Kurt Hinkefuß | Drucken04.07.2011 

War ganz nett

Das Centraltheater spielt „Casanova“ am Gohliser Schlösschen

Keine Theaterrezension ist aussagekräftiger als die von jemandem ohne Vorbereitung. Es geht um Casanova. Bewaffnet mit dem Wissen eines unvollständig gelesenen Wikipediaartikels und erwähnenswerter Allgemeinbildung mache ich mich auf den Weg zum Gohliser Schlösschen. Mir war nicht einmal bewusst, dass es sich um ein Open-Air-Stück handelt. Kommt man auch nicht drauf bei dem Wetter. Führt der Weg zur Bühne um einen barocken Springbrunnen und vorbei an einer Weinbar hat man mich aber auch schon begeistert, bevor es überhaupt losgeht. Es geht auch noch nicht los. Zunächst das Vorspiel: Der Regen nimmt zu, doch jeder hat ein Gratis-Regenponcho an die Hand bekommen. Aufgeregt zwängt sich die Masse in das schon nasse Plastik, Schirme sprießen aus der Menge wie Pilze im Waldboden. Die Performance des Regens ist schwankend, die Schirme gehen auf und werden wieder weggesteckt und dann noch einmal. Ich habe bereits meinen Spaß.

Die Kulisse für das Stück bildet die Front des Schlösschens. Das Bühnenbild wird konstant einfach gehalten, so bleibt die kleine aber imposante Front wichtigster Teil der Traumwelt: Spätbarock – 18. Jahrhundert, clever! Natürlich hat das Centraltheater den Gong mitgebracht. Es beginnt.

Das Thema des Stücks ist (surprise – surprise:) Verführung. Casanova (gespielt von Matthias Hummitzsch) erzählt und erlebt die Anekdoten seiner beneidenswerten Kunst. Begleitet wird er dabei von der modernen Welt. So klärt sich auch sehr schnell die Frage „Warum stehen dort vorn Notebooks im Regen?“ Der junge Journalist Jacob Neuhaus (gespielt von David Simon) ist sein langsam lernender Novize. Seine Story ist der noch lebenden Casanova: 286 Jahre alt, ein wenig mumienhaft und pummelig, aber immer noch all Zeit bereit. Jacob fragt, Casanova erzählt und mit der Kamera hält Klara (gespielt von Julia Hartmann) drauf. Beide hören ihm zu und – das ist Theater – werden immer wieder in die Geschichten hineinversetzt. Es entstehen immer wieder starke Illusionen des 18. Jahrhunderts, und mit dem Barockschloss im Hintergrund beginne ich alles greifbar zu erfahren. Nur die vorbeirauschenden Autos hinter dem Publikum trügen immer wieder die Atmosphäre und erzählen von der Wirklichkeit. In den Anekdoten dominiert Casanova die Szene, und mit ihm die Atmosphäre und Sprache des 18. Jahrhunderts. In der Rahmenhandlung ist Jacob der Mittelpunkt des Geschehens und seine ist der Gegensatz zu Casanovas Welt: Casanova trifft eine Gräfin, Jacob moderiert eine Talkshow. Aber beide versuchen sich gegenseitig zu imitieren, voneinander zu lernen. Dadurch entsteht eine ganz eigene Komik, die unerwartet auftritt. Der erste Teil legt ein hohes Tempo vor; das Publikum staunt, lacht, die Schauspieler singen, tanzen, küssen und vögeln. Und immer wieder tauchen kurze Nebensequenzen überraschenden Humors auf. Köstlich.

Erotik zeigt sich natürlich überall, meist gekonnt verpackt, manchmal in einfachen Fickszenen. Das kann man sicher auch „authentisch“ oder „provokativ“ nennen. Ich empfand die Stellen als billig erkaufte Lacher. Die wirkliche Erotik lag in der erotisch-unerotischen Spannung der Klara. Zunächst ist sie noch der Kameramann: Jungenhaft mit Cappy. Umso länger sich ihre Kamera auf Casanova richtet desto deutlicher interessiert sich dieser für Klara. Casanova will sie verführen und sie wird selbst verführerisch. Das ist Casanovas Kunst und die lebt er hier an jeder aus, vor allem an Klara. Und plötzlich ist Klara tanzend, aufregend schön, die Unwiderstehliche. Das ist dann so richtig köstlich.

Es kommt wie angekündigt wurde: Pause nach einer Stunde. Heute Abend aber eher Zwischenspiel: Es regnet schon lang nicht mehr und sofort erkämpft sich das Publikum die Freiheit aus den Ponchos und stürmt zur Weinbar. Zurück bleibt ein Plastikmeer, dazwischen vereinzelt verwaiste grelle Sitzkissen.

Nach dem rasanten ersten Teil folgt der zweite. Eher langweilig, alles wirkt schwerer. Die witzige und einfache Stimmung aus dem ersten Teil scheint hier zugunsten von versucht kunstvollem Theater aufgegeben worden zu sein. Das ist nicht per se zu verurteilen aber irgendwie passt es hier nicht zusammen. Sind die Schauspieler im ersten Teil noch witzig, spritzig – im wahrsten Sinne des Wortes – ist auf einmal alles träge und langsam. Sie tragen Masken und ritualer Tanz ersetzt das Verbale. Im ersten Teil sagt Casanova an einer Stelle: „Mir ist langweilig. Ich will mal was erleben“. Daran erinnere ich mich jetzt. Vielleicht geht es nur mir so, ich war in der Pause nicht an der Weinbar.

Das Finale entschuldigt die Durststrecke. Es ist groß und es fehlt an nichts. Es wird sogar wieder spritzig, diesmal aber auf anderer Weise. Einen Vorhang gibt es nicht, dafür ist jetzt die Sonne untergegangen. Ich überlege am Ende welches Kompliment ich der hübschen Klara machen möchte, ganz im Stil Casanovas. Ich komm nicht drauf. Ich habe nichts dazu gelernt. Also bedien ich mich dem modernen Jargon und denke mir: Hey, Geiler Arsch!

Nach dem Applaus tragen die Zuschauer die Plastiksäcke nach Hause. Dort werden sie dann gefragt werden: „Und wie war‘s?“ „Ja, war ganz witzig“, werden sie antworten, „und ich hab nen gratis Poncho bekommen!“

Casanova

R: Martina Eitner-Acheampong

Mit: Rosalind Baffoe, Julia Hartmann, Matthias Hummitzsch, Annett Krause, David Simon, Johannna Steinhauser, Berndt Stübner

Premiere: 23. Juni 2011, Gohliser Schlösschen


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