott und Mephistopheles um die Seele eines alternden Mannes, welchem nach seiner Wissbegier auch die Liebe zuteil werden soll, so versuchen sich die Cammerspiele Leipzig an einer nicht minder spannenden Adaption von Michail Bulgakows Lebenswerk „Der Meister und Margarita“. Nun beschränkt sich Bulgakow nicht auf die Auseinandersetzung von Gott und dem Teufel um eine kleine Menschenseele. In zwölf Jahren Entstehungszeit spinnt der Autor ein Handlungsnetz, dass die großen Kämpfe zwischen Gut und Böse sowie um Leben und Tod darstellt. Dabei entsteht ein Kaleidoskop menschlicher und übernatürlicher Sehnsüchte und Verfehlungen mit großen und kleinen Erwartungen an die Sinnhaftigkeit des Lebens.

So findet sich das Premierenpublikum an diesem Donnerstagabend sogleich im Bühnenbild zwischen allerlei Flaschen, Matratzen und den sieben Figuren in einer Moskauer Wohnung zu Beginn der 1920er Jahre wider und verfolgt das Treiben mit mehr oder minder zur Schau gestellter Aufmerksamkeit. Die beiden Titel gebenden Figuren, der dem Wahnsinn verfallende Autor „der Meister“ und seine ihrer lieblosen Ehe entfliehende und nach Sinn suchende Geliebte Margarita, bleiben Randerscheinungen in dieser kurzweiligen von Mathilde Lehmann inszenierten Aufführung. Beide sind blass in der Erscheinung und seltsam teilnahmslos am Geschehen auf der Bühne. Tom Lux als Meister kann sich hier einmal zurücknehmen in seinem Schauspiel, anders als „In Stahlgewittern“, wo er den Abend allein auf der Bühne brillierte. Margarita, verkörpert von Rebecca Halm, ist derart unterrepräsentiert als wunderschöne Geliebte, die aus ihrem sinnlosen Alltag auszubrechen versucht, dass man sich als Zuschauer fragt, ob es ihre Figur in dieser Inszenierung überhaupt körperlich braucht. Aber natürlich muss sie dabei sein, ist sie doch schließlich die auserwählte Braut auf des Teufels bevorstehenden Fühjahrsvollmondball. Nun treibt dieser in Gestalt des Voland, Professor für schwarze Magie, mit seinen Gefährten, dem Kater in Menschengestalt Behemoth, dem undurchsichtigen Korowjew und dem Todesdämon Abadonna seine Spielchen mit dem so erfolglosen wie wirren Autoren Iwan Alexejewitsch (Lukas Schmelmer), welcher darüber nicht nur den Verstand, sondern gleich den Kopf verliert.

Prof. Voland, verkörpert von Ida Westheuser, bleibt als Figur in diesem illustren, alkoholgeschwängerten, von Boshaftigkeiten durchsetztem Spiel kaum in Erinnerung. Weitestgehend entrückt von der Handlung, in weiblicher Gestalt (nett umgesetzt, aber keine neue Idee), sich seiner Macht über die verblendeten, sich in ihren Egoismen ergebenden Menschen bewusst, wünscht man sich als Zuschauer einen präsenteren Mephistopheles, weniger phlegmatisch, mit mehr Akzentuierung auf die der Figur innewohnenden Charakterzüge. Mal ehrlich, Mephisto ist auch deshalb so beliebt, weil man in ihn die eigenen schlechten Eigenschaften projizieren kann ohne gleich Abbitte leisten zu müssen. Der Teufel lebt mit den Lastern der Sündigen, er spielt mit deren negativen Vorstellungen und Eigenschaften und wünscht sich doch nichts mehr als ein bisschen Anerkennung (von wem auch immer). Also sollte doch ein bisschen mehr Spielfreude erkennbar sein, zumindest mehr als ein in Langeweile erstarrtes, rauchendes und trinkendes, ewig an der Wand lehnendes Figürchen.

Dagegen ist Florence Römer als Behemoth geradezu eine Offenbarung: wohlig schnurrend, hintergründig knurrend, die eigenen Vorteile im Blick scheint sie über den Boden zu kriechen, sich (ver-)lockend auf den herumliegenden Matratzen zu räkeln und mehr zu wissen oder zu ahnen über die Motive ihres Meisters als alle anderen seiner Handlanger. Sie füllt den kleinen Raum aus ohne zu übertreiben und ist im Duo mit dem von Lena Perleth verkörperten Korojew die tragende Säule des Stückes.

Bleibt noch die Szenerie des Frühjahrsvollmondballes zu erwähnen. Dieses kurze Intermezzo ist geprägt durch die elektronische Musik, welche sich hart stampfend, metallisch und treibend im Industrialgewand in die Ohren schmeichelt und offenbart eine derartige Aktivität, die dem Stück bis dato völlig fehlt. Im Zusammenspiel mit dem kleinen Raum, der Fülle an Charakteren und der Nähe zum Publikum zeigt sich beinahe eine Atmosphäre, die in den besseren Zeit einer dunklen Ecke des Clubs „Tresor“ in Berlin durchaus entstammen könnte.

Alles in allem ist diese Premiere einmal mehr ein schönes Beispiel dieser jungen Theatergruppe, sich in hiesigen Kreisen weniger beachteter Stücke anzunehmen, die in den turbulenten ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts unter dem Eindruck der politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Umbrüche entstehen und diese in aller Kürze (hier knapp neunzig Minuten Spielzeit) auf die Bühne zu bringen. Doch alles in allem bleibt das Stück für den Zuschauer seltsam distanziert, fast nebulös verborgen in seinem Anliegen, was nicht an der im Übermaß gebrauchten Nebelmaschine liegt. Ein kurzweiliger Abend für das Publikum. Mehr aber auch nicht.

Der Meister und Margarita

Regie: Mathilde Lehmann

Mit: Rebecca Halm, Tom Lux, Lena Perleth, Florence Römer, Lukas Schmelmer, Ida Westheuser, Mareike Wöllhaf

Cammerspiele; Premiere: 15. Januar 2015


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