Tobias Prüwer | Drucken01.06.2011 

Für eine Zeit, die man lieben könnte

Im Centraltheater probte die perfomative Installation „Das Schwarze Loch“ den Aufstand

„Glotzt nicht so romantisch“? (Fotos: R.Arnold/Centraltheater)

Ein Aufstand, wir können uns nicht mal mehr vorstellen, wo er beginnt. Sechzig Jahre der Befriedung, ausgesetzter historischer Umwälzungen, sechzig Jahre demokratischer Anästhesie und Verwaltung der Ereignisse haben in uns eine gewisse abrupte Wahrnehmung des Realen geschwächt, den parteilichen Sinn für den laufenden Krieg. Es ist diese Wahrnehmung, die wir wiedererlangen müssen, um zu beginnen.
Unsichtbares Komitee


Freie Platzwahl: Die Eintrittskarte verkündete noch eine gewisse Sitzordnung, doch der – physischen wie intellektuellen – Positionierung lässt dieser Abend im Leipziger Centraltheater völlig freien Lauf. Auf der Hinterbühne versammeln sich die Schaulustigen und sehen erst einmal nichts anderes als sich selbst an.

„Glotzt nicht so romantisch“?: Da, wo vor zwei Jahren die probierfreudige Einmal-Inszenierung „Das Schwarze Loch“ mit einer leibhaftigen Schafsherde auf der Bühne ihr Finale hatte, beginnt das neuerliche Experiment mit einem Haufen Zuschauern, die sich selbst begaffen. Intersubjektivität nennt man solches schüchtern-selbstbeschämendes Herumstehen in der rund 150-Menschenhorde wohl in gelehrten Kreisen. Zum Glück kommen aus dem Off kleine Kommentare, die wie negative Regieanweisungen wirken: „Ein Mann im lila Shirt wischt sich den Schweiß von der Stirn“, „Zwei Schauspielstudentinnen tuscheln“ ... Sofort halten die Angesprochenen inne, während der Rest schaulustig den Blick in verstärkten Suchbewegungen umherschwenkt. Schließlich kommt aus dem Nichts eine Begrüßung, die den Theaterabend offiziell bestätigt. Und darum wird es in dieser perfomativen Installation im Kern gehen: Was sanktioniert individuelles Verhalten als regelkonform, warum bricht man nicht einfach aus – sei’s aus Gusto oder guten Gründen?

Eine erstaunlich ausgewogene Mischung aus Auf-sich-selbst-geworfen-Sein und Animation gelingt den Demiurgen dieses kleinen Kosmos Manuel Harder und Guillaume Paoli. Im völligen Dunkeln kollektiv kurz still gestellt, kommt Bewegung ins Publikum, als die Drehbühne ganz langsam Fahrt auf nimmt. Im minutiösen Tempo wechselt man die Position, sieht auf zwei Leinwänden abgefilmte Zuschauer, wird von Klangteppichen à la Gothic-Rock der vierköpfigen Band eingehüllt oder -lullt. Man kann im drehenden Raum herumlaufen, starr stehen bleiben oder sich auf den Boden setzen, um dieser Art Spektakel zu folgen. Man hört Textfragmente aus dem frischen und doch schon Theorieklassiker gewordenem Bändchen „Der kommende Aufstand“, Kunstschnee und Höhensonne rücken einem auf den Leib, man erlebt ein Gespräch mit einem in Japan lebenden Exildeutschen über nukleare Katastrophen und Gärten in der Größe einer Katzenstirn. Das alles ist recht wüst und wild zusammengestoppelt, lässt alle abgefeimte Dramaturgie missen – und zieht genau daraus seine intuitive Strahlkraft.

Der Mensch in der Revolte ist die Zentralperspektive und damit geriert diese Publikumsaufstellung zum Kontrapunkt und auch Korrektiv von Frank-Patrick Steckels blutleeren Sprechtheaterabends „Antworten an Deutschland“, der eine Woche zuvor in Leipzig Premiere hatte. Was dort nur Text war, wird im „Schwarzen Loch“ zum Bauchgefühl. Der Bürgerkrieg mit ökonomischen Waffen tobt, ist der permanente Ausnahmezustand, das sagen beide Abende. Die Frage aber, warum man selbst nichts tut, um eine kommende Zeit, die man lieben könnte, der Gegenwart näher zu holen, bringen dann doch Paoli und Harder auf den vitaleren Punkt. Kurzum: Ein ganzheitlich-sinnliches Ereignis – vom fuseligen Gratisrotwein einmal abgesehen.

Das Schwarze Loch

Konzeption: Manuel Harder & Guillaume Paoli

Ausführung: Ensemble & Zusammen

Musik: Francis Bacon & Band

Dramaturgie: DENKEN+HANDELN

Einmalige Aufführung: 28. Mai 2011

Apokalypse abgesagt - Premiere von „Antworten an Deutschland“ in der Skala (von Sebastian Göschel)

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