Mathilde Lehmann | Drucken28.01.2011 

Tja, Fortuna

Mario Schröders Ballettpremiere „Carmina Burana/A Dharma at Big Sur“ in der Oper Leipzig wagt den Versuch Carl Orff und John Adams zu verbinden

"Carmina Burana": Lieben, verlieben, unglücklich lieben, trinken und leiden (Fotos: Andreas Birkigt)

Die Leute stehen, johlen, applaudieren – es ist Premiere im Ballettzauberland. Mario Schröder choreographiert einen zweiteiligen Abend, mit gewaltigem Ensemble: Gewandhausorchester, Opernchor, Leipziger Ballett. Es geht um Erwachen, Einschlafen, Leben, Lieben und Sterben. Die Meisterwerke seiner Wahl sind Carl Orffs und John Adams Carmina Burana/A Dharma at Big Sur, die am 22. Januar in der Oper Leipzig Premiere feierten.

Eine mäßige Premiere. Ein gewaltiger Titel macht leider eine Inszenierung nicht zwingend gleichermaßen gewaltig. Die großen Namen, die in der Werbung für die Inszenierung gewaltige Schlagkraft besaßen und besitzen, heben die Erwartungen und stellen den Abend in den Schatten. Man bedenke: Es ist Musik, die jeder irgendwann einmal zu Gehör bekommen hat. Der Eingangschor „O Fortuna!“ wird regelmäßig als Trailermusik zu besonders actionreichen Blockbustern genutzt. Mächtig und mit jeder Menge Tschingtschingramtata.

Während Carmina Burana von den Kämpfen des Lebens berichtet, genauer: Lieben, verlieben, unglücklich lieben, trinken und leiden, beschäftigt sich A Dharma at Big Sur mit dem Lauf der Dinge, Natur, Schlaf und Ruhe. Dieser erste Teil, das Konzert von John Adams für E-Geige und Orchester, überzeugt. Der Solist David Wedel spielt exakt und doch mit Gefühl seine E-Geige, und verschafft einem damit ein umwerfendes Klangerlebnis. Das Leipziger Ballett tanzt sich in eine andere Welt, in der es Dinge wie Stress, Eile, Versagen nicht gibt. Die Kombination von Musik und Choreographie schickt einen in eine zeitlose Welt. Die üblichen Ballettklischees bleiben aus, keine schmalzige Liebe, kein lächerliches Rumgehopse, alles strahlt meditative Einigkeit aus. Fischschwärme schwirren über die Bühne, Solotänzer schreiten, schweben, flirren durch den Raum. So nimmt man entspannt kleine Patzer hin und lässt sich fallen. Das Konzert ist leider nicht besonders lang. Der große Teil steht noch an.

Die Tänzer Fang Yi Liu und Tomás Ottych

Schröder hat ganz deutlich viel darüber nachgedacht, was er mit Musik, die so mächtig ist, anfangen soll. Carmina Burana ist nicht für das Ballett vorgesehen, braucht keine bildhafte Unterstützung, steht allein im Raum und wirkt. Also muss auch die Choreographie für sich stehen. Man ahnt den Effekt. Tänzer springen an der Musik vorbei und der Chor hebt den Blick nicht von den Noten. Schröder hat der musikalischen Vorlage in wesentlichen Momenten derart entgegengearbeitet, dass der Kopf dröhnt. Die Augen wissen nicht, ob sie, da sie in einem Konzert sind, zu den Solisten schauen sollen, oder sich, da sie sich in einem Ballett befinden, auf die Bühne konzentrieren sollten. Musik und Tanz kooperieren nicht, sie kämpfen. Die Bühne schafft mächtige Bilder, wenn die Musik Ruhepausen hat, und schafft Räume, wenn der Ton Dichte produziert. All das lenkt die verwirrten Augen jedoch nicht, sondern weckt in ihnen den Wunsch, sich kurz einmal zu schließen, für eine Sekunde Ruhe zu haben.

Das ist traurig, denn die Leistungen von Solisten, Gesang wie Tanz, wie auch Chor, Orchester und Ballett sind großartig. Die Bühne ist umwerfend minimalistisch gestaltet, Videoprojektionen eines riesigen Auges fixieren einen und nehmen einen in ihre Gewalt (Bühne und Video: Andreas Auerbach/Paul Zoller).

Der thematische Zusammenhang von erstem und zweitem Teil wird künstlerisch nicht umgesetzt, geht auf halber Strecke verloren und kommt nicht wieder. Es ist ein vergessliches Ereignis, beim besten Willen nicht schlecht, nein, gut, interessant, anspruchsvoll. Aber leider eben auch nicht genial, umwerfend, faszinierend. Viel Gutes dabei, sagt man dann. Vergesslich eben.

Carmina Burana/A Dharma at Big Sur

Choreographie: Mario Schröder

Mit: Jennifer Porto, Martin Petzold, Johannes Beck, dem Ballettensemble der Oper Leipzig, dem Chor und Kinderchor der Oper Leipzig, dem Gewandhausorchester

Premiere: 22. Januar 2011, Oper Leipzig

Weitere Aufführungen: 28.1., 30.1., 5.2., 8.4., 28.4., 26.6., 1.7.


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