| Drucken22.07.2006 

„Der Schatten” im Sommertheater der Connewitzer Cammerspiele (Julie Kaiser)

"Der Schatten"
Sommertheater der Connewitzer Cammerspiele
Kunst- und Bauschlosserei artpa
Text: Jewgeni Schwarz
Regie: Karla Müller

"Der Schatten" im Sommertheater der Connewitzer Cammerspiele

Es war einmal ein Märchenabend für Erwachsene. Auf den ersten Blick widerspricht sich das. Denn ist man erstmal ausgewachsen, fällt es nicht mehr so leicht anderen zuzuhören. Kann jemand, der schon mal mehr als 10 Kerzen auf einer Torte ausgeblasen hat, überhaupt stundenlang mitfiebern? Zudem sind die erwachsenen Zuschauer mit Märchen und ihren Figuren wohl vertraut. Man weiß Bescheid über Gut und Böse. Zum Glück gab es im Publikum aber doch Lachen, schwitzige Hände und glänzende Augen.

Verliebt, Verlobt, Verheiratet. Kopf ab, Kopf dran - An den Fatalismus im Märchen kommen weder Horrorfilm noch Schmonzette heran. Bei Hans Christian Andersen sind Glück und Leid, Liebe und Tod, Freund und Menschenfresser Nachbarn. Die Geschichte des fremden Gelehrten (Jonas Klinkenberg) ist eine Achterbahnfahrt ohne Haltegriff. Kaum verliebt in das Prinzesschen (Ulla Schneider) von gegenüber, stürzt sich der naive Historiker in wilde Heirats- und Fluchtfantasien und verliert dabei neben seinem Kopf gleich noch den Schatten. Letzterer geht von da an seine eigenen, finsteren Wege. Der Schatten erlangt durch seine Befreiung ein ganz neues Selbstbewusstsein und seine Augen blitzen aus den schwarzen Rändern. Dagegen sieht der treudoofe Gelehrte wortwörtlich blass aus in der sonst so bunten Aufführung der Cammerspiele, die durch ein märchenhaftes Maskenbild besticht.

Schatten der Zeit - Erfrischend baut Regisseurin Karla Müller Brücken für die Elterngeneration. Geschickt spickt sie das Stück unter anderem mit Sicherheitspersonal, das an Bildern aus Stralsund erinnern, wenn statt des Königs Präsident Bush bewacht wird. Des Weiteren hat bereits Theaterautor Jewgeni Schwarz intrigierende und korrupte Minister satirisch in das Märchen eingewebt. "Nein, Märchen sind wohl nicht nur ersponnen", das stellt der Gelehrte selbst fest. Vielmehr prangern märchenhafte Symbole und Figuren geschickt politische und ideologische Verhältnisse an. Da schleicht zum Beispiel ein Arzt durch das Stück, für den Schulterzucken Programm ist und der Gleichgültigkeit als Lifestyle propagiert. Die moderne Hexe hat gelernt und legt sich gleich selbst in den Ofen. Schauspieler Pascal Keimel schafft es dabei immer zugleich lustig und anrührend zu spielen. Denn schnell erkennt der Zuschauer, dass sich der Herr Doktor mit dieser Attitüde selbst seiner Träume beraubt.

So kriegt der erwachsene Theatergast dann doch alles, was er erwartet: eine Balkonszene; eine kulleräugige Prinzessin in rosa; bekannte mitschnippgerechte TV-Jingles als Hintergrundmusik; Schurken aus dem Schattenreich und nicht zuletzt Witz.

(Julie Kaiser)

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