Steffen Kühn | Drucken29.05.2011 

Auf Quietscheenten ins Reich des Bösen

Märchenhafte Elemente und viel Spaß auf der Großen Bühne: „Die Arabische Prinzessin“ in der Oper Leipzig

Schwelgen in Bildern (Fotos: Andreas Birkigt)

Es macht Spaß den künstlerischen Weg der jungen Regisseurin Lotte de Beer zu verfolgen.2008 erregte sie mit ihrer musiktheatralischen Umsetzung von Clara S., einem Stück von Elfriede Jelinek das Interesse von Leipzigs Chefregisseur Peter Konwitschny der daraufhin de Beer mit Clara S. ins Kellertheater der Oper Leipzig einlud.

Clara S. ist, wie könnte es anders sein bei Elfriede Jelinek, ein zutiefst psychologisches Werk, welches sich mit dem Künstlerpaar Clara und Robert Schumann und deren Konflikt zwischen traditionellen Ehedasein und Genialität auseinandersetzt. De Beer ließ sich mit tiefen Ernst darauf ein und scheute sich nicht vor den teilweise abgründigen Linien, wie der sexuellen Phantasie des Commandante d´Annunzio bezogen auf die kleine Tochter Marie der Schumanns. Schnörkellos bebilderte sie zur trockenen sperrigen Partitur der jungen Komponistin Nicoletta Chatzopoulou Jelineks düstere Welt.

Wo bei Clara S. der dramatische Grund schon gelegt war, musste de Beer ihn bei der Arabischen Prinzessin erst (er-)finden. Das Stück hat Anna-Sophie Brüning 2009 im Auftrag der Barenboim-Said-Stiftung auf Grundlage von Stücken des spanischen Komponisten Juan Crisostómo de Arriaga arrangiert. Die Liebesgeschichte zwischen der Prinzessin Amirah und dem Fischer Jamil spielt mit Standesdünkeln gegen eine solch ungewöhnliche Liebe und Heirat. Hauptkonflikt sind aber die in allen Ehen irgendwann auftretenden kleinen Meinungsverschiedenheiten und Streitereien der Eheleute. In der Arabischen Prinzessin wird dieser Konflikt freilich vom Fischer Jamil konsequent ausgetragen, irgendwann platzt ihm der Kragen und er verlässt die Prinzessin und zieht ins Reich des bösen Fürsten. Diesen Moment der Trennung nutzt de Beer für ihre Arbeit, mit sicherem Gespür dramatisiert und beschleunigt die Regisseurin dadurch diese einfache Nummernoper.

Lauter Streit tobt nach Beginn der Vorstellung im Publikum: Die geschiedenen Eltern von drei Chorkindern bemerken erst jetzt, dass sie heute beide ihre Kinder auf der Bühne bewundern wollen, schon bricht der wilde Ehestreit aus. Den zu klären versuchen nun die Kinder indem sie ihre Eltern kurzerhand auf die Bühne holen und in die Kostüme von Amirah und Jamil stecken.

Spannend ist das und unterhaltsam, wie im Verlauf der Inszenierung die beiden Ebenen ständig wechseln und sich vermischen. De Beer holt damit den märchenhaften Plot in die Wirklichkeit der fast hundert auf der Bühne agierenden Kinder: „Kinder muss man nicht zum spielen ermuntern, …“ hat de Beer im Vorfeld der Inszenierung geäußert und wie das aufgeht auch im Zusammen mit der Aktualität der Inszenierung, kann man staunend bewundern. Der greifbare Spaß des von Sophie Bauer bestens einstudierten Kinderchores wurde sicher auch zusätzlich durch die phantasievolle Ausstattung von Marouscha Levy stimuliert.

Märchenhafte Elemente mischt sie mit riesigen Bildern aus der Werbewelt Mitte des letzten Jahrhunderts, knallbunte Darstellungen einer Familienidylle. Die Reise ins Reich des bösen Fürsten treten Amirah und ihr Hofstaat auf riesigen Quietschenten an, man kann sich vorstellen, welchen Spaß die Kinder dabei haben.

Paula Rummel als Amirah singt und agiert vortrefflich in diesem bunten Spiel, Daniel Johannsen zaubert aus dem einfachen Fischer Jamil die Charakterrolle des unverstandenen Ehemannes. Andreas Schüller und das Gewandhausorchester lassen sich mit Verve auf die Musik Arriagas ein - diese hohe Qualität ist wichtig bei der eher illustrierenden Partitur des auch als spanischen Mozart bezeichneten 1826 mit nur 19 Jahren verstorbenen Arriaga.

Lotte de Beer zeigt mit dieser Arbeit einen handwerklich schon höchst ausgereiften Personalstil. Sich auf den Zauber der Oper einlassen, das Schwelgen in Bildern und Farben auf der einen Seite kombiniert sie mit unaufdringlichen Ideen, welche Stoffe wie die Arabische Prinzessin beschleunigen und heute fassbar machen. Freilich erliegt sie nicht der Gefahr von belanglosen Regieeinfällen, im Fall eines hochdramatischen und dichten Stoffes wie Clara S. kann sie auch einfach hinter den Plot zurücktreten. Man darf gespannt sein auf ihre nächste Arbeit für die Oper Leipzig – 2012 inszeniert sie Janáčeks Das schlaue Füchslein.

Die arabische Prinzessin oder Das wiedergeschenkte Leben

von Juan Crisostómo de Arriaga

Musikalische Leitung: Andreas Schüller

Inszenierung: Lotte de Beer

Bühne, Kostüme: Marouscha Levy

Einstudierung Kinderchor: Sophie Bauer

D: Paula Rummel, Daniel Johannsen, Andreas David

Solisten des Kinderchores der Oper Leipzig

Kinderchor der Oper Leipzig

Kinder der Freien Grundschule Clara Schumann

Gewandhausorchester

Premiere: 20. Mai 2011, Oper Leipzig

Weitere Vorstellungen: 2. Juli, 11 Uhr; 3. Juli, 11 & 18 Uhr

„Being called a Konwitschny-Schülerin is an honor“ - Interview mit Regisseurin Lotte de Beer

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