Doreen Kunze | Drucken16.04.2015 

So wie der Rauch schwindet

„Das Versprechen“: Olav Amende inszeniert in den Cammerspielen ein Familiendrama voller Wirren

Foto: Florian Rosier

Ein Versprechen steht im Raum. „Morgen“, so hat man es der Familie gesagt, „morgen wird Ihr Viktor aus der Klinik entlassen und gesund werden“. Oder hat der Arzt „gesund sein“ gemeint? Ein hitziger Streit entfacht. In „Das Versprechen“ sitzt sich eine Familie gegenüber, die geplagt ist von Ungewissheit, Schuldgefühlen und Sehnsucht. Die Ankündigung zum Stück verrät: „Die junge kranke Generation trifft auf die alte gesunde.“ Das stimmt nicht ganz. Denn auch die alte Generation kämpft mit ihren Problemen und wirkt alles andere als gesund. Vielmehr treffen zwei Generationen aufeinander, die jede für sich mit ihren eigenen Dämonen fertig werden muss.

Mitten im Raum ein großer Tisch. Eine Tafel beinahe. Die Kellnerin bringt Servietten, deckt den Tisch für den anstehenden Besuch. Dann wird der Vorhang kurz geschlossen; als er sich wieder öffnet, haben Vater, Mutter, Tochter und Sohn bereits Platz genommen. Ein Stuhl ist noch leer. Sie warten, wirken sichtlich nervös. „Beinahe vollständig ist diese Familie, nur einer fehlt: Viktor. Lange war Viktor krank“, heißt es in der Stückankündigung. Und so wartet das Publikum gemeinsam mit der Familie. Doch es ist nicht Viktor, der schließlich erscheint. Der freie Stuhl war nie für ihn vorgesehen. Vielmehr wartet die Familie auf Alfred, den Bruder der Mutter, den Onkel der Kinder. Aufrecht schreitet dieser endlich auf die Bühne, seiner Verspätung scheint er sich nicht bewusst. Er, Alfred, soll im Verlauf des Theaterabends noch das ganze Stück tragen, es voranbringen.

„Das Versprechen“ ist ein komisches Familiendrama und nicht Amendes erste Inszenierung am Haus. Bereits im vergangenen Jahr feierte sein Stück „15“ Premiere in den Cammerspielen. „Das Versprechen“ ist allerdings seine erste abendfüllende Inszenierung. Schnell werden im Stück die Konstellationen klar. Die Charaktere sind klar gezeichnet, wenn auch nicht immer gleich zu durchdringen. Die szenische Anordnung der Schauspieler ist mutig. Nehmen sie zu Beginn des Stückes alle Platz am Tisch, gibt es nur selten Gelegenheit, aufzustehen und tatsächlich etwas zu tun. Solch eine Form des Sprechtheaters ist in der freien Szene eher selten anzutreffen. Hier zählt einzig die Stärke der Schauspieler, die keine Chance haben, einmal nach hinten zu treten. Jederzeit sind sie präsent. Und die Kalkulation geht auf, wenn auch mit einigen Längen. Hier ist es vor allem wieder Alfred, der die Gespräche voranbringt, Uneinigkeit streut und Wendungen erzwingt. Wenngleich stets Viktor im Fokus der Unterhaltungen steht, so zeigt sich doch schnell: Die Familie hat noch ganz andere Probleme als nur den ausgebrannten, resignierten Sohn in der Klinik.

Immer dichter wird der Zigarettenqualm im Raum, greifen im Verlauf des Stückes doch schließlich alle Familienmitglieder nach den Schachteln auf dem Tisch. Umso stärker die Fassade zerbröckelt, desto gereizter reagieren alle aufeinander. Das kleinste falsche Wort genügt, um einen Streit loszubrechen. Doch genau wie der Rauch, der in dicken Schwaden durch den Raum zieht, ist auch die Wut bald wieder verflogen. Für kurze Zeit liegen sich dann alle in den Armen und spielen ihre Rollen mit einem zufriedenen Lächeln.

Das Versprechen

Text und Regie: Olav Amende

Co-Regie: Monique Heße

Mit: Annika Gerber, Ina Isringhaus, Sandra Müller, Tim Josefski, Georg Herberger, Roman Pauls

Cammerspiele; Aufführung vom 14. April 2015/ Premiere: 05. März 2015


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