Alexandra Hennig | Drucken06.05.2011 

Per se ist jeder Single

UnitedOFFproductions diskutiert in ihrer Inszenierung „Das letzte Abendbrot“ spielerisch den Familienbegriff

„Keine Diskussion ohne Beziehungskonflikte“ (Foto: Michael Fuchs)

Konstellationen, in die wir hineingeboren werden, entpuppen sich als Zwangsgemeinschaften – Verbindungen, denen wir schwerlich entkommen können. Gekonnt decken wir den Tisch, nehmen unseren Platz ein, reichen einander die Butter und verharren doch bei uns allein.

Neben dem braunen Stoffsofa steht eine weiße Küchenzeile, auf einem der Schränke die Mikrowelle, an der keine Paartherapie vorbei kommt. Vor diesem Horizont sitzen die Menschen an ihren Tischen, ohne einander zu bemerken. UnitedOFFproduktions (Berlin) haben an die Türen der bürgerlichen Schneckenhäuser geklopft. Das letzte Abendbrot ist vorbereitet, reichlich gedeckt mit Lebensentwürfen, die wir „Familie“ nennen können. Regisseur Dieter Krockhauer inszeniert Geschichten, die nach Familie fragen. Am deutlichsten tritt dabei die Erzählung von Katharina hervor, Mutter einer pubertären Tochter und alleinerziehend. Wären da nicht noch Kolja, ihre betont unverbindliche Beziehung und der Andere, ihr Ex-Mann, von dem sie seit zehn Jahren geschieden ist, der als Vergangenheit und Vater unweigerlich doch immer dazu gehören wird.

Wie die Verbundenheit dieser Vier in Erscheinung tritt, wird so humorvoll und anrührend gespielt, wie es sich nur ereignen kann in einem Abenteuer, deren Akteure sich nur zum Teil einander ausgesucht haben. Mirca Preißler, Jens Münchow, Florian Simon und Michael Ulfik verkörpern mit Präzision, Spielfreude und Stärke jeweils eigene Akzente dieser Figuren, dass man sich dem Geschehen nicht entziehen kann. Permanente Rollenwechsel, parallel gespielte, sowie chorisch gesprochene Szenen ergeben eine Dynamik und Atmosphäre, die es leicht macht, sich hinein zu begeben ins Mosaik der Realitäten und Lebensentwürfe. Viel Emotion, viel Witz und Musik begleiten banale und existenzielle Situationen, die einem manches Mal den Spiegel vorhalten.

Jemand steht auf der Bühne und betastet mit seinen Füßen eine weiße Linie, die über den Boden gezogen ist. „Ab hier is privat. Da kommt keiner rein!“ Eine Vorstellung von Familie als Sehnsuchtsort, in dem Geborgenheit und Liebe regieren sollen. Eine Rückversicherung: „Mama, wie war das eigentlich als ich klein war?“ Ein unermessliches Glück, vielleicht eine Suche nach dem richtigen Weg und manchmal eine Verfolgungsjagd. Ein Wettrennen um die Gummibärentüte. Atemlos laufen vier Menschen über die Bühne, durch ihre gemeinsame Welt, um endlich erschöpft, alle auf einen Haufen übereinander gestapelt auf den Boden zu liegen.

Vor dem Hintergrund dieses Menschenhaufens kommen Menschen zu Wort, die ihre Türen geöffnet haben, um über ihre Familien zu erzählen. Per Videoleinwand erscheinen sie wie durch ein Fenster zur Außenwelt, dort, wo andere auch Probleme haben. Was das heißt, Familie?

„Ich habe nie so richtig verstanden, was das ist, was es so unantastbar macht, die Idee von Familie und Zusammengehörigkeit. Was es so schwer macht, diese Bande einzureißen, nur, weil man zufällig verwandt ist“.

Familie ist miteinander. Zwei Menschen sitzen auf dem Sofa, in den Armen hält einer von ihnen eine Puppe. Ihr Baby, auf das ein Lichtkegel geworfen ist. Es ist ihr Joseph aus Bolivien, den sie für 25.000 Euro in ihre Familie aufgenommen haben. Es ist einfach bezaubernd, sagt die Reporterin, dass er nun eine Familie hat.

Wie verzwickt es auch erscheinen mag, so ist Familie doch etwas mit dem wir es alle ganz fundamental zu tun haben. Worüber sich reden lässt. Bedürfnisse, Lebensentwürfe, die aufeinander prallen, und nach Vereinbarkeit fragen.

„Was es bedeutet, Kinder zu haben, ist andauernd loszulassen von sich selbst. Man ist einfach ständig in Alarmbereitschaft“

Ein Butterbrot als Zufluchtsort. Die Tische werden zusammengeschoben und ein lauter Knall erfüllt den Raum. Katharina hat gekocht. Es gibt Fenchel mit Spinat und wehe dem, der daran zu zweifeln versucht. Wenn die eigene Tochter diese Gabe verschmäht und sein Partner einen obendrein in den Rücken fällt, dann reicht’s.

Ein Streit am Abendbrottisch, der zu nichts geringerem avanciert, als zur Verhandlung seiner ganzen Persönlichkeit. Das Resultat: „Es geht um mein Recht und dein Unrecht.“ So stehen vier Menschen am Bühnenrand des Wahnsinns und so hören wir den kraftvollen Chor, weil sie sich jetzt einig sind: Dass sie in Beziehungsfragen nicht dogmatisch sein wollen, dass sie in Beziehungsfragen nicht dogmatisch sein wollen. Und dass sie überdies in Beziehungsfragen nicht dogmatisch sein wollen. „Kausaler Scheißdreck!“

Jemand greift zur Gitarre, der andere hat sich einen Fahrradhelm aufgesetzt. Sie sitzt geistesabwesend noch immer am Tisch, während woanders lautstark ins Mikro gebrüllt wird. Wer bricht wo hier aus? Sie steht auf, läuft zur Küchenzeile und drückt auf die Mikrowelle. Während neben ihr die Gemüter ausrasten, bindet sie ihre Schürze um und stellt den Fenchel zurück auf den Tisch.

„Keine Diskussion ohne Beziehungskonflikte“

Zum Schluss sitzen alle an einem Tisch; für die Gleichberechtigung wird die runde Platte rausgeholt. Kolja, der sich betont distanziert gebende Freund, erfüllt von der Sehnsucht, über seinen Tellerrand hinaus zu schauen. Es ist ja Weihnachten und die Oma wird besucht. Ob er nicht auch mitkommen wolle. Wir Menschen können eben nicht am Rande stehen und wollen dahin, wo die Mitte ist.

„als Single wäre ich verloren“

Wo es an der Zeit ist, die konventionellen Vorstellungen von Familie zu hinterfragen, Phänomene wie Patch-Work-Familien längst in unsere Wirklichkeit eingezogen sind und faktisch die heterosexuelle Partnerschaft im Bund der Ehe dennoch ihre Autorität beizubehalten scheint, ist dieses Stück sicher ein Ansatz, alternative Lebensentwürfe zur Disposition zu stellen. Themen, wie von der Gesellschaft schwer zu ertragene Kinderlosigkeit, der Druck und die Erwartungshaltung nach „Reproduktion“, werden aufgeworfen, bleiben innerhalb des Stückes jedoch eher Randüberlegungen, die weiter gedacht werden können. Wie schwer es tatsächlich ist, alternative Lebensentwürfe, nicht-binäre Partnerschaften, nicht-heterosexuelle Familien in dieser Gesellschaft zu gründen, hätten vielleicht in der Konsequenz noch deutlicher befragt werden können.

Wenn wir vorerst bei Katharina, Kolja, dem Ex und ihrer Tochter bleiben wollen, stellt sich erneut die Frage: Wer hat gekocht? Guten Appetit. Es ist das letze Abendbrot und es gibt Fenchel. Keine Ausweichmöglichkeit.

Und sie singen:

„Alle leut geh’n jetzt nach Haus, geh’n in ihr Kämmerlein, geh’n in ihr Schneckenhaus und schauen aus dem Fenster raus.“

Das letzte Abendbrot

unitedOFFproductions

R: Dieter Krockauer

Mit: Jens Münchow, Mirca Preißler, Florian Simon, Michael Ulfik

Premiere: 27. April 2011, Lofft Leipzig


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