Felicitas Förster | Drucken05.04.2014 

„Der Teufel hat etwas für jeden von uns“

Damiano Michieletto inszeniert in Leipzig Strawinskys Oper „The Rake‘s Progress“. Im Interview spricht er über die Reise mit dem Teufel

Regisseur Damiano Michieletto (Fotos: Tom Schulze)

Felicitas Förster (Leipzig Almanach): Ist „The Rake‘s Progress“ eine Oper, die den Zuschauer sofort in ihren Bann zieht?

Damiano Michieletto: Die Musik ist großartig und sehr bewegend. Sie hat viele Momente, die man genießen kann. Aber dennoch muss sich erst mal an die Musik gewöhnen. Ich würde dem Zuschauer empfehlen, vorher schon mal in die Oper reinzuhören. Dann kann man besser der Geschichte folgen.

Was war ihr persönlicher Zugang zu dieser Oper?

Was ich besonders aufregend fand, war diese Mischung aus Ironie und Tragödie. Außerdem hat mich die Komplexität der Geschichte fasziniert. Es ist ja eine Geschichte über eine Reise. Das hat mich inspiriert. Ich wollte diese Reise weiterentwickeln.

Sie sind selber viel auf Reisen. Haben Sie vielleicht deswegen diesen Ansatz gewählt?

Daran liegt es gar nicht. Wir sind alle ständig auf Reisen. Das Leben ist eine Reise. Alles bewegt sich, alles verändert sich mit jeder Sekunde. Man lernt neue Menschen kennen, macht neue Erfahrungen. Das Reisen ist eine Metapher, auch in „The Rake‘s Progress“. Dort geht die Reise zu den extremen Orten, den dunklen Seiten des Lebens. Der Teufel nimmt die Hauptfigur Tom bei der Hand und lädt ihn dazu ein, die dunkle und gefährliche Seite des Lebens zu erkunden. Das endet für Tom in der Selbstzerstörung. Das ist zwar ein tragisches Ende, aber es hat auch viele ironische und lustige Momente.

Die Hauptfigur haben Sie eben schon erwähnt: Tom Rakewell. Was ist das für ein Mensch?

Tom ist ein junger Mann. Am Anfang sehen wir ihn mit seiner Verlobten und mit dem Vater seiner Verlobten. Der Vater erwartet sehr viel von ihm. Er möchte einen Beruf für ihn finden und ihn auf seine Zukunft vorbereiten. Eigentlich möchte der Vater, dass Tom wird wie er. Aber das reicht Tom nicht. Er erwartet mehr vom Leben. An dieser Stelle kommt der Teufel ins Spiel. Er erzählt Tom, dass ihn ein Erbe erwartet und dass er ein reicher Mann sein werde. Darum müsse er mit ihm nach London gehen. Hier beginnt dieser junge Mann seine Reise mit dem Teufel. So kommt er Schritt für Schritt mit schlechten Dingen in Berührung, mit Korruption zum Beispiel. Diese Dinge faszinieren ihn. Aber gleichzeitig verliert er seinen Anschluss an die Realität. Daran geht er zugrunde. Am Ende sehen wir ihn in einem Irrenhaus. Dieser Charakter ähnelt sehr dem Faust von Goethe.

Damiano Michieletto mit der Sopranistin Marika Schönberg bei der Probe

Tom wird also zuerst von seinem Schwiegervater in eine Richtung getrieben. Dann kommt der Teufel in der Gestalt von Nick Shadow (Schatten). Er treibt Tom in eine andere Richtung. Handelt diese Oper denn davon, wie man von anderen Leuten beeinflusst wird?

Am Ende von „The Rake‘s Progress“ gibt es einen Epilog. Da ist die Geschichte schon vorbei, aber wir hören noch eine Moral von der Geschichte. Das hat Strawinsky sich bei Mozart abgeschaut. Und die Moral besagt: Der Teufel hat etwas für jeden von uns. Das heißt, dass wir dem Teufel nicht entgehen können. Aber wir können uns immer entscheiden: Für das Gute oder für das Schlechte. Insofern stimmt das schon, dass die Geschichte davon handelt, wie man von Anderen beeinflusst wird. Es gibt diese Schatten, die einen verfolgen. Manchmal stehen sie hinter dir, manchmal spürst du sie in dir drin. Du möchtest sie erkunden, weil sie faszinierend sind. Das möchte ich auch in meiner Inszenierung zeigen. Im Epilog versuchen alle übrigen Charaktere den Teufel mit Messern umzubringen. Aber sie stellen fest, dass das unmöglich ist. Damit will ich sagen, dass man diese Schatten nicht umgehen kann. Sie sind Teil deines Lebens. Es liegt an dir, damit umzugehen.

In welcher Gestalt treten diese Schatten auf? Sind sie der Konsum oder der Kapitalismus?

Also zuerst sind sie ein Teil von dir und sie haben immer zwei Seiten. Sexualität zum Beispiel, aber auch Macht oder Geld. Alle diese Dinge haben eine dunkle Seite. Deswegen hat der Teufel so viel Macht. Diese Dinge ziehen dich an. Du willst sie ausprobieren, willst sie anfassen, obwohl du dich dabei vielleicht verbrennst. Du verhältst dich wie ein Kind, dem die Mutter sagt: Fass das nicht an! Aber gerade weil sie es dir verbietet, tust du es doch. So verhält sich auch Tom Rakewell. Dieses Element betone ich in meiner Inszenierung. Es gibt dort viele kindliche Momente.

Gibt uns die Oper einen Rat, wie wir mit den Schatten umgehen können?

Also ich glaube nicht, dass Kunst belehren soll. Ich glaube einfach, dass Kunst Emotionen weckt. Aber die Oper zeigt uns, dass diese Schatten auf jeden von uns warten. Das wird im Epilog auch deutlich gesagt und allein das Wissen darum, hilft uns schon weiter. Der Rest liegt an dir.

The Rake‘s Progress

Musikalische Leitung: Anthony Bramall

Inszenierung: Damiano Michieletto

Oper Leipzig; Premiere: 5. April 2014

Rezension zur Inszenierung

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