Steffen Kühn | Drucken22.05.2011 

Alles in Bewegung

Musiktheater nach Pessoas „Buch der Unruhe“: In Saarbrücken kommt das neueste Werk von Michel van der Aa zur deutschen Erstaufführung

Klaus Maria Brandauer und das Saarländische Staatsorchester (Fotos: Uwe Bellhäuser)

Michel van der Aa ist ein nachdenklicher Mensch, permanent versucht er seinen Horizont und seine künstlerischen Ausdruckmöglichkeiten zu erweitern. Nach einer Ausbildung zum Tonmeister studierte der Gitarrist van der Aa Komposition in Den Haag, später Regie an der New Yorker Filmakademie. Er hat mittlerweile einen Personalstil entwickelt, der sich multimedial aller heute zur Verfügung stehenden auditiven und visuellen Ausdrucksmöglichkeiten bedient. Man könnte Michel van der Aas Denken multireflektorisch als bezeichnen, denn Reflektion ist bei ihm kein statischer Vorgang. Reflektionen setzten sich prozesshaft fort, generieren neue Inhalte, laufen ins Leere oder wiederholen sich endlos. Eine Vorliebe für merkwürdige Bilder, welche unvermittelt immer wieder auftauchen, zieht sich durch sein visuelles Schaffen. Transparente, offene Prozesse, alles ist in Bewegung – van der Aa und sein Publikum stehen staunend daneben.

In dieser staunenden Suche musste van der Aa irgendwann auf den Portugiesen Fernando Pessoa treffen. Pessoas Fragment Das Buch der Unruhe, 47 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht, beschreibt ein zerrissenes Alter Ego, welches sich in ständig wechselnden Identitäten immer wieder neu erfindet. Eine Suche nach der Gestalt des wirklichen Ichs, freilich so verschleiert, dass Zweifel am Sinn der Suche, an der prinzipiellen Möglichkeit sich selbst zu finden immer mehr zum eigentlichen Thema werden.

„Ich habe es immer abgelehnt, verstanden zu werden“ … „Zwischen mir und dem Leben ist eine dünne Glasscheibe“ … „Ich bin der Mittelpunkt von Nichts“ – Pessoas undramatischer Text ist nicht gerade eine ideale Vorlage für Musiktheater, van der Aa nutzt ihn deshalb nur als Gerüst, als Ausgangspunkt seines prozessualen Denkens. Auf der Bühne agiert Klaus Maria Brandauer, ein Reigen von bizarren Bildern fließt über kreisrunde bühnenhohe Projektionsflächen. Darin agiert Brandauer mit sich selbst und mit der wunderschönen Fado-Sängerin Ana Moura. Moura schreitet neben einem riesigen Rind durch eine portugiesische Landschaft, zuerst sieht man nur die Hufe des Rinds, später die schlanken Beine Mouras, dann wechselt alles in die Totale der weiten Landschaft. Der Film arbeitet auch in der vierten Dimension – der Zeit. Echtzeit und Zeitlupe wechseln sich ab. Wie der Raum der Inszenierung durch die Bilder von Landschaften, später von urbanen Situationen geweitet wird, gelingt van der Aa durch die zahlreichen Schnitte und die Loops auch eine seltsame Dehnung des Zeitbegriffs.

In dieses raffinierte Spiel aus Text und Bild hat van der Aa seine präzise vorwärtstreibende Musik montiert. Herbe Klänge werden in atmosphärische Flächen eingebettet, van der Aas Affinität zum Rhythmischen interagiert vortrefflich mit dem Fado-Gesang von Ana Moura. Auch hier in der Komposition der abrupte Wechsel von Totale und Detail, auch hier das Dehnen und Reflektieren. Van der Aa gelingt eine seltsame Übereinstimmung zwischen Sprache, Schauspiel, Film, Gesang und Orchestermusik. Im Duktus Pessoas poetischer Sprache schweißt er alle Aktionen wunderbar zusammen. Dass auf magische Weise irgendwie alles zusammenhängt, die Suche nach diesen Zusammenhängen aber letztendlich aussichtslos ist, manifestiert sich als Botschaft des Abends. Höhepunkt natürlich der faszinierende Klaus Maria Brandauer: Mit seiner Bühnenpräsenz und seiner kribbelnden Empathie haucht er den staubtrockenen metaphysischen Kaskaden Pessoas Leben ein. Wie wohl kein anderer kann er Zerrissenheit mittels Sprache vermitteln, kann er über Schwächen und Ängste reden ohne schwach und ängstlich zu wirken.

Genial, wie sich Klaus Maria Brandauer auf den Rhythmus der Musik einlässt. Faszinierend, wie van der Aa davor diesen Rhythmus gefunden hat – letztendlich ein Rhythmus aus Bildern wie das Schreiten durch die portugiesische Landschaft oder das monomanische Wiederholen von Tonleitern einer Klavierschülerin, eine Szene, welche das gesamte Stück begleitet. Van der Aa stellt mit Das Buch der Unruhe wiederum eine Arbeit vor, die alles offen lässt und doch schon und gerade deswegen Personalstil ist. Hier liegt wohl auch das Geheimnis seines Erfolges – sich auf das Prozesshafte und den Fluss unserer Zeit einzulassen und generierte künstlerische Ansätze auf die Zukunft und damit sich selbst sofort wieder in Frage zu stellen.

Das Buch der Unruhe

Musiktheater für Schauspieler, Ensemble und Film nach Fernando Pessoa

Von Michel van der Aa

Deutsche Erstaufführung

Musikalische Leitung: Thomas Peuschel
Inszenierung/Filmregie: Michel van der Aa
Bühnenbild: Marc Warning
Schauspiel: Klaus Maria Brandauer
Fado-Gesang: Ana Moura

Saarländisches Staatsorchester

Musiktheater in der Reihe »echtzeit«
Eine Veranstaltung im Rahmen der Musikfestspiele Saar 2011

20. Mai 2011, Staatstheater des Saarlandes


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