Lisa Pätzold | Drucken01.10.2010 

Der Frühling ist nicht ganz erwacht

Klischeehaftigkeit und mangelnder Ernst: Dominik Günther schießt mit seiner Inszenierung „Frühlings Erwachen!“ über das Ziel hinaus – Werkstatt-Tage im Theater der Jungen Welt

„Regisseur Dominik Günther überzeichnet alles noch und nöcher“ (Foto: Markus Kaesler)

Es plätschert. Im roten Planschbecken eine Fontaine. Daneben eine Topfpflanze, alles umrahmt von einem Steg – wir sind am See. Wenn das kein Treffpunkt für Jugendliche ist! Das dachten sich wohl auch Ausstatterin Heike Vollmer und Regisseur Dominik Günther, als sie Wedekinds Frühlings Erwachen im Zwinger 3 in Heidelberg inszenierten. Allerdings in der Fassung von Nuran David Calis. Die Inszenierung ist zu den 17. Werkstatt-Tagen des Kinder- und Jugendtheaters nach Leipzig eingeladen.

Auch bei Calis, der seine Fassung vor drei Jahren selbst in Hannover inszenierte, handelt die „Kindertragödie“ von Jugendlichen und ihrer Selbstfindung. Da haben wir Wendla, die von ihrer konservativen Mutter nicht ernst genommen wird und für alles noch zu jung ist, und Moritz, der um seine Versetzung in die nächste Klassenstufe bangt und doch viel lieber nach Amerika auswandern würde. Ilse interessiert sich vor allem für die Tätowierungen und Frisuren anderer, Martha wird von ihrem Vater geschlagen, wenn dem gerade danach ist. Melchior plagt die Zukunftsangst und Hans weiß nicht genau, ob er Männer oder Frauen bevorzugt. Diese Geschichten mit sich herumtragend geht’s in der Clique mal gegen die Jungs, mal gegen die Mädchen, doch im Grunde haben sie sich alle gern. Oder ist da noch mehr?

Irgendwie findet Wendla Melchior ja schon ganz süß, aber andersrum? Martha erinnert sich auch gern an Moritz' verträumten Blick, obwohl der nur Augen für Ilse hat. Es beginnt ein Spiel zwischen Annäherung, Hemmungen, sexuellem Ausprobieren und Flucht vor Verantwortung – immer auf der Suche nach Liebe und Freiheit. Starke Worte, deren Bedeutung niemand so ganz genau kennt.

Regisseur Dominik Günther überzeichnet das alles noch und nöcher. Bauchfrei, in engen Kleidern und Hackenschuhen, stolzieren die Mädels mit albernem Gehabe über den (Lauf)Steg, eine dümmer als die andere. Ebenso platt die Jungs. Hardrock begleitet das Auftreten der drei Coolis, die nichts Besseres zu tun haben, als sich mit ihrem Luftgitarren-Gepose zu messen. Alle Klischees der planlosen Jugend von heute werden hier bedient.

Starke Szenen sind vor allem die sexuell aufgeladenen, in denen die Schauspieler buchstäblich die Hosen runterlassen, in denen ehrliche Emotionen transportiert werden. Leid tun kann einem die arme Wendla (Joanna Kapsch), wenn Melchior sie mal so ganz nebenbei, während Moritz' Abschiedsmonolog, unterm Steg vergewaltigt. Und befremdlicherweise sorgt eine Männer-Kuss-Szene für ablehnenden Tumult unter den jungen Zuschauern. Zwischendurch verliert die Inszenierung an Energie, ruhige Situationen sind nicht fesselnd genug, um die Spannung zu halten, zu viele Pausen, zu lang hinausgezögertes Aufeinander-Reagieren. Auch das viel versprechende Bühnenbild hätte spielerisch mehr genutzt werden können. Und von der im Programmheft angekündigten Betroffenheit und Tragik ist selbst nach Moritz' Suizid wenig zu spüren.

Ergreifend wird es dann doch noch mal, wenn der um seinen verlorenen Freund trauernde Melchior-Schauspieler Ulf Schmitt das Publikum auffordert zu gehen, da es hier nichts mehr zu lachen gäbe. Doch diese Ergriffenheit flacht sofort wieder ab. Selbst die gescheiterten Selbstmordversuche Melchiors lassen den Zuschauer das Elend nicht mehr spüren. Der Ernst des Abends plätschert nur so dahin.

Frühlings Erwachen!

(Live fast – die young)

Von Nuran David Calis nach Frank Wedekind

Gastspiel vom ZWINGER3 (Heidelberg)

Anlässlich der 17. Werkstatt-Tage der Kinder- und Jugendtheater

30. September 2010, Theater der jungen Welt, Großer Saal


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