Moritz Arand | Drucken15.01.2013 

Lämmer und Dilemma

Der Tod regiert die fünfte Ausgabe der Meyerschen „Stallgespräche“

Fotos: Centraltheater

Was sagt man dazu? Nach dem Medientrubel um das vermeintlich prophezeite Ende der Welt und dem erwarteten Ausbleiben der Ankunft der sieben Reiter, stimmt nun auch Clemens Meyer mit in das Lied vom Ende ein. Pünktlich zum Jahreswechsel steht bei der fünften Ausgabe der Stallgespräche die Endlichkeit der menschlichen Natur im Mittelpunkt.

Der Beginn lässt zunächst viel erhoffen. Mit zunehmender Dauer verliert der Abend allerdings seine messianische Erwartung. Meyer, in schwarze Pastorenkluft gehüllt, liest wie gewohnt aus verschiedensten literarischen Werken, deren Inhalte um das Ende und den Tod kreisen. Neben der Bibel, der Kabbala, dem Büchlein vom Leben nach dem Tode, liest Meyer auch die Sterbeszene aus dem dritten Band der Winnetou-Reihe, in der der Häuptling der Apachen in die ewigen Jagdgründe eingeht. Auf der Leinwand im Bühnenhintergrund, neben der ein geschwärztes und großes Kreuz steht, sieht der Zuschauer die Abbildungen verschiedener Totenmasken.

Unter dem Kreuz sitzt Enrico Meyer. Seit der dritten Ausgabe des Gesprächsformat beständiger Sidekick und DJ, untermalt der an gegebener Stelle den Lesevortrag mit Europes „The final Countdown“ oder Wagners „Walkürenritt“. Danach hüllt sakrales Schweigen den gut besuchten Raum. Auf der Bühne steht ein Sarg. Den Deckel, so verspricht Pastor Meyer, soll die im Sarg sich befindende Simone Thomalla am Ende des Abends mit ihrer Oberweite sprengen. Das redundante Feindbild erheitert immer wieder.

Das obligatorische Gemälde zeichnet diesmal Mandy Kunze. Am Ende kann der Zuschauer ein düsteres Bühnenbild beschauen. Mehr Schatten als klares Abbild reflektiert es die bedrückende Stimmung der Studierstubensituation, die Meyer und Meyer durch ihre geistreichen Witzeleien immer wieder brechen. Die Rede über die technische Singularität führt zur beliebten Kritik von Vater Meyer an der Marke mit dem Apfel. Das Regnen von Fischer-Art-Postkarten wird als sicheres Anzeichen der beginnenden Apokalypse interpretiert...

So weit, so gut! Heiterkeit mit nötigem Tiefgang ist der Zuschauer gewohnt, die gelegentlichen Überlängen und Irrgänge seitens des Moderators inbegriffen. Aus welcher Gruft der diesmalige Gast jedoch den Weg auf die Bühne gefunden hat, will man eigentlich gar nicht wissen und fragt sich dann doch. Bei besagter Person handelt es sich um den gelernten Grafiker Jan Eder, der heute Bestatter ist. Was ihn dazu getrieben habe seinen Beruf zu wechseln, beantwortet er mit der plumpen und wenig charmanten Aussage, er wollte etwas Handwerkliches machen. Der Grafiker kein Handwerker? Da hat jemand seinen ursprünglichen Beruf gründlich missverstanden.

So informativ das Dargebotene auch sein mag – immer wieder führt die gezwungene Antikomik des steifen Händlers mit der Ware Tod zu Stammtischfloskeln und unsinnigen, ja regelrecht unstatthaften Aussagen. Vom biologischen Standpunkt aus ungenügend, stottert Eder etwas vom Sauerstoff, der das Blut transportiert. Solchen Unsinn kann man ihm noch durchgehen lassen. Als er jedoch wagt, den nicht minder wichtigen Beitrag der Nationalsozialisten zur Kremationsgeschichte zu erwähnen, sind die Grenzen des guten Geschmacks bereits weit überschritten. Die viel beschworene Würde und der Respekt vor den Toten werden ad absurdum geführt.

Die Interventionen Enrico Meyers, der sich illustre Begräbnissituationen herbei fantasiert und nach deren möglicher Realisation fragt, können den Schaden nur noch begrenzen. In diesem Zusammenhang muss sich auch der Moderator für seine vernachlässigte Gesprächsleiterrolle verantworten. Meyer vergisst Grenzen zu ziehen und lässt seinem Gast entschieden zu viel Raum. Die leitende Kompetenz eines Pastors, der seine Lämmer umsorgt, fehlt an entscheidender Stelle. Der im Regen stehen gelassene Eder schwimmt dadurch um seine Glaubwürdigkeit – was seine Ausfälle mitnichten entschuldigt.

Gut, dass Meyer am Ende dann doch noch die Kurve bekommt und, nach erbrachter Wutrede auf die skandalöse Sterblichkeit des Menschen, auf einer Trompete „Großer Gott wir loben dich“ intoniert. „Die Gottesfurcht hat mir die Lippen schwellen lassen“, blasphemisiert Meyer nach erbrachter Blasleistung. Am Ende hat der Sekt auf dem Talar. So wunderbar dieses Gesprächsformat ist, so schillernd Meyer und Meyer mit ihren Themen tiefgründig zu spielen wissen – die Wahl und der Umgang mit dem einzigen Gast muss diesmal als misslungen abgetan werden. Was im Sommer mit Thomas Stuber glänzend funktionierte, verfällt an diesem Abend mit zunehmender Dauer. Getreu dem Motto „Das Ende oder Best of Sterben“ kriecht die Vorstellung am Ende erschöpft am Boden der Banalität. Bleibt zu hoffen, dass die sechste Ausgabe im Februar (Motto: „Der Mensch ist nur dort Mensch, wo er spielt“) eine vorösterliche Auferstehung vollziehen kann.

Stallgespräche #5 – „Das Ende oder Best of Sterben“

Mit Clemens Meyer und Jan Eder (Grafiker, Bestatter)

30. Dezember 2012


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