| Drucken | Kommentar (1)02.02.2001 

Detlev Glanert: „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung” (Marcus Erb-Szymanski)

02. Februar 2001 Opernhaus Halle

?Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung?

Komische Oper, frei nach:
Christian Dietrich Grabbe, Uraufführung
Musik: Detlev Glanert
Libretto: Jörg W. Gronius

Wenns dem Teufel zu kalt wird auf der Welt ...

Die tiefere Bedeutung einer alten Posse aus neuer Sicht

Die Kunst muss das Elend in der Welt noch übertreffen. Nur dann wird sie ihrer moralischen Aufgabe gerecht, denn sie soll kritisch und nicht affirmativ sein. So oder ähnlich jedenfalls hat es Theodor W. Adorno einmal formuliert, und es gibt wohl kaum ein Theaterstück, auf das diese Forderung so zugeschnitten ist, wie Christian Dietrich Grabbes ?Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung?. Wo findet man schon Figuren, die noch mieser sind, als sich der Teufel zu denken wagt, wo noch ist die Welt so kalt, dass selbst der Teufel aus ihr flieht?

Grabbes Art von Humor hat die romantische Ironie gegen fast schon kalten Zynismus getauscht und die Frage ist, wie man den in Musik setzen kann. In der Musikanschauung um 1822, als das Werk entstand, war noch die Idee zu finden, dass Musik die Aporien der realen Welt auf einer höheren geistigen Ebene versöhnt und zur Harmonie bringt. Daran muss man unwillkürlich denken, wenn sich ein Komponist daranmacht, jenes Werk von Grabbe zu vertonen, das im Stile eines subversiven Schwanks alle ästhetischen wie moralischen Werte systematisch karikiert und zersetzt. Man hat daher im Zusammenhang mit dieser Posse Grabbe seinerzeit - wohl nicht ganz zu Unrecht - Zerstörungswut vorgeworfen. Was tut aber nun ein Komponist, um hinter derlei Destruktion eine ?tiefere Bedeutung? zu finden? An Harmonisierung ist wohl kaum zu denken, wenn die Musik den Stoff in eine Zeit transformiert, die noch schriller, schräger und extremer in ihren Gegensätzen ist.

Und in der Tat: Detlev Glanert versucht keinesfalls die splitternde Unlogik des Sujets zu versöhnen, weder durch harmonisierende Klänge noch durch eine dem Ganzen übergeordnete strenge musikalische Struktur. Im Gegenteil, durch Betonungen und Verstärkungen von Details erweist sich Glanerts Komposition inmitten des Chaos als ein weiteres aufmischendes Element und steht dem Teufel teuflisch nah. Diesem schenkt sie wilde Schlagzeug- und Orgelklänge. Die Auftritte von ?Gottliebchen?, dem kleinen Kretin, der mit den Würmern das Zeug zum ?Nationalgenie? hat, begleiten dissonant dilettierende Flötentöne. Ein einfaches Niesen entfacht ein Schlagzeugsolo, welches das Feuer im Kamin zum Erlöschen bringt; und die Nebengeräusche beim Szenenumbau werden elektronisch so verstärkt, dass es in den Umbaupausen rumpelt, wie der Teufel im Ofenschacht (eine schöne Anspielung auf John Cage, der so gern Nebengeräusche beim Musizieren verstärkte und in den Kompositionsprozess einbezog). Insofern ist Glanerts Komposition weniger eine Opern- als eine Bühnenmusik, die nicht versucht, Handlung und Text in den Hintergrund zu drängen, sondern im Gegenteil zu prononcieren und selektiv auszuprägen. Diese ?Bescheidenheit? gibt ihr zugleich die unverkrampfte Freiheit zu witzigen Anspielungen und Seitenhieben auf alle möglichen musikalischen Genres, sei es Avantgarde, Jazz, Musical oder gar die große Oper (?Köhöös miesch, Muouse!? singt der tief inspirierte Dichter ?Rattengift?).

Doch indem die Musik selbst nur ein dramaturgischer Bestandteil bleibt, kann sie nicht allein über die tiefere Bedeutung von ?Scherz, Satire, Ironie? befinden. In dieser Hinsicht ist auch dem Libretto von Jörg W. Gronius einiges zu verdanken. Zunächst einmal, und das ist wirklich erfreulich, hält er sich sehr eng an das Textoriginal. So wird der drastische Witz Grabbes in die Oper hinein gerettet, ohne dass willkürliche Modernisierungen dem Zuschauer vorschnelle Interpretationen aufzwingen. Aber dann sind es kleine Veränderungen, die dem Bühnengeschehen eine zwingende Wendung geben und vieles plötzlich plausibel erscheinen lassen. Der wichtigste diesbezügliche Eingriff ist der, dass ?Gottliebchen? nicht als Bauerntölpel, sondern als Kind eines Zuchthauswärters und einer Analphabetin vorgestellt wird, was eine eindeutige Anspielung auf Grabbe und dessen biographische Herkunft ist. Dadurch wiederum kann am Ende das tatsächlich vorgeschriebene Erscheinen Grabbes als Nachwächter mit der Laterne eingespart werden. Eine weitere Umarbeitung stellt bereits eine Interpretation auf einer höheren Eben dar, weil sie etwas über die Bedeutung der Person Grabbes und des Stücks im Allgemeinen sagt. Versucht bei Grabbe der durch und durch verdorbene Schulmeister den Teufel mit den Memoiren Casanovas in die Falle zu locken, tut er es bei Gronius mit dem armen ?Gottliebchen?. So wird das zurecht verkannte Genie ein ?kleiner, verkommener Satansbraten?, den der Teufel statt der Musen küsst. Und wenn des Teufels Großmutter am Ende ihren Enkel abholt und ihn auffordert, den ?kleinen Schlingel? mitzubringen, so wird um ein Haar noch Fausts Höllenfahrt daraus. Statt dessen aber bleibt ?Gottliebchen? am Ende als Stellvertreter des Teufels auf Erden zurück. Er zerstört alle romantischen Illusionen, indem er im wahrsten Sinn des Worts die Kulissen zerreißt und sich anbahnende Idyllen Lügen straft. Damit wären wir wieder beim Dichter und beim Kunstwerk, die dem Menschen als stets verneinender Geist das Elend vor Augen halten. Unter diesem Gesichtspunkt lässt Grabbes Stück obiges Diktum Adornos wie ein spätromantisches Relikt erscheinen, was auch eine Art von moderner Interpretation ist.

Um die famose Leistung der Darsteller, der Regie und auch des Orchesters nicht völlig zu übergehen, sei noch die ungeheure Fantasie und Spielfreude, wie auch die stets kreative Liebe zum Detail erwähnt (was auch für das Bühnenbild gilt). Beeindruckend war vor allem die geschlossene Ensembleleistung, die keine dünnen oder wackligen Stellen besaß und nachhaltig bewies, dass Qualität und Erfolg nicht, wie man in Leipzig zuweilen den Eindruck hat, durch teure Stargäste erkauft werden müssen (die meisten Darsteller sind Ensemblemitglieder des Opernhauses Halle). Auch wenn der über weite Strecken geforderte Sprechgesang den Darstellern vermutlich einiges abverlangt, schien es, als würden die melodisch nicht mehr so streng gebundenen Gesänge zusätzliche Energien für das Schauspielen freisetzen. Alle Beteiligten waren nicht nur als Sänger, sondern auch als Schauspieler witzig, spritzig und einfach hinreißend. Man könnte endlos viel aufzählen: Die Choreographie zum Tod der 13 tapferen Schneiderlein etwa, vom bösen Mordax mit Musbrot angelockt und mit einer Fliegenpatsche erschlagen. Oder auch die Abenteuer der vier Naturgelehrten, die mit ihren Köpfen als Laterne kopflos durch den dunklen Wald tappen und die Wissenschaft ad absurdum geführt sehen, weil der Teufel nicht ins System passt (so wenig wie der ihn charakterisierende Tritonus, der ?Diabolus in musica?), weshalb sie ihn am liebsten für eine Deutsche Dichterin erklären würden. Doch damit wären wir nun wieder bei jener höheren Ebene der Interpretation...

(Marcus Erb-Szymanski)

Mitwirkende:

Musikalische Leitung: Roger Epple
Inszenierung und Bühne: Fred Berndt
Kostüme: Regine Schill
Choreographie: Helmut Neumann
Teufel: Axel Köhler
Baron: Jürgen Trekel
Liddy: Gundula Hintz
Mordax: Gary Jankowski
Wernthal: Martin Kronthaler
Rattengift: Kenneth Garrison
Mollfels: Nils Giesecke
Schulmeister: Ulrich Studer
Gottliebchen: Anke Berndt
Vier Naturhistoriker: Antje Gebhardt,
Mária Petrasovská, Rainer Stoß, Gerd Vogel
Des Teufels Großmutter: Elisabeth Hinze

Kommentare lesen und hinzufügen (1)

Iris Schwarz schrieb am 22.04.2010 um 22:37 Uhr:

Suche REGINE SCHILL aus meiner Schulzeit in Berlin. Handelt es sich um meine Schulfreundin REGINE SCHILL, die für die Kostüme zuständig ist???? Kann mir hier jemand helfen????? LG Iris

 
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