| Drucken14.12.2002 

„Die Illuminaten” von Marcel Luxinger nach Texten von Robert A. Wilson und Robert Shea als Schauspiel in Dresden (Roland Leithäuser)

14.12.2002 TIF (Theater in der Fabrik) Dresden
?Die Illuminaten? von Marcel Luxinger nach Texten von Robert A. Wilson und Robert Shea


Nichts ist wahr, alles ist möglich!

Im Hinterhof gedeiht die Paranoia. Acht eingeschaltete Fernsehbildschirme umschließen die kleine Bühne, eine Kamera ist auf ein kleines Plateau gerichtet, geschmückt von einem in den Boden eingelassenen Dreieck. Wir sind auf Sendung. Unter der Anleitung der Redakteure Saul Goodman und George Dorn soll die Moderatorin Celine Hagbard in einer Reihe unter dem Titel ?Sinn und Wahn? Licht in das Dunkel jahrhundertealter Verschwörungstheorien bringen, als draußen die Bombe platzt. Der 23. Stock des Sendezentrums ist gesprengt worden, der Faden wird aufgenommen. Die Zahl ?23? gilt den Anhängern der Theorie von Weltverschwörung seit jeher als magisch, hinter ihr scheinen sich die sogenannten ?Illuminaten?, eine 1776 in Bayern von Adam Weißhaupt gegründete Loge, die fortan für alle Wirrnisse der Weltgeschichte herhalten muß, zu verbergen. So alt wie die Geschichte der Illuminaten scheint auch die Angst der Menschen vor ihrer Macht zu sein. Nicht zufällig sind es auch in Marcel Luxingers Stück drei junge Menschen, die angesichts der augenscheinlichen Katastrophe ihre Befürchtungen und Ängste auf den unsichtbaren Feind projizieren.

Die Adaption der ?Illuminatus?-Romane von Robert Wilson und Robert Shea nimmt so ihren Anfang, und entfernt sich in den kommenden siebzig Minuten der Inszenierung von Friederike Heller (die an gleicher Stelle bereits Michel Houellebecqs ?Elementarteilchen? auf Bühnenformat zurechtstutzte) immer weiter von seiner eigentlichen Vorlage. Die drei Protagonisten des Stücks begeben sich unter reichlichem Einsatz von Videoeinspielungen und musikalisch Abseitigem auf die Reise in den Wahnsinn, dessen Darstellung Wilson und Shea in ihren Büchern so eindrucksvoll ausgestalteten. Auf drei verschiedenen Handlungsebenen befinden sich Celine, Saul und George mal im Fernsehstudio, mal in der Wüste von Texas, zum guten Schluß dann auch auf dem sagenumwobenen Unterseeboot Celine Hagbards vor den Toren von Atlantis.

Was sich zu Anfang durch Bild- und Tonausfall im Studio ankündigt, entwickelt sich im Verlauf der Handlung zur totalen geistigen Verwirrung der Beteiligten. Saul Goodman, herrlich in sich zerrissen und gleichzeitig von großen Plänen getrieben, wird dargestellt von Stefan Düe. Als die Bombe hochgeht, sieht er seine große Story in Gefahr, glaubte er sich doch auf der Spur der Weltverschwörer: Vom Kennedy-Mord bis zu den jüngsten Anschlägen auf das World Trade Center in New York scheint sich die Macht der Illuminati in blutigen Machenschaften zu manifestieren, die allesamt die Erlangung der Weltherrschaft zum Ziel haben. Von Johann Wolfgang von Goethe bis George W. Bush reicht das Mitgliederverzeichnis des ominösen Ordens, die Dreiundzwanzig sei seine Zahl, was Goodman anhand der Summe der Zahlen im Datum des notorisch genannten 11.9.2001 demonstriert: die Summe ist, man ahnt es schon, die Zahl 23.

Dem langsam in den Wahnsinn abgleitenden Medienmacher Goodman assistieren linkisch und bisweilen devot Vivien Mahler als Celine Hagbard und Yuri Englert als George Dorn. Mal aufreizend beim Hüftschwung, dann wiederum dümmlich grinsend erschöpft sich ihr fortschreitender mentaler Verfall in Posen, die der Inszenierung oberflächlich Humor oktroyieren, ohne der Handlung wirklich Tiefe zu verleihen. Stefan Düe erinnert in seinem expressiven Spiel zwar bisweilen an den von der Gedankenwelt der Illuminaten besessenen Hacker in Hans-Christian Schmids Film ?23-Nichts ist wie es scheint?, doch hebt er sich damit aus der paranoiden Trias ein ums andere Mal wohltuend ab. Von einer Handlung im klassischen Sinne ist hier ohnehin nicht zu sprechen, vielmehr bietet Luxingers Adaption viel Stückwerk und Sprengsel aus der Romanvorlage, ohne daß diese in einen näher bestimmten Kontext eingefügt werden. Vielmehr scheint es dem Stück darum bestellt zu sein, einen kurzen Abriß der Geschichte von Geheimgesellschaften an den Mann zu bringen, bei dem keine noch so oft kolportierte Halbwahrheit oder Vermutung ausgelassen wird: so rauchen die Beteiligten Zigaretten der Marke ?Ernte 23?, so erklärt uns Goodman, daß auf dem Dollarschein die Pyramide und das ?All-Seeing-Eye? als Zeichen der Illuminaten abgebildet sind.

Fragen wirft diese Inszenierung einige auf, doch betreffen diese nicht den tieferen Gehalt des Stückes. Wild und ungestüm werden Romanzitate zusammengefügt, wird mit Hegel (auch ein Illumninat?) gesprochen und geschlossen, die Lehre der Illuminaten verbände These und Antithese von vornherein zur Synthese, und dies alles nur, um den Herrschaftsapparat einiger Privilegierter zu festigen und das einfache Volk fortwährend in seinen Freiheiten zu beschneiden. Was in solchen Äußerungen an immanenter Systemkritik mitschwingt, obschon es sich auf Spekulation gründet, geriert Luxingers Stück zu tiefer Wahrheit. Der phantastische Gehalt des Werkes von Wilson und Shea wird dabei vernachlässigt ebenso wie ihr Insistieren darauf, daß viele der beschriebenen Mechanismen und kabbalistischen Zahlenspiele im wesentlichen auf eine von Paranoia durchdrungene Gesellschaft zurückzuführen seien, die unter permanentem Verfolgungswahn leide. Die Verrückten in Luxingers Stück hingegen sind lustige und ziemlich clevere Gesellen, die in lichten Augenblicken die Methoden der Weltverschwörer glasklar durchschauen. Hier wird kein epischer Text für die Bühne neu interpretiert, nein, er wird seiner erzählenden Wirkung beraubt und auf einige Schlagworte reduziert.

Als nach 75 Minuten die von Sabine Kohlstedt so nichtssagend postdramatisch eingerichtete Bühne im Dunkel verschwindet, haben die Illuminaten die Kontrolle übernommen und das Publikum für einen Moment auf ihre Seite gebracht. Der Applaus setzt mit Verspätung ein und dauert nur wenig länger als dreiundzwanzig Sekunden. Ach ja, ?die Welt ist ein dunkler und gar furchteinflößender Ort?, so sagte es Hagbard noch wenige Minuten zuvor. Das Licht im Saal erlöst die Verängstigten und es sieht so aus, als hätten wir an diesem Abend in einem Dresdner Hinterhof die große Weltverschwörung verpaßt.

(Roland Leithäuser)

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