| Drucken20.03.2003 

Die Dramen von Fritz Kater am Schauspiel Leipzig (Marcus Erb-Szymanski)

Ihr Kommentar zu diesen Werken

Die Poesie der Hoffnungslosigkeit
Fritz Katers Theaterstücke im Repertoire des Schauspiel Leipzig

15.02.2003 ?Sterne über Mansfeld? ? Uraufführung
18.02.2003 VINETA (oder wassersucht) ? Wiederaufnahme

Zwei Stücke von Fritz Kater laufen momentan am Leipziger Schauspielhaus; und soviel lässt sich vorwegnehmen: Sie gehören zu den besten Inszenierungen der diesjährigen Spielzeit. Die Uraufführung von ?Sterne über Mansfeld?, einem Auftragswerk des Schauspiel Leipzig, ist gar zu einer echten Sternstunde moderner Theaterkunst geworden.

Die Dramen von Kater liegen in Leipzig in den besten Händen. Armin Petras hat in ?Sterne über Mansfeld? Regie geführt, Markus Dietz in ?VINETA (oder wassersucht)?. In beiden Werken verknüpft Kater auf dramatisch interessante Weise und einer zwar nüchternen, aber oft sehr poetischen Sprache ostdeutsche Befindlichkeiten der Nachwendezeit mit sozialen und familiären Katastrophen. Wie beides miteinander verknüpft wird, teilweise kausal, teilweise zufällig, macht den eigentlichen dramatischen Reiz der Werke aus. Manches wirkt zu willkürlich, vieles jedoch sehr treffend und prägnant. Nicht zuletzt die guten Inszenierungen, verbunden mit kleinen zuspitzenden Modifikationen des Textes, machen aus beiden Stücken Beispiele imposanter, bewegender und anspruchsvoller moderner Dramatik.

Die gesellschaftlich-politische Situation, hervorgerufen durch den wirtschaftlichen Niedergang und das kulturelle und ideelle Vakuum nach dem Ende der DDR, hat direkten Einfluss auf die Einzelschicksale der Protagonisten. Diese bewegen sich auf verbrannter Erde, in einem Niemandsland zwischen NochnichtBundesrepublik und NichtmehrDDR. Auf diesem Boden wächst nichts mehr von dem, was einst ihre Hoffnungen und Sehnsüchte nährte. ?Abends, wenn ich sehr müde bin?, sagt Betty in ?Mansfeld?, ?kann ich mir ein anderes Leben vorstellen und dann schlafe ich ein.? Aber entweder reicht der Lebensmut nicht aus, um ein neues Leben an einem anderen Ort (d.h. in den alten Bundesländern) zu wagen oder aber die Konstellationen und Umstände der Figuren sind so fatal, dass eine Flucht aus ihrer ausweglosen Situation unmöglich ist. Insofern erinnert alles nicht zufällig auch an die Zeiten der Mauer, wenngleich diese sich so gut wie niemand der Handelnden wirklich zurückwünscht. Immer wieder erklingt in ?Mansfeld? Led Zeppelins instrumentales Vorspiel zu dem wunderbaren Song ?Stairway to heaven? als Ausdruck unerfüllter Sehnsüchte und Hoffnungen.

Wenn in ?Sterne über Mansfeld? unvermittelt Pflaumen vom Himmel fallen, dann scheint die Zeit reif zu sein. Doch wofür? Thomas, der eigentlich auf sein Comeback als Rockmusiker hofft, arbeitet als Vertreter und bemüht sich privat um Kredite für eine Go-cart-Bahn. Doch in seinen Träumen ist er wieder ein Rockmusiker, der Wunsch, alles, selbst seine Familie, hinter sich zu lassen und einen Neuanfang in Berlin zu wagen, ist dennoch nicht stark genug. Die Hoffnung, ihn sich zu erfüllen, gibt es im Grunde nicht mehr. Das, was sich erfüllt, sind nur die bösen Vorhersagen. Das Land, das Thomas gepachtet oder gekauft hat, wird durch einen einbrechenden Stollen, über dem es sich befindet, zerstört. Ein schöner Regieeinfall ist es, den vielzitierten ?Reini von Rockhaus? (Reinhard Petereit) selbst mitspielen zu lassen. Die musikalischen Einlagen sind so von großer (ostdeutscher) Authentizität. Petereit ist für die Musik nicht nur verantwortlich, sondern hat sie teilweise auch selbst komponiert. Aber auch sonst gibt es eine Fülle unbeschreiblich schöner Regieeinfälle, die niemals spektakulär, aber immer treffsicher und äußerst phantasievoll sind.

Um ein Beispiel zu nennen: Die Bühne ist durch Schienen strukturiert, auf denen die Akteure herein- und herausfahren bzw. herein- und herauskommen. Man denkt unwillkürlich an die Go-cart-Bahn, merkt aber schnell, dass es eigentlich die Schienen für den Hunt in einem Stollen sind. So entsteht ein Sinnbild für die trügerischen Hoffnungen: Die Go-cart-Bahn vor Augen bewegt man sich wie unter Tage in einem unentrinnbaren und kurz vor dem Einsturz stehenden Stollen.

Einziger Kritikpunkt ist die Rolle des Pfarrers. Sie ist konzeptionell vollkommen unterbeleuchtet, sowohl von der Regie her als auch vom Spiel Thomas Dehlers. Die meisten anderen Mitwirkenden spielen herausragend. Martin Reik als Thomas, der unbeholfen in Anzugklamotten rumrennt und nur heimlich noch die Lederhose anzieht. Bettina Riebesel als seine in beruflicher Hinsicht ebenfalls resignierte Betty, die dennoch ihren Lebensmut nicht verloren hat, Anja Schneider, als Janica, beider Tochter, die halb Kind, halb Frau als einzige Optimismus und Visionen hat und auch als einzige einen wirklichen Fluchtversuch unternimmt (den dann freilich ein Unfall vereitelt). Matthias Hummitzsch schließlich als berührend linkischer Polizist, der seine Tochter und sein Frau verloren hat und am Ende sein Leben für das von Janica opfert.

Doch im Zentrum der Inszenierung steht Berndt Stübner, der brillant den freiwillig in den Rollstuhl geflüchteten Parteiveteran Benjamin spielt. Unübertroffen, wie er die Garstigkeit, Hinterlist und Bösartigkeit, zugleich aber auch den Mutterwitz und die Souveränität eines äußerlich alten und hilflosen Mannes mimt. Schauerlich grotesk ist auch eine Szene, in der er den ?Chor der alten Damen?, der durch seine Besetzung mit Laiendarstellern in Dederonschürzen eine (ebenfalls ostdeutsche) absurde Authentizität erhält, wie einen Musikchor nach rein instrumentalen Maßstäben dirigiert, während dieser Chor die furchtbarsten Geschehnisse des Stückes berichtet.

Stübner spielt als Boxtrainer auch in ?Vineta? eine der Hauptrollen und hält gewissermaßen durch seine Person beide Inszenierungen zusammen (beide Male berichtet er nostalgisch von seiner Frau, sie sei dereinst ?Schönheitskönigin in Fürstenwalde? gewesen). Wieder ist er einer der Altvorderen des DDR-Regimes, der es irgendwie, aber nicht so richtig, schafft, sich unter den neuen Umständen zurechtzufinden, während Steve, ein Ex-Boxer, vergeblich auf ein Comeback hinarbeitet. Die Parallelen sind also offensichtlich.

Neben Stübner überzeugen Christoph Hohmann als Steve und Stefan Kaminsky als dessen junger Freund Frank, weiterhin Susanne Böwe als alkoholkranke Charlotte (Franks Mutter), die sich vergeblich in einem Computerkurs um berufliche Qualifizierung bemüht und in der unverständlichen Terminologie ihrer Schulung ein Gleichnis für ihre Lebenssituation findet (?Wir sind doch alle kurz vor der Löschtaste.?). Etwas blasser dagegen bleiben die Frauenfiguren Leila (Liv-Juliane Barine) und Rosa (Julia Berke).

Das wirklich Besondere an der Inszenierung ist das originelle Bühnenbild. Eine gestürzte Neubaufassade symbolisiert Frankfurt an der Oder, wieder ein Grenzland zwischen NichtmehrDDR, NochnichtBundesrepublik und diesmal dem noch weiter östlichen und ärmeren Polen, gegen dessen Flüchtlinge und Gastarbeiter sich alles verbliebene Selbstbewusstsein arrogant richtet. Aus den zu ebener Erde gelegenen Fenstern der Neubaufassade schlüpfen die Protagonisten heraus oder auch wieder hinein, wie Mäuse aus ihren Löchern. Die Soloauftritte der einzelnen Figuren, in die der Stückverlauf im Wesentlichen unterteilt ist, unterstreichen deren Einsamkeit, Trostlosigkeit und Isolation. Jeder sitzt in seinem Mauseloch, aus dem er, was auch immer er unternimmt, nie so richtig herauskommt. Auch in diesem Fall wird deutlich, wieviel Leere und wie wenig geistige Werte das alte System nach seinem Untergang hinterlassen hat und wie vergeblich es auch heute oft noch ist, diesen Umstand zu kompensieren.

(Marcus Erb-Szymanski)

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