| Drucken06.06.2003 

Das Haus der Temperamente von Johann Nestroy, Klassenspiel der Freien Waldorfschule (Anja Szymanski)

6.5.2003 Freie Waldorfschule Leipzig,
Klassenspiel 8. Klasse, Leiterin: U. Gerber

Das Haus der Temperamente von Johann Nestroy (1801?1862)
Volkskomödie, Posse mit Gesang

Die Kraft der Tiefe ist die verborgene Kraft des Melancholikers, die rechte, herrschende Kraft ist der Choleriker, das himmlische Gesicht offenbart sich im Sanguiniker und die göttliche Gnade wird dem Phlegmatiker zuteil.

?Die Liebe ist ein Traum, die Ehe ein Geschäft.?

Beim Nachgrübeln über die Kultur der eigenen (DDR-)Schulzeit denkt man an peinliche Gedicht-?Rezitationen? aus dem Deutschunterricht und angestrengt wirkende ?Feste der jungen Talente? mit weniger Talenten als gelangweilt kichernden Schülercliquen. Wer nicht das Glück und die Möglichkeit der Mitwirkung in einer Theater-Gruppe hatte (mehr ein Fall für Großstadtkinder), hatte in seiner Schulzeit kaum einen Schimmer von den Brettern, die die Welt bedeuten.

So wird man neugierig, wenn heute eine achte Klasse ein Theaterstück aufführt, zumal ?Das Haus der Temperamente? von Johann Nestroy öffentlich präsentiert wird. Nestroy, von dem Jandl behauptet, dass sein zielsicherer Witz und die punktgenauen literarischen Treffer sich nicht noch einmal destillieren lassen, wird mitunter als Autor harmloser Biedermeier Possen verkannt. Dabei sollte Nestroys scharfer Witz und rücksichtsloser Spott die Schwächen der Wiener Biedermeier Gesellschaft reflektieren. Glaubt man Jandl, ist der beißende Sarkasmus immer mit urwüchsiger Komik und einem versöhnlichen Humor gepaart. Wir sind also sehr gespannt.

Die Bühne ist geteilt. Vier Zimmer, vier Farben: kräftig rot (für cholerisch), blau (melancholisch), gelb (sanguinisch) und grün (phlegmatisch). Und dies nicht ohne Bedeutung. Wir befinden uns im Festsaal der Freien Waldorfschule Leipzig. Die achte Klasse führt das obligatorische Klassenspiel auf, und sie tut es mit sichtlichem Vergnügen. Herr von Braus als vollendeter Choleriker braust denn auch (auf), was das Zeug hält, manchmal unterbrochen von Herrn von Fads langgezogenen und enervierenden Rufen nach seiner phlegmatischen faden Tochter. Die läßt sich ebenso lange Zeit zu antworten, wie das eigentliche Spiel im Haus der Temperamente dauert. Hier wohnen neben Fad und Braus noch Trüb und Froh, jeweils plus Sohn und Tochter gleichen Temperaments. Jeder Vater wünscht seiner Tochter einen Mann nach seiner Nase, denn ?Gleich und gleich gesellt sich gern' und die fernen Jugendfreunde Sturm, Schlaf, Schmerz und Glück sollen denn auch ganz passend auf die vier Haushalte verteilt werden.

Diese Jugendfreunde sind am Ende leider die Geprellten, denn zwischen den Mädchen und Jungen des Hauses haben sich nach dem Motto ?Gegensätze ziehen sich an' zarte Liebesbande entsponnen. Die ewig Betrübte möchte vom Frohen in ihrem Schmerz getröstet werden. Die zornige Rote erhofft Linderung ihres erhitzten Gemüts, während die stets Glückliche eine Neigung zum Wegwischen der trüben Gedanken ihres geliebten Schwermütigen entwickelt. Soviel Heimlichkeiten werden denn unterstützt von Hutzibutz, dem Stiefelputzer, der sich als ?Postillon d´Amour? unentbehrlich macht und ein ansehnliches Trinkgeld von allen Seiten erhält. Das aber ist dem Frisör des Hauses, Schlankel, ein rechter Dorn im Auge, und so beginnt dieser heftig zu intrigieren, indem er bei den Mädchen Zweifel an der Treue ihrer Geliebten weckt. Wie es sich für eine Volkskomödie gehört, gelingt das auch. Die Ausbrüche des zornigen und traurigen Gemüts können sich sehen, die des phlegmatischen auf sich warten und die des glücklichen es auf sich beruhen lassen. Hutzibutz und Schlankel schalten und walten kreuz und quer, denn an Scheidungsgründen fehlt es nie, wenn nur der gute Wille da ist. Zu allem (Un)Glück reisen die Jugendfreunde der Väter, von Schlankel geleitet, in die falschen (farblich komplementären) Wohnungen an. Es ist ein recht buntes Durcheinander.
Nachdem nun genug allgemeine Verwirrung gestiftet wurde, wird die Unschuld der Söhne irgendwann erwiesen, die von den Vätern begünstigten älteren Jugendfreunde von Schlankel außer Gefecht gesetzt, die vier jungen Liebhaber bekommen ihre Angebeteten und die Väter geben endlich ihren Segen...

Das Stück ist aus. Der volle Festsaal applaudiert. Die Jugendlichen könnten nach 1,5 Stunden mühelos noch weiterspielen. Natürlich haben diese nicht immer die ?Sprache vom Starrkrampf? (Karl Kraus) erlöst, und daß im abseitigsten Winkel einer Nestroyschen Posse mehr Lebenskennerschaft als im Repertoire eines deutschen Jahrzehnts steckt (Karl Kraus), wurde nicht immer deutlich. Dafür waren die Kinder an manchen Stellen noch zu steif oder zu leise, an manchen übertrieben laut, je nach Temperament der Spieler eben. Aber gerade das ist köstlich, vermutet man doch, daß diese ihrem natürlichen Temperament entgegen eingesetzt wurden. Und die kleinen Provokateure erhielten beinahe den anerkennendsten Applaus. Der von Nestroy im Schwank veredelte reife, funkelnde, facettenreiche Geist (Egon Friedell) wird von der Tatsache, daß alle spielenden Figuren dasselbe Alter haben, ob Väter oder Töchter, gleichsam erhöht. Denn es bleibt im Laufe des Lebens wohl niemandem erspart, sich mit der eigenen Gemütsart und der der Anderen auseinanderzusetzen. Das Gegensätzliche zu ordnen und zu harmonisieren, sprich, im günstigsten Falle von den anderen Temperamenten zu lernen und nicht zwischen den Elementen hin und her geworfen zu werden, sollte eine lohnende Aufgabe für jeden Jugendlichen sein. So ist die Verbindung zwischen Theater und Pädagogik doppelt gelungen.

Mit einem erstaunten Blick auf das sorgfältige Bühnenbild und die farblich passenden Kostüme bleiben dem ehemaligen DDR?Schüler voller Bewunderung Augen und Ohren offen stehen.

(Anja Szymanski)

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