Sarah Schramm | Drucken25.11.2010 

Weißt du, was ein Rabe mit einem Schreibtisch gemeinsam hat?

Die Gruppe Cocoondance zwingt in „The Parallax View“ zu neuen Sehgewohnheiten

Eine Neuauflage von „Alice im Wunderland“ (Foto: Klaus Fröhlich)

Wenn ein Objekt scheinbar seine Position verändert, obwohl sich in Wahrheit die Position des Betrachters verschiebt, nennt man das Parallaxe. Wenn sich ein Theaterstück vollkommen den narrativen Gewohnheiten des Zuschauers entzieht, nennt man das The Parallax View. Möge die Sinnsuche beginnen!

Eine radikale Ummünzung der Sehgewohnheiten erfährt der Zuschauer mit dem paralysierenden Stück der Gruppe CocoonDance, welches am 20. November im Lofft seine Leipzig-Premiere hatte: vier mechanisch biegsame Körper scheinen bewegt zu werden, von einer höheren Instanz Instruktionen zu bekommen. Sie sind manipulierbar und doch sind sie nicht kontrollierbar. Mehr als die Körper selbst sind ihre mystischen Schatten zu erkennen. Schatten? Vielleicht werden wir mit Geistern konfrontiert, oder den Produkten unserer Fantasie. Roboterartig bewegen sich menschenähnliche Geschöpfe durch eine Parallelwelt. Sie sind eingesperrt in ein kolossales weißes Zelt, blicken nach draußen. Ein Gefängnis, dem es zu entkommen gilt oder der einzig sichere Ort?

Wo sind wir und wer sind SIE? Angespannte Stille im Raum. Eine Frau in türkisem Kleid (Raquel Torrejón) ist ebenso ratlos wie rastlos. Wie angestochen rennt sie: auf der Bühne und auf dem Bildschirm eines Fernsehers, der in einer Ecke des Bühnenraums platziert wurde. Auf der Bühne bewegt sie sich auf der Stelle, versucht verzweifelt voran zu kommen – doch keine Chance. Versucht sie zu flüchten oder hat sie eine Mission? Im Video hastet sie durch den Wald: am Tag, in der Nacht, am Tag. Surreale Bildabfolgen. Träumen wir?

Wir sind Zeuge einer von Rafaële Giovanola choreografierten Neuauflage von Alice im Wunderland. Wie Alice in Lewis Carrolls Kinderbuch verschlägt es die Namenlose im türkisen Kleid in eine fremde Welt – Giovanolas Traumwelt. Die merkwürdigsten aller Dinge geschehen, nichts ergibt einen Sinn, alles ist anders. An die Stelle von Handlung treten Vermischung, Verschiebung und Verwirrung. Nichts ist wie es scheint, alles inszeniert. Verblüfft schaut sich die Namenlose im Wunderland um, zögerlich wird alles begutachtet. Zuerst so, als dürfe sie niemand entdecken, dann scheint sie wider Willen unsichtbar. Als unfreiwillige Verfechterin verfremdet sie das Geschehen, instruiert die vier Figuren. Sie bestaunt sie, umgarnt sie, kommt mit ihnen in Berührung – einzig mit den vielfältigen Mitteln des Tanzes. Und trotzdem bleibt sie, wie Alice eine Fremde.

„We can be someone else“ ist Programm, wenn die Fremde den Raum mit hallendem Klingeln eines Handys füllt: Die stumpfen Körper halten Inne, versuchen das Geräusch zu orten, versteinern dabei. Die Bewegungen setzten sich in einem anderen Rhythmus, einer neuen Intensität fort. War das Handyklingeln Signal für einen Umbruch oder hat sich unser eigener Standpunkt und nicht die Bewegung des Objektes geändert? Was ist Fakt, was Fiktion? Strukturen verwischen, es gibt keine Unterscheidung mehr. Alles ist möglich und doch nichts real.

Wie die gejagte Fremde sitzt der Zuschauer am Ende des Stückes in Giovanolas fabelhaftem Wunderland fest. Einzige Möglichkeit, aus dem weißen Zelt zu entkommen: durch das Handyklingeln aus dem Traum erwachen.

The Parallax View

Eine Produktion von Cocoondance

Inszenierung und Choreografie: Rafaële Giovanola

Mit: Volkhard Samuel Guist, Martin Inthamoussú, Athanasia Kanellopoulou, Victoria Perez, Raquel Torrejón

Premiere: 20. November 2010, Lofft


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