Jana Nowak | Drucken10.12.2014 

Heldenmut und Nachhaltigkeit

Das Theater Roos und Humbel präsentiert im Westflügel seine Interpretation des grimmschen Märchens „Die Bienenkönigin“ und changiert dabei zwischen kindgerechtem Schabernack und archaischer Ästhetik

Fotos: Roos und Humbel

Schon während das Publikum den Raum betritt wird es von den beiden Darstellern Silvia Roos und Stefan Roos Humbel begrüßt und aufmerksam gemustert. Beide tragen schwarze Kleidung, die Spuren von getrocknetem Ton aufweist und auch ihre Gesichter auf ihren Wangen finden sich noch einige Reste des Materials, sodass der Eindruck erweckt wird, als hätten sie bis gerade eben noch letzte Feinheiten an Ihren Puppen perfektioniert. Dies erweist sich jedoch schnell als bewusst eingesetzte Illusion, da die Körper der Puppen erst auf der Bühne provisorisch aus einem Tonklumpen geformt werden. Die Zuschauer haben so Teil an der Entstehung und Verlebendigung der Charaktere, die erst in dem Moment, in dem sie unter lauten Gesängen ihre maskenähnlichen Köpfe aufgesetzt bekommen, zum Leben erwachen. Auch das Bühnenbild erinnert an eine Werkstatt: Schmutzig, abgenutzt, nur teilweise beleuchtet ist ein kleiner Teil der Halle mit Folie ausgelegt, der restliche Raum verschwindet im Dunklen. Zwei Saxophone, die die Bühne einrahmen sowie zwei zu schweben scheinende Steine und eine Krone lassen bereits tragende Elemente des Stückes erahnen.

Für 50 Minuten tauchen die Zuschauer unterschiedlichen Alters in die märchenhafte Welt des Dummlings ein, der gemeinsam mit seinen Brüdern in die Welt auszog, um Abenteuer zu erleben. Nach grimmscher Manier sieht man, wie Nachhaltigkeit und Achtsamkeit sich auf das Leben jedes Einzelnen auswirken können und dass es auch für Dummlinge und Außenseiter ein Happy End geben kann.

Durch die musikalische Untermalung gelingt es den Darstellern, trotz des (für die Verhältnisse des Westflügels) recht reduzierten Bühnenbilds und Requisiteneinsatzes, die traumhafte Reise des Protagonisten auf unterschiedlichste Art und Weise zu bebildern. Archaische, laute Tanz- und Gesangsszenen sowie Bilder von poetischer Schönheit und Melancholie werden durch die musikalische Untermalung miteinander verbunden. So wird das Formen der Körper einiger Tonfiguren unter martialischem Gesang und mit einer genussvollen Brutalität zelebriert. Diese ausgelassenen und ekstatischen Szenen stehen im Kontrast zu betont ruhigen, elegischen Momenten, in denen zum Beispiel die tiefe Verzweiflung des Protagonisten durch das Herabregnen von schimmernden Tränen auf die verlassen dasitzende Puppe, begleitet von schwermütigem Saxophonspiel, dargestellt wird.

Der fantasievolle Einsatz von Puppen unterschiedlichster Art und Größe steht im Gegensatz zu dem spärlich gestalteten Bühnenbild und lässt Raum für die eigene Fantasie: Eine Perlenschnur, die sich um den Körper Roos Humbels windet, wird zusammen mit dem Klackern seiner Fingerkuppen auf einem Holzstuhl zu einer Ameisenkolonie. Ein Hut wird zum Bienenstock um den die, im Licht fluoreszierenden, Bienen schweben und aus einem mit Wasser begossenen Saxophon entsteht ein Ententeich, aus dem es einen Schlüssel zu bergen gilt.

Die enge Verschränkung von Spieler und Puppe führt zu einer emotionalen Aufladung des Stückes, welche jedoch durch die offene Spielweise der Puppenführer davor bewahrt wird, in Kitsch abzudriften. Teils agieren die Darsteller als klassische Puppenspieler und treten hinter den Puppen zurück, nur um kurz darauf die Objekte beiseite zu legen und selbst zu einer der Figuren zu werden. Trotz dieser wechselnden Spielstile wirkt das Regiekonzept organisch und gut durchdacht.

Fraglich scheint allerdings, wie praktikabel die Altersempfehlung ab sechs Jahre ist. Die teilweise düsteren Momente – etwa das Auftreten eines geisterhaften, alten Mannes, dessen Gesicht langsam zu glühen beginnt und schließlich in dem immer dunkler werdenden Raum zum leuchtenden Mond wird, oder das Versteinern der Figuren, dargestellt durch eine Loslösung der Puppenköpfe von ihren Tonkörpern und das Einklemmen der Köpfe zwischen zwei Steinen – lösten bei den jüngeren Zuschauern teils nervöse Reaktionen aus. Die große Spielfreude der Darsteller sowie der schnelle Wechsel zwischen dramatischen und fröhlichen, überdrehten Szenen und die Möglichkeit, sich die Puppen nach dem Ende der Vorstellung noch einmal ganz genau anzuschauen, sorgte jedoch auch bei den kleinsten Zuschauern dafür, dass die düsteren Momente des Stückes ganz schnell wieder vergessen waren.

Die Bienenkönigin

Theater Roos und Humbel (Schweiz)

Mit: Silvia Roos, Stefan Roos Humbel

Ausstattung: Silvia Roos

Regie: Christiane Zanger

Lindenfels Westflügel; Premiere: 06. Dezember 2014


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