Ingo Rekatzky | Drucken11.05.2011 

Wälder und Auen in der Konzertmuschel

Das Ensemble der Oper Leipzig legt unter Andreas Schüller einen achtbaren konzertanten „Freischütz“ ab

Auch musikalisch finden alle zusammen (Foto: Andreas Birkigt / Oper Leipzig)

Carl Maria von Webers Freischütz ist eigentlich ein Selbstläufer: Nach der Uraufführung im Jahre 1821 machte bald der Ruf von der deutschen Nationaloper die Runde, einige Nummern wie der Jägerchor erfreuen sich nach wie vor der Beliebtheit von Volksliedern. Und auch wenn man dem Werk damit in keiner Weise gerecht wird, gilt es vielen ob der besungenen Wälder und Auen als Inbegriff des Sommertheaters. Kein Wunder also, dass die Oper Leipzig ihren Saisonabschluss im Rosental dieses Jahr ursprünglich mit einem Freischütz-Pasticcio begehen wollte. Doch die beliebte Open Air-Veranstaltung ist Kürzungszwängen zum Opfer gefallen, weshalb der Freischütz kurzerhand als konzertante Aufführung im regulären Spielplan landete – anstelle von Tatjana Gürbacas Carmen-Inszenierung, die vom Publikum nicht angenommen wurde. Aber auch der Freischütz findet nun unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Schade, denn unter dem Dirigat von Kapellmeister Andreas Schüller erweist sich, dass die Aufführung – zumindest musikalisch – keine Notlösung ist.

Inszenierungen des Freischütz gelten als heikel: Die langen Dialogszenen, durch welche der Prototyp der romantischen deutschen Oper eigentlich in die Gattung des Singspiels verwiesen wird, sind etwas holprig und auch sonst spart Friedrich Kinds Libretto nicht an Schwarz-Weiß-Malerei: Um mit dem Probeschuss die tugendhafte „Jägerbraut“ (so der ursprüngliche Titel) Agathe samt Erbförsterei zu gewinnen, lässt sich Max von seinem Jägerkollegen Kaspar, der mit dunklen Mächten im Bunde steht, zum Gießen von Freikugeln verleiten – „sechse treffen, sieben äffen“. Erst durch göttliche Intervention, vertreten durch den Eremiten, wird dann alles zu einem glücklichen Ende geführt.

Will man Wald und Wolfsschlucht nicht nur als „romantische“ Kulisse verstehen, bedürfen sie einer Dechiffrierung. In der letzten Leipziger Inszenierung glaubte Guy Joosten diese in Schlachthaus und Rotlichtmilieu gefunden zu haben, was dann doch eine Spur zu plakativ ausfiel und den Freischütz bald wieder vom Spielplan verbannte. Mit derlei Problemen hat eine konzertante Aufführung nicht zu kämpfen, im Gegenteil: Sie könnte eigentlich hinter allseits bekannten Klischees, die durch die Rezeptionsgeschichte tradiert wurden, die Partitur plastisch erlebbar machen und den Fokus auf die musikalische Intention lenken. Könnte, denn ganz scheint man dem konzertanten Frieden nicht zu trauen, der durch ein paar halbszenische Details aufgepeppt werden soll. Mag es noch angehen, dass – wenn es das Libretto es fordert – Schüsse von der Seitenbühne erklingen (den Sängern im Frack bleibt der Auftritt mit Gewehr in der Hand erspart). Die stereotypen Gesten, die den Protagonisten stellenweise abverlangt werden, oder die geräuschvollen Auf- und Abtritte des Chores wirken dagegen eher unmotiviert, zumal sie nicht konsequent durchgezogen werden.

Anstelle von Übertiteln, die angesichts der überwiegenden Textverständlichkeit ohnehin obsolet wären, werden – sehr selektiv – zentrale Passagen des Libretto auf den Rückprospekt projiziert, der auch gleich für einzelne Szenen die passende Lichtstimmung liefert: Ganz klar, blau für Agathes abendliche Arie am offenen Fenster, rot für das mitternächtliche wilde Heer, das noch durch ein paar Blitze und akustische Tricks untermalt wird. Keine Frage, in Inszenierungen des Freischütz muss sich das Dämonische der Wolfsschlucht-Szene auch auf der Bühne widerspiegeln. Hier erinnert es aber eher an den Budenzauber einer Geisterbahn, zumal der Kontakt zwischen dieser und der anderen Welt sehr viel spannungsgeladener in Webers Komposition stattfindet. Die Grenze zur unfreiwilligen Komik wird dann vollends überschritten, wenn die – im Tutti wie im Solo – formidable Delegation des Damenchores in ihren scharlachroten Samtroben von veilchenblauer Seide singt und einen Reigen albern glucksender Brautjungfern mimen soll. Schade, denn diese halbherzigen Einfälle sind der Gesamtwirkung eher abträglich, zumal wenn der Herrenchor an akustisch sensiblen Stellen auf die Bühne poltert oder das Sirren eines gedimmten Scheinwerfers den Orchesternachhall übertönt.

Dabei kann sich doch eigentlich hören lassen, was unter der Leitung von Andreas Schüller erklingt. Gut, in der Ouvertüre sind gerade die von Konzertmeister Frank-Michael Erben angeführten ersten Geigen noch etwas zerfasert und auch die Hörner kieksen im Verlauf des Abends an exponierter Stelle, während Schüller kleinere Unstimmigkeiten in der dynamischen Balance souverän ausbremst. Aber angesichts der Tatsache, dass der letzte Freischütz nun auch schon wieder acht Jahre zurückliegt und im laufenden Repertoirebetrieb wohl nicht allzu viel Probenzeit vorhanden war, ist das Material bei Musikern und Chor noch erstaunlich gut vorhanden. Und das Gewandhausorchester ist mit seinem romantischen Klang eh prädestiniert für Weber – wunderbar die Bratschen und Celli mit ihrem dunklen, erdigen Klang oder die ausgezeichneten Holzbläser. Schüller setzt mit seinem sicheren, unprätentiösen Dirigat vor allem auf Transparenz, die deutsche Orchesteraufstellung – auf dieser Seite des Augustusplatzes eher die Ausnahme – kommt ihm dabei sehr entgegen. Dabei wird nicht nur ersichtlich, wie sehr Carl Maria von Weber an der Entstehung der Leitmotivik beteiligt war, es schafft auch dem Solisten-Ensemble einen sicheren Raum, das überwiegend aus Debütanten besteht – und das sehr erfolgreich.

Marika Schönberg, in ihrer 10. Spielzeit am Haus, hat in der jüngeren Vergangenheit mit der Jenufa, der Tania Bunke in Al gran sole carico d’amore oder der Tatjana in Eugen Onegin umjubelte Rollendebüts abgegeben. Und jetzt eben die Agathe, jene Partie, mit der die Grenzen des jugendlich-dramatischen Fachs beinahe überschritten werden. Gerade die erste Arie hat es in sich, in ihrer Länge, ihren verschiedenen stilistischen Anforderungen durch sämtliche Register. Doch Schönberg weiß mit ihren Kräften gut zu haushalten: Mag auch die Mittellage noch eine Spur angestrengt klingen, die Höhe sitzt sicher, die großen Bögen gelingen mit warmem Timbre und ohne störendes Vibrato. Ihre Agathe kommt nicht zu früh, in absehbarer Zeit mag man sich da auch eine Elsa oder eine Elisabeth vorstellen. Für Stefan Vinke, lokaler Wagner-Matador, dürfte der Max fast ein wenig Erholung sein. Doch Vinke lehnt sich nicht zurück, weiß mit strahlender, mitunter lyrischer Höhe ebenso zu überzeugen wie mit expressivem Sprechgesang, mit dem er Max Gotteszweifel Ausdruck verleiht. Sein Gegenspieler ist bei Tuomas Pursio bestens aufgehoben. Von Haus aus mit genügend Charisma ausgestattet, um dem Kaspar über den Bösewicht hinaus auch eine gewisse Aura des Geheimnisvollen abzugewinnen, legt er mit der Arie »Schweig, schweig, damit dich niemand warnt« eine Glanzleistung ab. Pursio kann hier zeigen, über was für eine Tessitur seine Stimme verfügt, die in der sonoren Tiefe genauso sicher sitzt wie in den heiklen Sprüngen in der Höhe – der Kaspar könnte seine Paraderolle werden. Leipzigs Soubrettenwunder Jennifer Porto weiß natürlich auch als kokettes, nur scheinbar naives Ännchen zu begeistern: In ihrer leichten Stimme glaubt man immer ein keckes Lachen zu vernehmen, ihre Koloraturen perlen nur so dahin, als ob es das Natürlichste auf der Welt ist. Und in den kleineren Partien: Uwe Schenker-Primus, einziger Gast unter den Solisten, gestaltet den bigotten Ottokar mit baritonalem Wohlklang, Miklós Sebestyén, dessen Bass mehr und mehr lyrische Qualitäten bekommt, überzeugt als außerordentlich jugendlicher Erbförster Cuno, Roman Astakhov als sonorer Eremit sowie Dan Karlström, der auch aus dem Kilian etwas herauszuholen vermag. Last but not least: Mit Tomas Möwes tritt endlich mal ein Samiel an, der den Sprechpart mit musikalischem Gespür gestaltet – wenn auch leider nur über die Lautsprecher zu vernehmen.

Letztendlich fügt sich alles im – etwas moralinsauren – Finale, indem das Gute über das Böse, die göttliche Macht – stellvertreten durch den Eremiten – über die weltliche (Fürst) siegt. Und auch musikalisch finden alle zusammen, können die Solisten noch einmal für sich punkten, lassen Orchester und Chor vergessen, dass es hie und da ein wenig geklappert hat und Manches durch die szenischen Mätzchen in der Wirkung eher geschmälert wurde. Sei’s drum, auf repertoiretauglichem Niveau spielt es sich allemal ab, vielleicht gönnt sich die Oper Leipzig ja in absehbarer Zeit einen neuen Freischütz, über eine ansprechende Besetzung verfügt man ja (Ironie der Geschichte: der Chefregisseur studiert seine Inszenierung gerade in Barcelona neu ein). Mit ein bisschen mehr Probezeit ließen sich dann sicher auch die letzten Ungereimtheiten beseitigen und könnte Andreas Schüller in seinem handwerklich tadellosen Dirigat das Transzendente in Webers Komposition noch ein wenig mehr herausarbeiten. Das Publikum war jedenfalls für’s Erste zufrieden und bedankte sich mit herzlichem, angesichts der belegten Plätze im Saal erheblichem Applaus.

Der Freischütz

Musikalische Leitung: Andreas Schüller

Choreinstudierung: Volkmar Olbrich
Mit: Marika Schönberg (Agathe), Jennifer Porto (Ännchen), Stefan Vinke (Max), Tuomas Pursio (Kaspar), Uwe Schenker-Primus (Ottokar), Miklós Sebestyén (Cuno), Roman Astakhov (Eremit), Dan Karlström (Kilian), Tomas Möwes (Samiel).
Chor der Oper Leipzig

Gewandhausorchester

Premiere: 7. Mai 2011, Oper Leipzig; nächste Aufführung: 15. Mai


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