Doreen Kunze | Drucken05.01.2012 

Zwischen Müllsäcken Schönheit suchen

„Die Eisprinzessin“ besuchte den Westflügel zur Nachtvorstellung

Foto: Westflügel

Eingehüllt in Decken sitzen die Zuschauer an diesem Abend im alten Ballsaal des Lindenfels Westflügel. Zu ungewöhnlich später Stunde haben sie sich zusammengefunden. Das liegt daran, dass der Westflügel zur allerersten Nachtvorstellung geladen hat. Und so kommt es, dass das Figurentheaterstück Die Eisprinzessin, welches für Kinder ab acht Jahren konzipiert ist, 23:00 Uhr aufgeführt wird. Damit auch die Kleinen ihre Freunde an dem winterlichen Stück haben, wurde es bereits am Nachmittag ein erstes Mal gezeigt. Zu dieser nächtlichen Uhrzeit aber haben sich nun die Erwachsenen versammelt, um sich gemeinsam mit der Figurenspielerin Johanna Pätzold in die Welt der Märchen zu begeben.

Schwarz-blaue Müllsäcke liegen auf der Bühne verteilt, alles wirkt etwas unaufgeräumt. Dazwischen sitzt Johanna Pätzold und leitet ihre Diplominszenierung mit Hilfe einer Säge und eines Geigenbogens musikalisch ein. Für ihr erstes Stück hat sie sich F.K. Waechters Die Eisprinzessin zur Vorlage genommen, und daraus ein Figurentheaterstück gemacht, dass vor allem vom Spiel mit unterschiedlichen Materialen lebt. Während Pätzold die Geschichte der kühlen, schönen Eisprinzessin und des Königs von Sizilien erzählt, untermalt sie das Gesagte mit dem subtilen Einsatz verschiedener Gegenstände. So spricht sie vom vielen Mann starken Heer des Königs, schüttet dabei einen der Müllsäcke aus, und es kommen hunderte leere Teelichterhülsen zum Vorschein. Sie leuchten metallisch-golden und durch das Hineinfahren mit den Händen klirren sie leise aneinander. Schon hat man als Zuschauer das marschierende Heer vor Augen.

Die Geschichte, welche erzählt und durch Figuren und Gegenstände bebildert wird, ist sehr gerafft. Der König von Sizilien verliebt sich in die wunderschöne, aber kaltherzige Prinzessin. Diese will aber von keinem Mann etwas wissen, genießt allein die Bewunderung, die ihr regelmäßig zukommt. Und so verstößt sie auch den König. Dieser geht einen Handel mit der Großmutter des Teufels ein und verbringt drei Jahre in der Hölle. Wenn er wieder auf die Erde kommt, so das Versprechen der teuflischen Alten, würde es ihm gelingen, die unnahbare Prinzessin für sich zu gewinnen. Mit einem Trick schafft er es tatsächlich, sie von ihrem Eisberg zu locken, und gemeinsam begeben sie sich auf die Reise, um nach wahrer Schönheit zu suchen. In der Kürze der Erzählung bleiben zwar einige Aspekte der Geschichte unklar, dies schadet allerdings der Gesamtheit keinesfalls. Die Story ist dennoch rund und dadurch gerade für Kinder angemessen.

Aus einer Mischung von kindlicher Einfachheit mit abstrakten Themen wie Schönheit und Liebe entsteht so ein Stück, welches nicht nur für Kinder interessant ist. Auch Erwachsene sollen angesprochen werden, und so verbergen sich innerhalb der Geschichte hin und wieder pikante Anspielungen. Unterhalten sich die Eisprinzessin und der König auf ihrer Reise beispielsweise über die Körperlichkeit und Lust, knetet Johanna Pätzold einen mit Wasser gefüllten Gummihandschuh, so dass mit viel Fantasie abwechselnd männliche und weibliche Körperteile daraus zum Vorschein kommen.

Gerade in dem Spiel mit den Materialen liegt das besondere des Stückes. Läuft die Spielerin, welche abwechselnd in alle Rollen schlüpft, über einige Plastikschalen (in denen sich früher einmal Tomaten oder Ähnliches befunden haben könnten), so weckt das Knistern und Knirschen Assoziationen an Schnee und Eis. Auch der Eisberg ist aus solchen Schalen gemacht. Zusammengesteckt mit Wäscheklammern entsteht eine faszinierende Konstruktion, die mit so erstaunlich einfachen Mitteln entstanden ist. Die Prinzessin selber, welche Perfektion verkörpert, besteht überwiegend aus Stücken von Mülltüten. So entsteht ein Kontrast zwischen Gezeigtem und Gesagtem, der die Geschichte lebendig wirken lässt.

Auf ihrer Reise versucht der König nun also, der Prinzessin zu zeigen, was wahre Schönheit bedeutet. Denn gerade ihr, der Schönsten von allen, ist neben ihrer makellosen, eisigen Anmut keine Sinnlichkeit bekannt. Doch nur durch diese, so der König, ist die größte Lust zu erreichen: Schönheit durch gegenseitige Liebe. Einem solch ästhetischen Thema mit Requisiten aus Müll zu begegnen, ist raffiniert und schafft zugleich Reibungen, welche das Stück benötigt. Denn gerade Kinder sind ein anspruchsvolles Publikum, die keine Längen im Gezeigten durchgehen lassen. Und auch die Erwachsenen, welche zu dieser Nachtvorstellung den Westflügel füllten, hatten einiges zu lachen. Applaus gab es anschließend reichlich. Na, wenn das kein Stück für die ganze Familie ist!

Die Eisprinzessin

Regie: Horst-J. Lonius

Spiel und Ausstattung: Johanna Pätzold

Sound und Musik: Gerrit Haasler

Premiere: 17. Dezember 2011, Lindenfels Westflügel


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