| Drucken09.11.2003 

Die „euro – scene” – 13. Festival zeitgenössischen europäischen Theaters (Steffen Kühn)

?euro - scene? 13. Festival zeitgenössischen europäischen Theaters
4. 11. ? 9. 11. 2003, Leipzig Prolog: 1. 11. ? 3. 11. 2003

Trotz immer wieder auftauchender Negativmeldungen zur finanziellen Lage hat es das euro-scene-Festivalteam um Ann?Elisabeth Wolff wieder geschafft. Jetzt schon zum 13. Mal gibt es in Leipzig die Möglichkeit, aktuelle Tendenzen europäischen Theaters und Tanzes auf höchstem künstlerisch Niveau erleben zu können. Das Motto in diesem Jahr ?Die Liebe = Chance der Unmöglichkeit? eröffnet ein gewaltiges Feld und liegt sympathischer Weise abseits uns ständig überflutender Themen der Talk- und Konsens Demokratie.


?Tanzgeschichten? Compagnie Raimund Hoghe, Düsseldorf
5. November 2003, 19.30 Uhr Peterskirche Leipzig

Konzept, Inszenierung, Choreografie Raimund Hoghe
Künstlerische Mitarbeit Luca Giacomo Schulte
TänzerOrnella Balestra, Italien
Raimund Hoghe, Deutschland
Lorenzo De Brabandere, Belgien
Geraldo Si, Brasilien
Sarah Chase, Kanada ( Gast )

?We'll meet again, don't no there, don't no when.....................?

Viele Zuschauer haben die Schlussmusik ?We'll meet.........? nicht mehr gehört, da sie vorzeitig die Peterskirche verlassen haben. Andere haben darin nach über zwei Stunden der sehr statischen, deshalb viel Geduld erfordernden und von Wiederholungen getragenen Choreografie wohl auch das ironische Augenzwinkern gesehen. Die ?Tanzgeschichten? sind sehr persönlich. Die Tänzer - meist allein - benutzen den Körper um uns ihre Geschichten zu erzählen, meist sind der Tanz selbst und Spuren des Tanzes am eigenen Körper die Themen. Präzise Bewegungen der Arme und der Hände setzen dabei Akzente im ansonsten sehr sparsam choreografierten Stück. In den über 20 Szenen kommt es kaum zu Dialogen zwischen den Tänzern. Zum Teil erliegt die Inszenierung der Gefahr, Ideen nur aneinander zu reihen. In vielen Szenen spielen Kaffeebohnen akustisch und haptisch eine Rolle, Schallplatten als Träger von Erinnerungen tauchen auf, aber meist dominieren die Bewegungen und die Musik. Nicht immer sind komplizierte Bewegungsfolgen nachvollziehbar, bei klassischer Musik verliert sich zum Teil das eigene Erzählen. Hier illustrieren die Bewegungen lediglich ein sehr subjektives Erleben von Musik.

Das bewusste Einkalkulieren von Längen und Wiederholungen als Mittel wurde überstrapaziert, da nutzte auch der verbale Ausbruch von Hoghe nichts, als er mit erregter Stimme erklärt, dass er jetzt mit De Brabandere so spielt, wie er möchte, ohne sich um Langeweile und Müdigkeit zu kümmern.


?Jardineria Humana ( Menschliche Gartenarbeit )?
Théâtre National de Bretagne, Rennes
6. November 2003, 19.30 Uhr Schauspielhaus Leipzig

Inszenierung, Text, Bühnenbild und VideoRodrigo Garcia
AssistenzMirela Andreu
DarstellerIdurre Azkúe, Núria Lloansi
Nico Baixas, Angélica Riquelme
Teo Baró, Sonia Gómez

Der Fleischer als Gärtner

Rodrigo Garcia, 1964 in Buenos Aires geboren, arbeitete zunächst in der familiären Fleischerei, bevor er 1989 in Madrid sein Theater ?La Carnicería Theatro? gründet. Die kühle sterile Welt der toten Tiere hat er verlassen: an Stelle von leblosem kalten Fleisch gibt's jetzt zuckende heiße Titten; anstatt gebrühter abgehangener Würste lebendige (leider?) hängende Schwänze. So sind wir mitten drin in Garcia´s Welt. Meist nackt treibt es die Darsteller durch das Stück. Es wird gefressen, gefickt, geschlagen, getanzt und wieder gefickt, gefeiert, gesoffen und wieder gefickt, gekauft, unterdrückt, gelitten und wieder gefickt, verletzt, verführt, konsumiert und immer wieder gefickt.

Eine inszenierte Orgie, um uns zu zeigen, wie schlecht die Welt und wie aussichtslos der Mensch darin ist. In Interviews verkauft sich Garcia als bekennender Provokateur, der sich mit missionarischem Eifer aufgemacht hat, uns für das Schlechte die Augen zu öffnen. In seinem Garten wird der Mensch vom Konsum- und Sexualtrieb malträtiert, wird es mit und auf Einkaufstaschen getrieben, die Körper werden mit Waren gestopft, beschmiert, bespritzt, Ikonen des Konsum wie Turnschuhe dienen der sexuellen Stimulation.

Aber zwei Stunden schonungslose Provokation können ganz schön anstrengend und auf Dauer (pardon!) auch langweilig werden. Das Warum der Zustände interessiert an diesem Abend nicht, auch auf eine Aussicht, auf Perspektiven wartet man vergeblich. Die subjektiven Wahrnehmungen und Wertungen des Autors werden eins zu eins auf allgemeine Zustände übertragen. Und hier liegt der entscheidende Unterschied zu Provokateuren wie Houellebecq oder Schlingensief, welche persönliche Erfahrung als Material benutzen und gleichzeitig wieder in Frage stellen und nicht zuletzt perspektivisch arbeiten.


?Maria Dolores wayn Wash I? Ein Theater/Film/Musik-Projekt
Wayn Traub, Antwerpepen
7. November 2003, 22.00 Uhr Schaubühne Lindenfels Leipzig

Konzept, Inszenierung Wayn Traub
MusikWim De Wilde
Bühnenbild - TheaterWayn Traub
Kostüme - TheaterUlrike Gutbrod
Lichtdesign - TheaterJo Leys

Darstellerinnen - TheaterMarie Lecomte, MarieSimonne Moesen, Dolores

Animalistisches Theater,

so bezeichnet Wayn Traub sein Projekt um Maria und Dolores. 1972 als Geert Bové in Brüssel geboren, studierte er Kunst- und Theatergeschichte in Gent und Paris. Den Namen Wayn Traub gab er sich mit 26 Jahren, als er anfing Theater zu machen, nach ihm vergleichbar der Initiation von Mönchen als eine Art Übergangsritus.

Hinter den Tänzerinnen ? eine alte Nonne und ein junges Mädchen ? läuft ein Film: Maria und Dolores werden permanent mit der Kamera verfolgt. Maria lügt sich die Welt zurecht, verliebt sich auch bald noch in den Kameramann, Dolores kämpft vergeblich gegen die Welt. Die Erzählebenen sind vielfältig. Sowohl im Film als auch zwischen Film und Tanz ergeben sich Beziehungen. Wie David Lynch´s Film ?mulholland drive? ist am Ende eine Version/Lesart nicht möglich, auch nicht gewollt. Liebe und Tod, Geburt und Empfängnis sind die Themen.

Der Mythos um die Jungfrau Maria bestimmt die Handlung der Tänzerinnen. Um Lust, Abhängigkeiten und Partnerschaften kreist der Film. Maria, in wechselnden und sich überschneidenden Partnerschaften, sucht stets ihren eigenen Vorteil als Schauspielerin, manchmal auch nur die Lust. Dolores, offenbar vollkommen auf eine Beziehung konzentriert, wirft deren Scheitern aus der Bahn. Verbindendes Thema zwischen Tanz und Film wird die Empfängnis. Auf die Dimension der Empfängnis der Jungfrau Marias setzend, inszeniert Traub im Film die Wendung in Marias Leben. Ungewollt und auch medizinisch nicht zu erklären ist sie schwanger geworden. Sie entscheidet sich für ihr Kind, obwohl sie aufgrund einer Krankheit bei der Geburt sterben muss. Zusätzlich die Perspektive des Kindes aufzeigend, wird Marias Entscheidung inszeniert. Dabei verwirrt bei der technisch auf der Bühne als auch im Film sehr gekonnten Inszenierung lediglich der moralische Zeigefinger.


?Torrance & Grady? Ein Theaterstück
vroom, Zürich
8. November 2003, 17.00 Uhr Kellertheater Oper Leipzig

Konzeption / Darsteller Phillipe Nauer, Dominique Rust
Inszenierung und Bühnenbild Lucas Bangarter
ToncollageErnst Thoma
LichtdesignBert de Raeymaecker

Menschliches Theater

Zwei Männer sammeln Tondokumente intimer Filmszenen, doch nicht als Hobby, sondern in hochernster Konzentration. Verschiedenste Abspielgeräte sind auf der Bühne drapiert, Archivschränke mit unzähligen Kassettenbändern, außerdem eine Tonkabine.

Das Ziel ihrer Arbeit ist die vollkommene Szene zu finden bzw. zu erfinden. In der Tonkabine reihen sie dazu ausgewählte Sätze verschiedener Szenen zusammen: ?Hast Du Angst? ? ?Nein, berühre mich Jack? und ?Wir werden uns nie wieder sehen Lara? ? ?Ich verstehe? oder ?Hast du mich lieb? ? ?Danke schön?. In der Künstlichkeit der Tonkabine verliert der Text seine Authentizität, zudem er völlig steril gesprochen wird, die Unmöglichkeit der Manipulierbarkeit unserer Gefühlen bewusst.

Ein andere Ebene ist das Verhältnis der beiden Männer. Voller Schamgefühle voreinander versuchen sie nur ihre ?Arbeit? zu machen. Was Phillipe Nauer und Dominique Rust dazu einfällt und wie sie es umsetzen, ist von einer oft unheimlichen Klarheit. Eine kleine Aufmerksamkeit zu übergeben, gelingt nur unter körperlich sichtbaren Erregungen, dann muss die Enttäuschung über das trockene ?Oh, schön? verborgen werden. Sehnsucht und Scham, Zuneigung und Abhängigkeit, Wärme und Distanz: dieser Ambivalenzen kann man sich nicht entziehen. Mit winzigen Gesten gelingt es, menschliche Wahrheiten auszuloten. Dabei meister die Inszenierung die moralische Klippe, wenn etwa im ?Dialog der Sprichwörter? schon wieder alles in Frage gestellt wird. Viel Bravi und Applaus am Ende!


?Orpheus ohne Echo? Eine RambaZamba - Oper
Theater RambaZamba, Berlin
9. November 2003, 16.00 Uhr Kleiner Probensaal der Hochschule für Musik und Theater, Buch und

Regie Gisela Höhne
Musikauswahl und KompositionBianca Tänzer, Anne Katharina Kaufmann
Jacob Höhn
BühnenbildAngelika Dubufé
Kostüme und MaskenBeatrix Brandler
VideoAlexander Petersdorf

Verrücktes Theater

Live-Musik und Einspielungen, Theater und Film, grelle farbige Kostüme, Bewegung und Stille ? RambaZamba lässt nichts aus, um ihre Oper zu feiern. Zwei Stunden lang ist für die Akteure die Oper die Welt, ist ihre Welt eine Oper mit all ihrem Überfluss. Babara Höhne und Klaus Erforth entdeckten an ihrem vom Down-Syndrom betroffenen Kind Ansätze zu Spielfreude und Theatralik. RambaZamba: 1991 gründen sie das Theater für Menschen mit geistiger Behinderung und haben bisher vierzehn Inszenierungen herausgebracht. Seitdem wurden sie mit Aufmerksamkeit und Preisen überhäuft.

Orpheus der Sänger hat ein Problem, seine Frau Eurydike begeht Selbstmord, um vor ihm in die Unterwelt zu fliehen. Jetzt kann sie sich selbst entdecken und beginnen, sich ein Leben ohne verordnete Diat und ohne hohe Schuhe vorzustellen. Vom Selbstmord gibt es bei RambaZamba gleich sieben Versionen: im Gänsemarsch erscheinen sieben Eurydikes auf der Bühne. Wie japanische Geishas gekleidet und betörend grell geschminkt, vermitteln sie zu Beginn das von Orpheus abhängige schwache Geschöpf. Doch schon im Streit um den schönsten Selbstmord (?das Wasser in der Wanne war so schön rot?) beginnt die Abnabelung. Einspielungen von bekannten Opernzitaten Bizet´s oder Gluck´s unterstützen die Theatralik, zum Teil singt man einfach mit oder erfindet Neues.

Dann der erste Auftritt der vier Orpheus'. Männlich stolz präsentieren sie ihre Kunst (eine neue CD). Zur Musik von ?riders on the storm? oder ?give peace a chance? erlebt der Abend den ersten Höhepunkt. Mit physisch spürbarer Intensität verlieren sich die vier Darsteller in ihren Rollen. Wie auch schon bei den Eurydikes erzeugen die Entrücktheit mancher Bewegungen und das zum Teil eingeschränkte Sprechen der behinderten Darsteller eine unheimlich dichte Atmosphäre.

Hekate, Hades´ Weib, nimmt sich ihrem Mann zuvorkommend der Frauen in der Unterwelt an, von zwei Furien angefeuert, spielen die Eurydikes verschiedene Blechblasinstrumente in Hekates Orchester. Aber auch mit Hades lässt sich's leben: auf der Mondscheinterrasse erleben wir sieben Versionen weiblichen Erwachens. Nach beschwerlichen Weg ist auch Orpheus in der Unterwelt angekommen und verlangt seine Eurydike zurück. Voll Einsamkeit, Verletzlichkeit und Verlassenheit finden sie wieder zusammen und treten gemeinsam den Weg in die Oberwelt an.

Nach dem ersten Applaus beginnt eine furiose Zugabe. Nach Lust und Können nutzt jeder noch mal die Bühne um sich mitzuteilen: Musik oder Tanz, eine Hit verdächtige Tom-Waits-Kopie: der Saal fängt an zu kochen. Urmenschlich steht am Ende der Wunsch sich-mitzuteilen in die Gesichtern geschrieben.

(Steffen Kühn)

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