Almuth Richter | Drucken03.10.2016 

Pastellfarbene Harmonie

Das Tanzstück „Der Zeitfresser“ im Lofft greift ein vielschichtiges, spannendes Thema auf – und bleibt oberflächlich

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Szene aus "Der Zeitfresser". (Fotos: Philipp Baumgarten)

Wieder einmal sind die Leipziger Tanztheaterwochen da, in denen das Leipziger Tanztheater alte und neue Stücke auf den Leipziger Bühnen präsentiert. Das Lofft ist dieses Jahr erstmals dabei, hier wird das Tanzstück Der Zeitfresser gezeigt, das in Kooperation mit dem Leipziger Tanztheater und der company absurdum entstand. Mit dieser Premiere geht die Ankündigung einher, zukünftig stärker zusammenzuarbeiten. Der Zeitfresser als erste Frucht dieser Zusammenarbeit verdient also eine nähere Betrachtung.

Um unseren Umgang mit Zeit soll es in diesem Tanzstück gehen und um die Frage, wo die Fantasie heute noch Platz in einer hektischen Welt finden kann. Gerade für Künstler ist dies eine wichtige Debatte: Wie kann man unter Zeitdruck Kunst erschaffen und auf die eigene Fantasie vertrauen? Und überhaupt: Wo hat die Fantasie noch Platz in einer Gegenwart, die von Hektik und ständigem Wandel geprägt ist?

Die Fantasie wird von einer komplett in weiß gekleideten Tänzerin sehr idealisiert verkörpert, ihre Bewegungen sind verspielt und leicht, sie tanzt Flöte spielend über die Bühne und strahlt durchgehend kindlich-naive Freude aus. Der Zeitfresser wird ähnlich simpel als Gegenpart konstruiert: Die Schauspielerin stellt ihn als grimmig und unbeweglich dar. Der Zeitfresser kriecht, schnauft und brüllt sich durch das Stück. Zwischen ihnen sind verschiedene Sinnbilder für die Zeit auf der Bühne verteilt. Ein großes, leuchtendes Pendel hängt in der Mitte der Bühne, ein kleiner Sandhaufen erinnert an die verrinnende Zeit in Sanduhren, gelegentlich hört man in der Musik eine tickende Uhr. Die Bühne im Lofft erweist sich hier als sehr passend für das Tanzstück, da die Zuschauer nah an der Bühne sitzen und auch das Geschehen am Boden gut verfolgen können, sei es der kriechende Zeitfresser oder die in den Sand gemalten Muster.

Die dritte Tänzerin bewegt sich stets zwischen den beiden Gegenpolen Fantasie und Zeitfresser hin und her und lässt sich auf die Verspieltheit der Fantasie ein, bis der Zeitfresser die Oberhand gewinnt und Hektik sich ausbreitet. Die Fantasie verschwindet daraufhin. Abgeschlossen wird das Stück mit der Wiederentdeckung der Fantasie und der schönsten Choreografie des Abends. Schlussendlich bleibt es also bei einem Aufruf zu mehr Fantasie im Alltag – eine harmonische, aber auch enttäuschend einfache Lösung für das komplexe Thema.

Alle drei Darstellerinnen können mit ihrer starken Ausstrahlung überzeugen, auch die Choreografien sind stimmig und großartig ausgeführt, davon hätte man sich glatt noch ein bisschen mehr gewünscht. Doch insgesamt verharrt das Tanzstück an der Oberfläche und lädt die Zuschauer nicht zu weiteren, tiefergehenden Diskussionen ein. Alles soll leicht und pastellfarben bleiben, was schade ist, denn sowohl die Darstellerinnen als auch das Thema hätten noch viel mehr zu bieten. Tanz wird da besonders spannend, wo Reibungen und Spannungen für die Zuschauer fühlbar gemacht werden – davon war an diesem Abend leider nicht viel zu sehen.

Der Zeitfresser

Company Absurdum, Leipziger Tanztheater

Regie, Bühne & Tanz: Marie Nandico

Schauspiel, Tanz: Julia Berke

Tanz, Fujara, Choreografie: Eva Thielken

Text: Wolfgang Krause Zwieback

Kostüme: Dunja Marija Kopi

Produktion: Hanna Weiß

Premiere: 30. September, Lofft


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