| Drucken15.12.2002 

Das Theater als Abbild seiner selbst: Uraufführung von Shenja Keils 'Wildfremd' (René Granzow)

15.12.2002 Schauspielhaus Leipzig (Neue Szene)

Shenja Keil 'Wildfremd' (Uraufführung)

Falkner, Bernd Stübner
Hans, Patrick Imhof
Peter, Thomas Dehler
Bilse, Carmen Betker
Schnidt, Friedrich Eberle
Kraus, Olaf Burmeister
Spiess, Gert Gütschow
Damm, Michael Schrodt
Bock, Sebastian Hubel

Regie, Thorsten Duit
Bühne, Peer Boysen


Was ist Wirklichkeit und was nur ihr Abbild?

Man stelle sich folgende Situation vor: Man geht in den Wald, um zu entspannen, vielleicht auch um als Naturliebhaber das eine oder andere Tier zu Gesicht zu bekommen. Stattdessen findet man sich auf einer Lichtung in einer Naturschau wieder, wo die tierischen Exponate leblos und fein säuberlich in Vitrinen aufgestellt sind und nur noch ein makaberes Abbild dessen bieten, was man in der Wirklichkeit zu finden glaubte.

In dieser Situation befindet man sich in dem Theaterstück von Shenja Keil Wildfremd, das in der Neuen Szene uraufgeführt wurde. Falkner hat nämlich tief im Wald eine solche Naturschau, mit dem verlockenden Titel ?Heimische Pflanzen und Tiere? aufgebaut. Damit hat er sich einen Lebenstraum erfüllt. Und heute ist sein großer Tag. Diese Welt, ?in jahrelanger Arbeit geschaffen?, soll feierlich eröffnet werden. Dazu werden, noch bevor der Festakt beginnt, die letzten Vorbereitungen getroffen. Ausgestopfte Hasen, Füchse und Rehe werden von den etwas groben und dümmlichen Gehilfen Hans und Peter herangeschafft. Hier und dort sind noch die letzten Hammerschläge zu vernehmen. Alles scheint vorbereitet, um mit den Menschenmassen, die hier bald erwartet werden, ?zurück in die Natur zu kehren?. Darin sieht jedenfalls Falkners Mitstreiter Kraus, seines Zeichens Beamter im Ministerium für Land- und Forstwirtschaft, die einmalige Bedeutung dieser Schau.

In dieser Herrenwelt scheint alles klar abgesteckt, sogar der Wald. Doch irgendwie geht an diesem feierlichen Tage alles schief. Nicht nur dass die Technik bei der Probe zur Eröffnungsfeier streikt, auch die Ereignisse nehmen einen verkehrten Verlauf.

Hierin liegt die Stärke des Stückes. Es wird nämlich gezeigt, wie Bürokraten versuchen, ihre ausgesponnene Idee mit allen Mitteln umzusetzen. Dabei entstehen mitunter äußerst komische Momente, so z. B. wenn Falkner sich in seiner Festrede in der Kunst des Nichtssagens übt oder dass für die Eröffnung der Ausstellung der richtige Schauspieler Schnidt engagiert wurde, um einen falschen Hirsch nachzustellen und ein Streit darüber entsteht, wie dieser ohne Geweih dessen Brunstschrei imitieren soll. Schnidt gerät dann in Ausübung seiner Rolle des unechten Hirsches nahezu in den Wahnsinn.

Und dann ist da auch Bilse, eine Art Fee. Diese junge Frau steht im Kontrast zu der Männerwelt. Für sie ist der Wald eine metaphorische Projektionsfläche, in der alte Märchen und Sage lebendig sind. Sie wehrt sich gegen eine Simulation des Lebensraumes Wald im Wald. Dazu möchte Bilse das legendäre Einhorn fangen, das der Legende nach nur von einer Jungfrau gezähmt werden kann. Mit Hilfe des Einhorns, das heilende Kräfte besitzen soll und die absolute Reinheit symbolisiert, möchte sie dem Wald seine Lebendigkeit zurückgeben.

In dieser Gegenüberstellung der falschen, ausgestopften und der unberührten, teilweise auch naiven Welt liegt aber nun die große Schwäche des Stückes. Die beiden Pole, Falkner auf der einen und Bilse auf der anderen Seite, spielen zwar gekonnt, aber vor allem gewaltig aneinander vorbei. Der Text ist etwas überladen; es scheint, als wollte die Autorin in ihrem dramatischen Erstlingswerk zu viele Aspekte in diese Fabel hineinpressen. Die Figuren werden sehr überspitzt dargestellt. Anfangs wirken sie noch komisch, mehr und mehr aber albern und theatralisch. Und die feierlichen Eröffnung der Naturschau, die im Endeffekt zu einem chaotische Durcheinander führt, lässt das zu Beginn sehr amüsante Stück schwerfällig und als Farce enden. Das sichert dem Theater auf dem Theater zwar durchaus Effekte zu, lässt es letztendlich aber nur als Abbild seiner selbst erscheinen.

(René Granzow)

Nächste Aufführungstermine: 23./29.12.2002 und 19./27.01.2003

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