Jana Nowak | Drucken23.04.2015 

Klappe zu, Maus tot?

Das Theater der Jungen Welt bringt mit „Der überaus starke Willibald“ eine neue Interpretation des Kinderbuchklassikers von Willi Fährmann auf die Bühne − und zeigt auf, was Mäuse mit dem Nationalsozialismus gemeinsam haben

Fotos: Tom Schulze

Flink wie Fledermäuse, zäh wie Schweineschwarte und hart wie Käserinde: So wünscht sich der überaus starke Willibald sein Mäuserudel. Dass dies Assoziationen zu Adolf Hitlers Beschreibung des neuen deutschen Geschlechts hervorrufen kann, ist bei dieser Kooperation des Theaters der Jungen Welt mit dem Ariowitsch Haus durchaus intendiert.

Beruhend auf Will Fährmanns Kinderbuch „Der überaus starke Willibald“ wird unter der Regie von Christian Georg Fuchs die Geschichte einer Gruppe von Mäusen als Puppentheater erzählt, die eine Analogie zu Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 darstellt. Kindgerecht verpackt werden Themen wie Unterdrückung von Andersartigkeit oder die Furcht vor Minderheiten sowie deren Ausgrenzung diskutiert.

Als Kulisse dient ein alter Ford Anglia, der als Puppenbühne herhält. Darin: Ein Mäuserudel, das sich, aus Angst vor der tödlichen Bedrohung durch eine Katze, dazu verleiten lässt, einen (An-)Führer zu wählen. Doch dieser nutzt seine Position schamlos aus. Zur Demonstration seiner Macht dient ihm Lillimaus als Sündenbock für alles, was schief läuft. Als einzige Albinomaus des Rudels soll es ihr weiß leuchtendes Fell sein, das die Katze auf die Nager aufmerksam macht und so wird sie als Konsequenz in den Kofferraum des Wagens verbannt. Ohne Zugang zu Nahrung, dafür aber zu Büchern.

Beflügelt von Wissensdurst und getrieben durch die Isolation, beginnt Lillimaus, sich selbst das Lesen beizubringen und weckt auch bald schon in den anderen Mäusen die Begeisterung für die Geschichten der Menschen. Willibald bemüht sich jedoch, diese Entwicklung zu unterbinden. Er geht davon aus, dass es gefährlich sei, wenn seine Untertanen anfangen würden zu denken und zu reflektieren. Schließlich lässt er das Lesen und Erzählen von Geschichten ganz verbietet.

Genau dieses Verbot ist es, das ihm letztendlich zum Verhängnis wird. Er ignoriert die Warnung von Lillimaus, nicht den Speck zu essen, der auf einer Mausefalle befestigt ist, da sie die Beschriftung lesen kann.

Die offene Spielweise der drei Puppenspieler, die sich in dem ausgehöhlten Ford fast wie in einer Variation der klassischen Puppentheaterbühne bewegen, birgt neben dem reinen Handpuppenspiel ein zusätzliches Unterhaltungspotenzial. Trotz der schlichten Gestaltung der Bühne wirkt diese, durch die kreative Nutzung des Bühnenraumes, nicht langweilig. So tauchen die Mäuse hinter den Reifen hervor, feiern Partys in der Motorhaube oder führen Diskussionen auf dem Dach des Autos.

Auch wenn die Inszenierung teilweise ihre Längen hat, so überzeugt sie dennoch durch die politische Aktualität und die Spielfreude der Darsteller, die sich auch auf das junge Publikum übertragen hat.

Der überaus starke Willibald

Regie: Christian Georg Fuchs

Mit: Dirk Baum, Wilfried Reach, Nora-Lee Sanwald

Theater der jungen Welt, Premiere 18. April 2015


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