| Drucken13.04.2003 

Crash-Kids von Marcus Romer (Friederike Haupt)

13.04.2003 Theater der Jungen Welt Leipzig

Crash-Kids von Marcus Romer

Es spielen:
Viper ? Meike Anna Stock
Colly ? Laurenz Leky
DJ ? Maria Benad

Regie ? Frank Panhas


Zwei von Millionen von Sternen
Crash-Kids, Trash-Witz und die Suche nach dem ultimativen Glück

Eigentlich ist es ganz einfach: Entweder du bist cool oder du bist scheiße. Colly und Viper haben sich für cool entschieden, mit allem was dazugehört. Da gilt es natürlich, den gängigen Klischees gerecht zu werden: Er ? 17 Jahre, mit bürgerlichem Namen Mark Collinsky ? sieht sein Glück im Autoknacken und anschließendem Durch-die-Gegend-Rasen; Geschwindigkeit gibt ihm das Gefühl zu leben, Autos sind ?Sex auf Rädern?, und wenn etwas unangenehm zu werden droht, wird erst mal die Sonnenbrille aufgesetzt ? Coolness pur.

Den passenden Gegenpart stellt seine 16jährige Freundin Viper dar, so genannt aufgrund angeblicher Ähnlichkeiten mit einer sich windenden Giftschlange: Zwar vermeint man manchmal noch Reste einer abgelegten Nettes-Mädel-von-nebenan-Mentalität zu erkennen (verliebtes Gekicher, Nervosität vor dem ersten Treffen mit ihrem Colly), aber Action und Abenteuer fordern andere Werte: Alles mitmachen, alles cool finden, was gegen die Norm verstößt und am besten auch Gesetze brechen ? Hauptsache, es trifft die Spießer dieser Welt.

Zusammen sind sie die Crash-Kids und inszenieren sich mit Sprüchen wie ?Wenn ich drin bin hinterm Steuer, hab ich die Kontrolle. Weißt du, wie gut sich das anfühlt?? oder ?In meinem Kopf ist mehr Scheiße, als in ein Klärwerk geht?. Ab und zu wird ein gestohlener Wagen abgefackelt, in einem alten Wohnwagen rumgegammelt oder andere Musik vom DJ verlangt. ?Er ist so total anders als alle anderen?, schwärmt Viper von ihrem Hobby-Schumi, und wie anders, zeigt sich kurz darauf:

Schwangerschaftsalarm! Große Aufregung, Test positiv, das Mädchen ist verzweifelt. Die als spießig abgestempelte Mutter (Gespräche mit dieser werden in sehr gelungenen Videosequenzen eingespielt) ist als Vertrauensperson zunächst tabu und ? wer hätte das gedacht? ? Colly verweigert jedes ernsthafte Gespräch über seine Vaterschaft und das weitere Vorgehen. Statt dessen reißt er so lange Witze (?Hey! Ich bin auch schwanger! Der erste schwangere Mann...?), bis Viper das Weite sucht. Ein paar Tage herrscht Funkstille.

Dann jedoch hält der Daddy in spe es nicht mehr aus, schnell ist die Versöhnung herbeigeführt und man fährt einkaufen, Babysachen. Lustig geht's da zu: Die sächselnde Verkäuferin führt (sehr zum Vergnügen des Publikums auch von Laurenz Leky gespielt) Kinderwagen vor, und Colly plant bereits die Familienausflüge: ?Passt eigentlich jedes Kind in jeden Wagen? Wir brauchen einen Kindersitz, der sich schnell mal aus- und wieder einbauen lässt.?

Doch plötzlich war alles wieder nur ein Scherz: Der werdende Vater hält Abtreibung für die einzig richtige Lösung des ?Problems?, will weiterhin frei und cool sein. Als er mit seinen Überredungsversuche bei seiner Freundin auf Granit beißt, dreht er durch. Viper wird in ein Auto verfrachtet, er rast los: Ein ganz privater Highway to hell.

Dass solche Aktionen meistens katastrophal enden und im Theater sowieso, ist klar. Das Eminem-Lied ?Lose yourself?, mit dem das wartenden Publikum vor der Aufführung beschallt wurde, kann als Prophezeiung verstanden werden: Die Protagonisten verlieren einander, sich selbst und ihre klaren Vorstellungen von richtig und falsch.

Überhaupt spielt Musik eine große Rolle bei den Crash-Kids: Ob es die verträumten Melodien der Band 2raumwohnung (?Zwei von Millionen von Sternen?) sind oder klassische Klänge (Collys Wahn beim Hören von Smetanas Moldau erinnert sehr an Alex und seinen Ludwig Van aus dem Film Clockwork Orange): Der Soundtrack zum Leben der beiden Jugendlichen ist laut und intensiv ? Maria Benad als DJ macht ihre Sache gut.

Ein gelungenes Porträt zweier Crash-Kids, dem allerdings an einigen Stellen etwas weniger Klischee gut getan hätte: Zu typisch ist manches (zum Beispiel Colly als der ewig verantwortungslose Rowdy, der in Turnhosen ?Bonzenkarren? knackt), und der Ausgang des Stücks scheint vorhersehbar. Aber vielleicht führt krampfhaftes Anderssein-Wollen auch dazu, dass man am Ende noch gewöhnlicher ist als die verachteten Spießer...

Und was lernen wir daraus?

Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt.

(Friederike Haupt)

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