| Drucken14.11.2002 

Das Matarile Teatro mit „The Queen is dead” bei der euro-scene (Marcus Erb-Szymanski)

euro-scene Leipzig
14.11.2002 Neue Szene

Matarile Teatro
?The Queen is dead? (Die Königin ist tot)
Stück von Ana Vallés


Die Frau im klassischen Rollenbild

In Ana Vallés Stück ?The Queen is dead? heißen die Frauen nicht etwa Ana Vallés, Mechthild Barth, Ana García oder Eugenia Iglesias, wie die Darstellerinnen, sondern ?Dem Unwetter ausgesetzte Frau?, ?Frau die nach Pablo ruft?, ?Obst und Gemüse tragende Frau?, ?Sich totstellende Frau?. Es sind Frauen, die einer bestimmten, emotionalen Situation ausgesetzt sind, die sich selbst in und durch diese Situation definieren, sich gegen das Ausgeliefertsein an diese Situation zur Wehr setzen. Der Text enthält nicht wenig an Tragik, er wirkt wie der in verschiedene Persönlichkeitsebenen aufgesplitterte Monolog einer verlassenen Frau, die mit ihrer Verzweiflung kämpft. Nicht umsonst endet der Text mit den Worten ?Um Gottes Willen, es soll endlich etwas geschehen! Es soll ein Blitz einschlagen! Es soll jemand kommen und mich töten!?

Doch diese Verzweiflung wird mit einem grimmigen Humor überspielt; mit einer fast absurden Hingabe an die klassischen Rollenklischees bekennen sich die Protagonistinnen zum normalen Leben und den Aufgaben, die ihnen darin zugeteilt werden. So ist die Groteske wohl die adäquate Form, in der ein solches Stück umzusetzen wäre, und das Schlussbild symptomatisch für das Ganze: Wie vor einem Zerrspiegel verformen in artistischer Gesichtsakrobatik die vier Frauen ihre Porträts zu debilen Masken, wirken hilflos und aggressiv, abstoßend und verführerisch zugleich in ihrem Gebaren und befreien sich schließlich in einem alles hinwegfegenden Tanz von allen aufoktroyierten Äußerlichkeiten. So entlässt die Tragik-Komödie den Zuschauer sogar noch mit einem Hoffnungsschimmer.

Doch das ist auch schon alles, was an dem Stück sehenswert war. Die betonte Sachlichkeit, mit der der originale spanische Text größtenteils vorgetragen wurde, nahm dem poetischen Gehalt viel von seiner Bühnenwirksamkeit. Dies wurde kompensiert durch leicht chaotische sketschähnliche Szenen, Tänze und Pantomimen, die den dramatischen Kern des Textes mehr illustrierten als entwickelten. Die konventionellen Gesten, deren man sich dabei bediente, Gesten, in denen die Frau im öffentlichen Leben immer wieder dargestellt wird und die man auch von ihr erwartet, vor allem im Hinblick auf ihre sexuelle Anziehungskraft, sind in ästhetischer Hinsicht nicht sonderlich attraktiv. Da sie jedoch permanent und ? was freilich ironisch gemeint war ? affirmativ geboten wurden, war das, was tatsächlich auf der Bühne geschah, nicht mehr als die ganz gewöhnliche Szenerie, mit der die Frau unoriginell und klischeebeladen in den Medien und damit im öffentlichen Bewusstsein erscheint.

Was hinsichtlich der kritischen Absicht sicher gut gemeint war, ging als Kunstwerk gründlich daneben. Wäre die Inszenierung mutiger, überzogener, grotesker und absurder gewesen, wäre sie, kurz gesagt, so gut gewesen wie das Spiel der Hauptdarstellerin, Regisseurin und Autorin Ana Vallés, dann hätte man gern einigen enthusiastisch lobenden Urteilen von Kritikern vor und nach der Inszenierung Recht gegeben. So aber langweilt sich der Laie und der Fachmann wundert sich.

(Marcus Erb-Szymanski)

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