Ingo Rekatzky | Drucken | Kommentare (3)22.11.2008 

"Der Fliegende Holländer" oder Viel Lärm um nichts

Die erste Vorstellung nach dem "Skandal"

(Foto: Andreas Birkigt)

Kaum ist der letzte Ton verklungen, durchdringt ein lautes, höhnisches Lachen den eher verhaltenen Applaus. Das also soll jener skandalumwitterte Fliegende Holländer gewesen sein, dessen Premiere am 11. Oktober 2008 einen in der jüngeren Leipziger Theatergeschichte so nicht gekannten Eklat provozierte und selbst den Lokalzeitungen der entlegendsten Winkel des Landes eine Glosse wert war? Zur Erinnerung: Schon im Vorfeld der Inszenierung von Richard Wagners Romantischer Oper Der Fliegende Holländer wurde - angeheizt durch Medienberichte über Meinungsverschiedenheiten auf einer Hauptprobe zwischen Regisseur Michael von zur Mühlen und den beteiligten Sängern - ein Skandal beschworen, der am Premierenabend alle Erwartungen übertraf. Recht früh verließen einige Zuschauer türenknallend den Saal, die Aufführung stand aufgrund der lautstarken Protestreaktionen zeitweilig kurz vor dem Abbruch. Den Stein des Anstoßes bildeten neben einer als "Südwind" auftretenden "Tänzerin", deren Name und angestammtes Auftrittsmilieu in manch einer Kritik weit wichtiger schien als die Leistung der Protagonisten, vor allem reizüberflutende, bewusst Scham- und Ekelgrenzen überschreitende Videoprojektionen, die von zur Mühlens Sicht des Holländers als Untergangsszenario verdeutlichen sollten.

Dass dies beim eher konservativen, teils weitgereisten Wagner-Publikum ein lautstarkes Nachspiel haben würde, war - wenn auch nicht in dieser Intensität - eigentlich vorauszusehen: Nicht einmal vierundzwanzig Stunden nach der Premiere erschienen im Internet die ersten Protestbriefe, in denen maßgeblich angeklagt wurde, dass die Inszenierung des Fliegenden Holländers die Würde des Werkes wie des Komponisten verletzt und das Publikum beleidigt habe. Alsbald machten Strafanzeigen ebenso wie Forderungen nach einer Absetzung der Inszenierung und dem Rücktritt des kommissarischen Intendanten die Runde, was von gewissen Fraktionen der Lokalpolitik dankbar aufgegriffen und - der Eindruck lässt sich leider nicht von der Hand weisen - noch medial forciert wurde.

Aber auch intern hinterließ der Premierenabend seine Spuren: In der Titelpartie erntete James Johnson für seinen Auftritt mit schwarzen Pappflügeln Gelächter, weshalb er seine szenische Beteiligung auf ein Mindestmaß herunterfuhr und unmittelbar nach der Vorstellung seinen Ausstieg aus der Produktion verkündete. Obwohl Johnson für seine gesanglichen Leistungen nicht nur Zustimmung erhielt, wurde er im Nachhinein für seinen Rückzieher mitunter wie ein Märtyrer gefeiert, während Dirigent Leopold Hager öffentlich die Gattung Oper als durch das Regietheater gefährdete Kunstform wertete. Inmitten der Debatte, wie weit die Freiheit der Kunst gehen dürfe, hatte die Oper Leipzig noch glaubhaft zu vermitteln, dass zwei besonders strittige Videosequenzen, ein minutenlanger Einblick in die industrielle Rinderschlachtung sowie eine tödliche Kampfhundattacke, ohne Absprache mit der künstlerischen Leitung des Hauses erst unmittelbar vor der Premiere den Weg in die Inszenierung gefunden hätten. Infolge des plötzlichen Ausstiegs von James Johnson musste die für den 15. Oktober angesetzte zweite Vorstellung zwar ausfallen, für die Folgeaufführungen, die ohne die beiden unabgesprochenen Videosequenzen auf dem Stand der Generalprobe stattfinden sollten, konnte die Oper Leipzig mit der Verpflichtung von Wolfgang Brendel als "Holländer" jedoch einen Punktsieg für sich davon tragen.

In den fünf Wochen, die zwischen Premiere und zweiter Aufführung lagen, scheinen sich aber auch über dem Fliegenden Holländer die Wogen ein wenig geglättet zu haben. Pflichtbewusst hat sich ein wenig Polit- und Kulturprominenz in den Saal verirrt und unter das verbliebene Stammpublikum mischen sich auffällig viele junge Zuschauer, die das Haus aber auch nicht zu füllen vermögen. Wer nun Protestaktionen erwartet hat, wird bitter enttäuscht, denn abgesehen von ein paar notorischen Klatschern, die ihre Beifallsbekundungen für die Sänger in die Musik hinein loswerden müssen, verläuft die Aufführung ungestört. Kein Türengeknall, keine Zwischenrufe, keine Buhs, und ehrlich gesagt bietet diese entschärfte Version hierzu auch keinen Anlass, da von zur Mühlens Sicht auf Wagners Oper streng genommen weder streitbar noch polemisierend, sondern lediglich banal ist. Sicher, ein paar Ideen weist auch dieser entmystifizierte Holländer auf, der nicht über das dämonisierte Welten-, sondern durch das entseelt-anonyme Großstadtmeer zieht. Die Stringenz der Interpretation als bloßes Weltuntergangs- und Vernichtungsszenario, ja mehr noch dessen Umsetzung auf der Bühne lässt aber deutlich zu Wünschen übrig, da von zur Mühlen diesen nihilistischen Ansatz unter Schützenhilfe des "Konzeptionellen Beraters" Carl Hegemann nur behauptet, aber keinesfalls am Werk selbst entfaltet. Mögen auch Globalisierungs- und Kapitalismuskritik die brisanten Themen unserer Zeit sein, so stellt sich dieser Bezug zu Wagners Oper nicht bloß durch die Projektion beliebig zusammengeschnittener Börsennachrichten her. Im zweiten Bild kann das Fleischgehacke der Spinnerinnen ebenso wenig aufrütteln wie Sentas Hantieren mit einem Bottich Theaterblut.

Wenn sich das Bühnengeschehen nicht meist derart unmotiviert vollziehen würde, fielen die nur halbherzig in den Bühnenraum integrierten Videoeinspielungen wahrscheinlich kaum auf. So bleibt einem aber nichts Anderes übrig, als sich anzuschauen, wie die Mannschaft des Holländers - nur mit Unterhosen bekleidete, zum Playback auftretende Statisten, die sich mit schwarzer Farbe übergießen - nach erfolgter Zertrümmerung der Puppenstuben-Wolkenkratzer durch die Stadt ziehen, erst ein Auto auf dem Augustusplatz entflammen und danach ein Warenhaus verwüsten. Ähnlich wie die Passanten im Hauptbahnhof, die ob der wütenden Jugendgang ihr Kamera-Handy zücken, fühlt man sich jedoch nicht wirklich schockiert, sondern eher durch die Unbeholfenheit dieses inszenierten Skandals auf unfreiwillige Weise amüsiert. Wenn schlussendlich nach Sentas Freitod das brennende Auto gelöscht wird, könnte man sich als parallele Videosequenz nur allzu gut vorstellen, wie die Halbstarken auf dem nächsten Polizeirevier von ihren Erziehungsberechtigten in Empfang genommen werden.

Das Publikum lässt sich aber am Ende der zweiten Vorstellung durch diesen bemühten Sturm im Wasserglas nicht über Gebühr irritieren und zeigt erst merkliche Reaktionen, als Chor und Sänger die Bühne betreten. Für kontroverse Diskussionen bietet von zur Mühlens Inszenierung eigentlich kaum eine Grundlage, da Regieeinfälle nicht aus dem Werk entwickelt, sondern in handwerklich zweifelhafter Realisation von außen aufgepfropft wurden.

Trotz allem drängt sich die Frage auf, worin der eigentliche Eklat liegt, in der gewollten Provokation oder in der medial-öffentlich ausgetragenen Verlängerung dieses "Theaterskandals"? Zumindest zeugen die mehrfach in Zuschauerreaktionen geäußerten Diffamierungen, der Regisseur habe mit dieser Produktion seinen postpubertären Phantasien oder gar psychisch abnormen Störungen freien Lauf lassen wollen, auch nicht gerade von einem hohen Reflexionsniveau. Die Oper Leipzig hat sich nach den bestenfalls als bieder und uninspiriert zu wertenden Wagner-Inszenierungen der letzten Jahre, die dem jeweiligen Werk - zwar in eine völlig andere Richtung gehend - auch nicht gerechter wurden, nun mit der Verpflichtung eines jungen, bis dato unbekannten Regisseurs bewusst auf ein Wagnis eingelassen. Dies barg durchaus die Chance auf eine unkonventionelle, im positiven Sinne streitbare und polemisierende Deutung des Fliegenden Holländers in sich. Dass der Schuss nun gehörig nach hinten losging, ist nicht nur angesichts der vorhandenen Besetzung ärgerlich - neben dem eingesprungenen Wolfgang Brendel verfügt man mit Edith Haller (Senta) über eine der aufstrebendsten Sängerinnen des dramatischen Faches und konnte mit James Moellenhoff (Daland) und Dan Karlström (Steuermann) auf hervorragende Ensemblemitglieder zurückgreifen. Weitaus schlimmer wiegt, dass der Leipziger Oper nach wie vor ein Beitrag für das Wagner-Jahr 2013 fehlt. Aber: Neben dem Holländer erleben in der aktuellen Spielzeit - Ballett, MuKo und Kellertheater nicht mitgerechnet - acht weitere Werke ihre Premiere, eine Spielplandichte, die es in Leipzig so schon lange nicht mehr gegeben hat. Nach dem vom Publikum leider weitgehend unbeachteten Doppelabend La voix humaine/Pierrot lunaire zum Saisonauftakt wurde Anfang November mit Verdis Aida in der gefeierten Inszenierung des Chefregisseurs Peter Konwitschny jenes Versprechen eingelöst, für das der Neustart an der Oper Leipzig steht, und auch die weiteren für diese Spielzeit verpflichteten Regisseure bürgen für zeitgenössisches Musiktheater jenseits erstarrter Konventionen. Aus dem Holländer jetzt also personelle Konsequenzen zu fordern, erscheint deshalb nicht nur verfrüht, es würde auch indirekt einer Produktion weitaus größere Bedeutung zusprechen, als ihr eigentlich zusteht.

Eine Stimme zur Premiere:

12.10.2008
Apokalypse und Vernichtung: Von zur Mühlens Inszenierung des "Fliegenden Holländers" provoziert einen Leipziger Theaterskandal (Sebastian Schmideler)

Kommentare lesen und hinzufügen (3)

Heidi Nenoff schrieb am 12.04.2010 um 20:31 Uhr:

14. Oktober 2008
„Kunst darf auch weh tun“

Dieser Satz von Girardet (siehe Leipziger Volkszeitung vom 14. Oktober 2008) berührt die Frage der Freiheit der Kunst. Kann die Kunst wirklich grenzenlos frei sein? Einerseits ja, sofern es sich tatsächlich um Kunst handelt. Diese lebt vom zweckfreien Spiel, das heißt vom Spiel der Gedanken ohne „niederes Werkzeug zu materiellen Zwecken“ (Schiller) zu sein. Insofern ist die Kunst tatsächlich frei. Aber wenn die Kunst lediglich zum Zweck der Provokation und vielmehr noch für eine Selbstprofilierung missbraucht wird, kann von Freiheit der Kunst keine Rede mehr sein. Herr von zur Mühlen beabsichtigte mit dem „Fliegenden Holländer“ die Provokation, daher ist sein Werk nicht frei. Überdies sind die Bilder dieser Inszenierung viel zu platt, um Kunst genannt werden zu dürfen. Der Aneinanderreihung bloßer Gewalt- und Zerstörungsszenen fehlt es an Tiefe. Sie ermöglichen keine Assoziationen und Mehrdeutigkeiten mehr. Sie sind eindeutig, radikal. Da hilft auch das über die Rampe getragene goldene Kalb nichts. Um Tiefe hineinzulegen begründet Herr von zur Mühlen seine provokanten Gruselvideos und seine radikale Vernichtungsbotschaft einerseits mit der Textvorlage, die das angeblich hergeben soll. Aber er übersieht dabei ein entscheidendes Moment. Wagner verlegte die im Text enthaltene Todessehnsucht in eine mythologische Ebene. Dies schuf die notwendige Distanz zur Wirklichkeit, die das freie Spiel der Gedanken ermöglicht. Von zur Mühlen holt distanzlos das Grauen auf die Bühne mit dem Ziel, das Publikum zu schocken und ihm den Spiegel vorzuhalten: Seht her, so seid ihr Menschen – triebgesteuerte, geldgierige, fleischfressende, müllproduzierende, selbstzerstörerische Wesen, denen lediglich der Untergang als einziger Ausweg bleiben muss! Dabei beruft er sich andererseits auf Schopenhauers Pessimismus, um Tiefe hineinzulegen, ohne aber die Dialektik seiner Weltanschauung zu berücksichtigen. Die Aneinanderreihung von platten Phrasen und kurzschlüssigen, einseitigen Bildern kann daher tatsächlich nicht mehr Kunst genannt werden, sondern Dilettantismus, der gefährlich werden kann, weil er radikale Anschauungen bedient. Kunst dagegen ermöglicht Vieldeutigkeit und damit die Freiheit der Gedanken ohne bestimmte Zwecke. Girardet sollte also zwischen Kunst und Dilettantismus strikt unterscheiden.
Darüber hinaus ist die Freiheit nur als eine Freiheit mit selbst auferlegten Grenzen (moralischen Gesetzen) zu verstehen. (Kant). Auch aus diesem Grund kann das Werk von Herrn von zur Mühlen nicht mit künstlerischer Freiheit rechtfertigt werden. Von zur Mühlen übertritt mit seiner deutlich menschenverachtenden (bzw. publikumsverachtenden) Haltung die Grenzen des Vernünftigen. „Wir können nicht wollen, dass es ein allgemeines Gesetz werde, dass jeder die Würde von jedem verletzt!“ Wenn aber von zur Mühlen dem Publikum die totale Vernichtung selbst noch auf ihrem Heimweg hinterherbrüllt, so hat er nicht nur die Würde der älteren Zuschauer, die all das schon einmal erleben mussten, zutiefst verletzt. Mühlens Vernichtungsbotschaft zeugt von Unreflektiertheit und Verachtung und damit hat er deutlich die Grenze der Freiheit überschritten. Von zur Mühlen hat sich zum Richter über die Menschen überhöht (Hybris), zumal seinen Bildern der große Atem der Geschichte fehlt.
Ein weiteres Problem der modernen Kunst (bzw. des modernen Regietheaters) besteht darin, dass alte Kunstwerke in die moderne Zeit transformiert werden. Dies provoziert den Streit, inwiefern alte Werke bis nahezu zur Unkenntlichkeit verändert werden dürfen. Bewahrer des alten Kulturgutes protestieren zurecht, dass somit der Wert der alten Güter und deren Geist mit Füßen zertreten wird. Doch dafür könnte ich mir eine Lösung vorstellen. Nichts spricht gegen eine Verfremdung der Werke, aber sie müssen als solche gekennzeichnet werden. Denn dem Rezipienten sollte schließlich auch Freiheit der Wahl zugestanden werden. Ihm sollte die Freiheit gegeben sein, ob er sich Ekelbilder und Provokation anschauen will, oder lieber einen originalen Holländer. Die Wahl, die Herr von zur Mühlen einer älteren Dame zur Premierenfeier anbot, entweder zu Hause zu bleiben oder sich Hässliches anzusehen, ist keine Alternative. Daher müsste die Oper idealerweise beides anbieten: Hässliches und Provokantes für jene, die das Radikale lieben, und Originales für das eher konservative Publikum, das auch ein Recht darauf hat, sich über Schönes freuen zu dürfen. Wenn die modernisierten Stücke als solche mit „frei nach“ o. ä. gekennzeichnet wären, würde es keine Mogelpackungen und Unmut über die in den Wind gesetzten Karten mehr geben.

Heidi Nenoff

René Seyfarth (Kunst-Redakteur) antwortete am 12.04.2010 um 21:07 Uhr:
15. Oktober 2008

Eine prinzipielle Anmerkung dazu:

Wenngleich es hier einige Personen geben dürfte, die besser als ich referieren können, wie problematisch es ist, im Fall von Musik und/oder darstellender Kunst von "Originalen" und "Transformationen" zu sprechen, sollte doch wenigstens daran erinnert werden, dass die "alten Stücke" nicht zuletzt von daher aufgeführt werden, weil sie auch noch inhaltliche Relevanz haben (jedenfalls nach Meinung der Regie/Dramaturgie/...). Sophokles im Amphitheater und historischen Masken mag zwar ein Spektakel sein, aber kann nur allzu leicht genauso weggesteckt werden wie jedes andere beliebige "Event". Wenngleich Herr Schiller nicht das letzte Wort zur Freiheit der Kunst gesprochen hat, so stand doch seiner Meinung nach der Bildungsauftrag im Vordergrund. Und das bedeutet nicht, dass man sich einen Kanon erarbeitet und auf gesellschaftlichen Empfängen klug plaudern kann und ebenso wenig den entspannten Genuss "angenehmer" Kunst - und wenn ältere Menschen (obwohl ich nicht glaube, dass dies altersabhängig ist) die persönliche Entscheidung treffen, nicht mit dem Hässlichen konfrontiert werden zu wollen, so bleibt es eine persönliche Entscheidung und legitimiert keineswegs einen Anspruch auf eine liebliche Kunst "für die Alten".

Es gibt kein "Recht" auf die Freude am Schönen.

Das Schöne ist eine Privatangelegenheit, die sich jede/r selbst suchen mag. Ich formuliere das nicht in Bezug auf die Holländer-Inszenierung (wenngleich ich immer wieder erstaunt bin, dass "Skandale" offenbar immer noch so einfach herbeigeführt werden können), denn die Rezension ist bereits plastisch und differenziert genug (am Rande: Kompliment dafür!). Es geht generell darum, dass Kunst Überschreitung bedeutet (auch bei Schiller und Kant!), nämlich die des hergebrachten Erfahrungshorizonts. Die angeführte Argumentation ist also fadenscheinig. Und wenngleich dies nicht immer gelingen mag und sich in der Pose erschöpfen, welchen Mehrwert hat denn ein so genanntes Original mit Rauschekostümen, Pathos und Bühnenbildtamtam? Wo liegt hier die Überschreitung, die Freiheit, die proklamierte Mehrdeutigkeit? In dem Moment degradiert man doch Kunst zu Unterhaltung (womit nicht gesagt sein soll, dass Kunst nicht unterhalten soll/kann). Man geht nach Hause, mit einem "Ach, war das heut wieder ein schöner Abend." und summt vielleicht noch eine Melodie. Nein, das kann es auch nicht sein und ich weigere mich, dergleichen "Kunst" zu nennen.

Heidi Nenoff schrieb am 12.04.2010 um 21:10 Uhr:

16. Oktober 2008
Danke dür die Antwort.
Das Schöne mit Kitsch gleichzusetzen, scheint mir nicht richtig. Es könnte ja auch sein, dass sich das Schöne mit Anregendes paart und poetisch ist. Lesen Sie mal über das Schöne in Platons "Gastmahl" (Diotima).
Auch finde es ich nicht richtig, Originales mit Rauschekostüm und Bühnenbildtamtam zu verknüpfen, das hieße ja, dass die Kunst aus den vergangenen Jahrhunderten perse als Unsinn und als überarbeitungswürdig abzustempeln sei.
Aber ich gebe zu, dass manchmal einen Überarbeitung eines Werkes zum Vorteil sein kann. Ich denke dabei an letzte Inszenierung der "Entführung aus dem Serial".

René Seyfarth (Kunst-Redakteur) antwortete am 12.04.2010 um 21:14 Uhr:
16. Oktober 2008

Liebe Frau Nenoff,

von "Kitsch" -dieser Kulturkampfvokabel - war nirgends die Rede. Dazu kann ich G.Schweppenhäusers Überlegungen empfehlen, der übrigens auch im Rahmen der Designers Open über Kitsch sprechen wird - aber das nur am Rande.

Was Originale und Rauschekostüme betrifft: Zur "Original"zeit waren die Rauschekostüme zeitgenössische Mode oder zumindest von dieser inspiriert. Alle große alte Kunst war zeitgenössisch, auch wenn sie ihre Anleihen in weit zurückliegender Zeit nahm. Die Renaissance stellt z.B. keine Wiederaufnahme der Antike dar (nicht einmal annähernd), sondern übernimmt deren Denken und Strukturen in eine Zeit mit anderen Mustern, Gewohnheiten und auch - nicht zuletzt - anderen politischen und gesellschaftlichen Umständen. Und passt sie an ihre Zeit an.

Dies kann heute wie damals misslingen, sollte aber der Anspruch sein. Eine möglichst an der originalen oder einst zeitgenössischen Aufführungspraxis ausgerichtete heutige Aufführung wäre lediglich Kopie und nicht originell. Sie mag präzise, wissenschaftlich und auch anregend und poetisch sein, aber es ist und bleibt museal und - um

janna schrieb am 12.04.2010 um 21:12 Uhr:

22. Oktober 2008

Die Holländer-Diskussion inspiriert mich, mir mal ein paar grundsätzliche Fragen zu stellen.
Warum müssen Opernsänger/innen, die schon mit der hohen Kunst des Operngesangs genug zu kämpfen haben, auf der Bühne noch Akrobatik machen, sich entblößen oder sich selbst verstümmeln? Warum lassen wir sie nicht einfach singen?
Neigt das Theater momentan nicht zu sehr dazu, auf Teufel komm raus Skandale zu provozieren? Wird nicht oft schon von vornherein ein Skandal inszeniert, statt eines Kunstwerks?
Warum kommen so viele Inszenierungen nicht mehr ohne Nackte, das Verspritzen von Flüssigkeiten und vordergründiger Brutalität aus?
Lässt sich das Böse / Hässliche / Unfeine nicht subtiler gestalten als durch diese um sich greifende direkt platte Art des Exhibitionismus und des Schockierens?
Grenzt einiges an sogenannten Regieeinfällen nicht schon an Körperverletzung und der Vergewaltigung der Würde des Menschen? (Ich denke da mehr an die Darstellenden, weniger an die Zuschauenden)
Gibt es nur die zwei Extreme Brechen aller Tabus mit schonungslosem Fäkaltheater einerseits und piefiges und hohles Ausstattungsdrama andererseits?
(Das ist wie gesagt kein DIREKTER Beitrag zum Holländer, den ich nicht gesehen habe....)

 
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