Doreen Kunze | Drucken21.03.2014 

Ein rauschendes Fest

Choreographin Heike Hennig geht in „Crystal“ den verschiedenen Formen von Rausch nach

Liebe, Sport, Drogen: Rauschzustände und Rauscherfahrungen können verschiedenste Ursprünge haben und sich in unterschiedlichsten Ausprägungen zeigen. Woher der Rausch kommt und was er mit dem Körper macht, zeigt Heike Hennig in ihrer neuen Choreographie Crystal – Variationen über Rausch am Theater der Jungen Welt. Mit drei Schauspielern des Haues und drei Tänzern geht sie verschiedenen Fragen nach Rausch, Ektase und Entgrenzung nach und lässt mit viel Geschick und Feingefühl große Bilder entstehen. „Crystal“ ist die zweite Koproduktion des TdJW mit dem Bayer Kulturhaus Leverkusen und war in einer Doppelpremiere nacheinander an beiden Häusern zu sehen.

Ein reiner, weißer Tanzboden, im Vordergrund ein Trampolin, hinten eine Konstruktion aus Sechsecken, die an ein chemisches Strukturmodell erinnern lassen. Über allem eine Discokugel, die sich zu Beginn unablässig dreht. Bunte Lichter flackern auf und eindringliche Musik ertönt. Kaum hat die Vorstellung begonnen, befindet sich der Zuschauer auch schon unmittelbar in einem Rausch. Tunnelblickartig starren alle auf die Bühne und warten, dass etwas passiert. Doch die Schauspieler nähern sich von hinten an, klettern durch die Sitztribünen durch das Publikum hindurch und schaffen so einen Bruch. Eben noch gefangen von den Lichtern und der Musik, werden die Zuschauer rasch zurückgeholt auf den harten Tanzboden der Realität.

In Heike Hennigs Choreographie geht Rausch mit Freunde, Angst, Druck, Wut und Ausgelassenheit einher. Sie schafft es, gegensätzliche Gefühlszustände in einem Atemzug zu verbinden und das ist nicht zuletzt den Schauspielern und Tänzern zu verdanken. Gemeinsam durchleben sie verschiedene Szenarien und reisen mit körperlicher Präzision und Ausdruckskraft durch die Facetten des Rauschgefühls. Kennt man die Schauspieler des Hauses nicht, so ist es nicht immer möglich, zwischen ihnen und den professionellen Tänzern zu unterscheiden. Perfekt fügen sie sich zusammen und harmonieren bei den breitgefächerten Formen körperlichen Ausdrucks, die an diesem Abend zum Besten gegeben werden. Sind in einem Moment noch alle zu den harten Beats der elektronischen Musik in sich selbst versunken, wird im nächsten Moment schon Goethe rezitiert:

Hab oft einen dumpfen düsteren Sinn,
Ein gar so schweres Blut!
Wenn ich bei meiner Christel bin,
Ist alles wieder gut.
Ich seh sie dort, ich seh sie hier
Und weiß nicht auf der Welt,
Und wie und wo und wann sie mir,
Warum sie mir gefällt.

Mit einer Leichtigkeit werden so thematische Sprünge gemacht. Die für das Stück namensgebende Droge Crystal Meth spielt dabei nicht, wie man denken könnte, die Hauptrolle. Immer wieder werden kurze Szenen über Drogenkonsum eingewoben, dominieren das Stück aber nicht. Durch den Verzicht einer Darstellung von „Drogenopfern“ gibt Hennig ihrer Inszenierung eine Ernsthaftigkeit, die keinen mahnenden Anspruch hat. Viel mehr zeigt sie Rauscherfahrungen und die damit einhergehenden körperlichen und geistigen Stufen. Von vollkommender Ekstase bis hin zu kompletter Ermattung.

Drogen und Rausch sind im Jugendtheater gern aufgegriffene Themen, an denen sich bis zur Ermüdung abgearbeitet wird. Crystal zeigt, wie man mit einer Leichtigkeit an das Thema gehen kann, ohne dass der Vorwurf der Verharmlosung laut wird. Auf eine gewisse Art bedrückt und irgendwie auch berauscht verlässt das Publikum den Saal. Und ein bisschen ist es wie bei einem Drogenrausch: Kaum ist es vorbei, hätte man eigentlich doch ganz gern noch mehr davon.

Crystal - Variationen über Rausch

Regie: Heike Hennig

Ausstattung: Mathias Rümmler

Musik: Cornelia Friederike Müller

Dramaturgie: Winnie Karnofka

Besetzung: Katja Göhler, Nuria Höyng, Kevin Körber, Hong Nguyen Thai, Lukas Steltner, Anna-Lena Zühlke

Theater der Jungen Welt, Premiere: 6. März (Bayer Kulturhaus Leverkusen: 23. Februar)


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