Moritz Arand | Drucken13.07.2012 

Klassiker des Faustrechts

Centraltheater: Die dritte Ausgabe der Meyerschen „Stallgespräche“ zeigt, wie dieses Format zu funktionieren hat

Clemens Meyer (links) und Gäste (Fotos: R.Arnold/Centraltheater)

Als ein Fest der Gewalt und des Blutes deklariert Clemens Meyer seine dritte Show, die sich dem Phänomen des Action-Films verschreibt. Zu Klängen der 80er Jahre (DJ ist Enrico Meyer), Einspielern aus allerlei blut- und gewehrfeuerreichen Filmsequenzen und einer bis ins Kleinste auf Actionaccessoires getrimmte Kulisse entwickelt sich auf dem Gelände des Weißen Hauses dieser sehr anregende und unterhaltsame Abend. Gewehrattrappen zieren die Tische, auf denen die Technik gelagert ist und im Hintergrund hängen an der Fassade des Weißen Hauses Bilder von Bruce Lee, Steven Segal, Chuck Norriss und Jean-Claude van Damme.

Ohne großes Abschweifen, nur einige polemische Bemerkungen über den sehr hohen Altersdurchschnitt der Zuschauer, die zeitgleich im großen Haus Katja Riemann auf der Bühne beschauen, nähert sich Clemens Meyer sehr zielgerichtet dem Thema des Abends. „Schluss mit dem Frieden“, hört man ihn deklamieren, während das Publikum auf Bierbänken oder Sitzsäcken bei Zigaretten, Bier o.ä. und zu meteorologisch ausgezeichneten Verhältnissen dem Geschehen folgt. Geballer, Schlägereien und „coole“ Sprüche prägen die Open-Air-Veranstaltung. Als ersten und einzigen Gast hat sich der Moderator diesmal Thomas Stuber (Regisseur der verfilmten Meyer-Erzählung Von Hunden und Pferden und Preisträger der Silbermedaille des Student-Oscar) eingeladen. Als Regisseur soll Stuber den Filmexperten geben. Was die beiden biertrinkenden und witzelnden Freunde in ihrem Gespräch entwickeln, hat aller Ironie zum Trotz Tiefe. Die dargestellte Gewalt der Actionfilme ist die sublimierte Bejahung der aggressiven Anteile der menschlichen Natur und als solche hat sie katalytische Funktionen, so die Erklärung der Affinität bestimmter Menschengruppen für diese gewalttätigen Filme. Der Actionfilm bedient ein Bedürfnis, das im gesellschaftlichen Miteinander offiziell geächtet wird.

Auch die Figur des Actionhelden kommt nicht zu kurz. Von Jesus Christus als ersten Actionhelden führt eine direkte Linie zu dem einstimmig als Held aller Helden anerkannten John J. Rambo. Das Gespräch versteigt sich in spekulative Höhen, die erfrischend und belustigend zugleich sind. Tötet Rambo aus Menschenliebe? Und warum darf er nicht sterben, um endlich seine Erlösung zu finden, weil ihm sogar die Liebe versagt bleibt? Ist nicht ein jeder Actionfilm in seiner tieferen Bedeutung ein Liebesfilm? Das und vieles mehr sind die gehaltvollen Ergüsse des nie langwierigen Gesprächs. Eine terminologische Unschärfe scheint jedoch auf. Die entscheidende Differenz zwischen Jesus und Rambo ist die, dass Jesus sich (nach der neutestamentlichen Überlieferung) opfert. Somit entspricht er der Figur des Heros, der als Auserwählter, so die griechische Grundbedeutung des Wortes, immer auch der ist, der geopfert wird. Rambo stirbt nicht. Und gerade dieser Umstand zeitigt sein Dilemma, macht ihn zum Propheten des Krieges, zu einem Herostratos, der die Welt in Brand setzt. Große Gedanken zu scheinbar plumper Gewaltästhetik.

Jenseits der gedanklichen Eskapaden ist auch für die Verpflegung der Besucher gesorgt. Als Reminiszenz an die Spaghetti-Western (der Begriff ist politisch natürlich nicht korrekt) kocht Dietrich Enk (Koch im Pilot), dem Motto des Abends „Rambo Kocht!“ Rechnung tragend, in einer riesigen Pfanne Bohnen mit Speck. Auch das Publikum, das nach der Veranstaltung mit der Leibspeise von Bud Spencer und Terence Hill verköstigt wird, wirkt an diesem kulinarischen Vorgang mit. Clemens Meyer verteilt Dosenbohnen mit der Aufforderung diese wie Granaten zu entsichern und den Inhalt in der Pfanne unterzubringen.

Gemalt wird natürlich auch wieder. Der aus London mit einer Billig-Flug-Airline eingeflogene Maler Liam Scully bringt auf einer großformatigen Leinwand ein Gemälde mit dem Titel First Blood (Originaltitel des ersten Rambofilms) auf. Man sieht die Entwicklung von John Rambo, wie sie im Film vonstatten geht. Ein handlungsauslösendes Moment, das „ruck zuck skizziert wird“, löst die „Katastrophe“ aus. Blut und Schmerz sind die Folge. So zeigt das Bild viel rote und schwarze Farbe und könnte den Untertitel tragen: Don´t mess with Rambo!

Zum ersten Mal zeigt das Format, was es kann. In der studioartigen Umgebung, die im Gegensatz zur strengen Ordnung des Theaters viel Raum lässt, entwickelt sich die ganze Kraft des Abends. Der Besucher ist näher am Moderator und seinen Gästen dran, die Distanz wird auf ein Minimum reduziert. Zielgerichtet strebt alles in eine Richtung, auch wenn Clemens Meyer es nicht lassen kann – und das macht auch seinen Charme aus –, an manchen Stellen abzuschweifen. Die Reduktion des Dargebotenen und die damit sich entwickelnde Dichte, tut den Stallgesprächen gut. Bitte mehr davon!

In der am Schluss zusammengestellten Zitatschau, in der Heldensprüche wie „I´ll be back“ nicht fehlten, vermisste der Autor dieses Artikels allerdings den Klassiker ramboesker Superdialoge. Aus diesem Grund sei er an dieser Stelle abschließend angefügt:

Afghane: „Was ist das?“
Rambo: „Blaues Licht!“
Afghane: „Was macht es?“
Rambo: „Es leuchtet blau!“

Rambo kocht!

Mit: Clemens Meyer und Thomas Stuber

Premiere: 4. Juli 2012


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