Irene Müller | Drucken15.03.2011 

Doppelte Untreue und maximales Gefühlschaos

Peter Konwitschny inszeniert „Così fan tutte“ an der Oper Leipzig

Mit der fortschreitenden Handlung wird die Genialität Mozarts überdeutlich. (Fotos: Andreas Birkigt)

Der Forscher fand nicht selten mehr als er zu finden wünschte, heißt es schon bei Lessings Nathan, und es könnte das Motto der Geschichte sein, die uns Wolfgang Amadé Mozart und der Librettist Lorenzo Da Ponte in ihrer dritten und letzten Zusammenarbeit erzählen. Così fan tutte, 1790 in Wien uraufgeführt und mittlerweile aus dem Opernrepertoire nicht mehr wegzudenken, beklagt die weibliche Untreue. Zwei verliebte Soldaten (Ferrando und Guglielmo) wetten mit dem Zyniker Don Alfonso darum, dass ihre Verlobten (die Schwestern Dorabella und Fiordiligi) sie niemals betrügen würden. Doch im Verlauf nur eines Tages schaffen es beide in Verkleidung, die Frau des Freundes zu erobern. Und dann ist natürlich guter Rat teuer. Verletzt von der Untreue ihrer Teuren sind sie beide, aber verliebt in die andere, oder zumindest in die Möglichkeit einer neuen Liebe, sind sie schließlich auch.

Am 5. März feierte im Opernhaus Leipzig eine Produktion der Komischen Oper Berlin unter der Regie von Peter Konwitschny und der musikalischen Leitung von Andreas Stoehr Premiere. In knapp vier Stunden konnte das Ensemble vor allem mit einem mutigen Ende das Publikum begeistern.

Der erste Akt mag stellenweise einschläfernd wirken. Das klare Bühnenbild ist schnell zu Ende angeschaut und die leicht historisierenden Kostüme geben auch keinen Anlass zu kurzweiligem Augenschmaus. Die naive Leidenschaft – oder leidenschaftliche Naivität – der Schwestern mit den albernen Perücken und den Soldatenpüppchen hat sogar Nervpotential. Doch das Blatt wendet sich mit dem Beginn des zweiten Akts. Allein die sinnfreie Auflösung des an sich schlichten Bühnenbildes ist da noch zu kritisieren. Teile des aus dem ersten Akt bekannten Marineschiffes mit der Piratenflagge und des Gartens am Meeresstrand umsäumen herdplattenähnliche Kreise, die sich in einem schräg von der Bühnendecke herabhängenden Rund spiegeln – ein Zeichen wohl dafür, dass sich leicht verbrennt, wer mit der Liebe spielt. Doch störend ist das letztendlich nicht. Mit der fortschreitenden Handlung wird die Genialität Mozarts überdeutlich.

Die mitreißenden Melodien zwischen der Banalität schnellen Liebesglücks und existentieller Verzweiflung angesichts der haarsträubenden amourösen Verwicklungen suchen ihresgleichen. Und Mozart ist ein Fuchs. Die großen Duette gibt er den neuen Paarungen statt den zu Beginn so wortreich Verliebten, die Klage über den weiblichen Wankelmut lässt er den erst später betrogenen Guglielmo singen und feiert damit in meisterhafter Ironie die mit Leichtigkeit zur Untreue Verführten. In Peter Konwitschnys Così fan tutte reiht sich nun, im zweiten Akt, eine Sternstunde an die nächste. Die glatte Inszenierung bricht auf und wird emotional, kraftvoll und heiter. Dorabella und Guglielmo entdecken ihre animalische Seite, Fiordiligi flüchtet sich in traurige Trostlosigkeit, bevor auch sie den werbenden Worten nachgibt und, als die Verwirrung ihren Höhepunkt erreicht, diskutieren die Akteure das Textbuch.

Die Sänger sind ohne Fehl und Tadel und harmonieren großartig miteinander. Despina und Don Alfonso werden von den vier Liebenden an die Wand gespielt und gesungen, doch dass die Fädenzieher der Geschichte in den Hintergrund geraten, ist für Konwitschnys Inszenierung schließlich auch richtig. Hier geht es um das aktive Sich-Einlassen, Sich-fallen-Lassen in das Spiel der Liebe, in der die vier jungen Menschen selbst nur Spielbälle sind – oder Puppen, die immer wieder die Bühne bevölkern und den Akteuren als Spiegel und Projektionsfläche dienen. Auch die animalische Seite des Themas wird mit reichlichen Anspielungen bedient: von verliebten Elchen im Café bis zu Froschsprüngen. Buhrufe gab es am Premierenabend für die zotige Kammerzofe Despina, allerdings aus der gleichen Kehle, aus der beinahe alle anderen Künstler mit Bravo- und Bravarufen bedacht wurden. Wirklich Beachtung schenken kann man dem dann wohl nicht, wenn einer seine eigenen Stimmübungen im Opernhaus verrichten wollte und von Mitzuschauern selbst zur Ruhe aufgefordert wurde.

Allein für das fulminante und überraschend interpretierte Ende würde es sich lohnen, endlose Rezitative dieser durchsichtigen Versuchsanordnung über sich ergehen zu lassen. Wer nun am Ende wen heiratet, ob die alte Ordnung wiederhergestellt oder die neue als richtiger angesehen und darum beibehalten wird, ist das nicht eigentlich nebensächlich? Die meisten Dinge ändern sich nach einem happy end ohnehin wieder, vielleicht entsteht eines Tages eine vollkommen neue Ordnung. Warum sollte man da nicht eine allumfassende Philanthropie zelebrieren? Wenn man schon nicht der Taiwanesin Chen Wei Yi folgen und sich zuallererst einmal selbst heiraten möchte…

Vielleicht kann man ein ähnlich gutes Ende inszenieren. Aber besser? Die ansteckend ausgelassene Stimmung, die nach doppelter Untreue und maximalem Gefühlschaos so unangemessen scheint und gerade deshalb so zu Mozart passt, die das verworrene Dilemma überhaupt nicht mehr ernst nimmt und trotzdem mit schlafwandlerischer Sicherheit den Kern der Sache trifft, nein, das kann man besser nicht machen.

Così fan tutte

Inszenierung: Peter Konwitschny

Musikalische Leitung: Andreas Stoehr

Mit: Viktorija Kaminskaite, Jean Broekhuizen, Young Hee Kim, Morgan Smith, Norman Reinhardt, Dietrich Henschel, dem Chor der Oper Leipzig und dem Gewandhausorchester

Premiere: 5. März 2011, Oper Leipzig


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