Jana Nowak | Drucken06.01.2016 

Und was frustriert Sie?

Das Theater Fact zeigt im Rahmen der Reihe „Neue Regisseure – Neue Werke“ die Szenencollage „Die letzten Tage der Unschuld“

Darstellerin Nele Harmann (Fotos: Jana Nowak)

Weihnachten im Oktober und Januar? Betritt man das Theater Fact, wird man bereits von Glühweinduft und Christbaumschmuck empfangen. Das Theaterfoyer glitzert und aus den Boxen schallt besinnlich, nostalgische Musik.

Unweigerlich tritt die Frage auf, ob sich hier ein übereifriger Praktikant im Kalender verguckt hat, jedoch wird schnell klar: Bereits mit dem Betreten des Theaters befindet man sich mitten im Szenario von „Die letzten Tage der Unschuld“. Und so präsentiert Marcel Pütz mit seinem Regiedebüt eine szenische Collage aus Anton Tschechows „Schwanengesang“ und August Strindbergs „Die Stärkere“, die das Publikum in die deprimierende Welt einer Theaterkantine am Weihnachtsabend entführt.

Man sieht eine Frau, die sich Hals über Kopf in einen gealterten Schauspieler verliebt hat und nun, nach jahrelanger Abhängigkeit, in einer Mischung aus Frustration und Verzweiflung hin und hergerissen ist, ob sie diese Beziehung aufrechterhalten kann. Dabei entwirft sie ein Bild ihres Geliebten als starker, glücklicher Mann, der neben ihr natürlich auch Frau, Kinder und das obligatorische Reihenhaus besitzt, während sie selbst immer nur eine Nebenrolle in seinem Leben spielte.

Diese Idee des scheinbar perfekten, begehrenswerten Mannes reißt der Schauspieler schnell selbst ein wenn er, nachdem seine Geliebte das Warten schon lange aufgegeben hat, auf die Bühne torkelt. Betrunken und ungeschickt erklimmt er den Tresen der Kantinentheke und bringt diese, „Nathan der Weise“ rezitierend, fast zum Einstürzen. Schwankend zwischen den letzten Überbleibseln seines Narzissmus und der traurigen Einsicht, dass er sein Talent versoffen habe, sieht er als einen der wenigen Lichtblicke seines Lebens eben jene Affäre, die seine Partnerin zum Verzweifeln bringt.

Uwe Kraus im Weihnachtsmannkostüm

Die spannende Idee, einen, auch räumlich realistischen, Rahmen für das Stück zu schaffen wird noch unterstützt dadurch, dass Pütz selbst bereits vor dem Beginn des Stückes als Barmann hinter der Theke agiert und diese Rolle als leicht mürrischer und missverstandener Exschauspieler der nun, ein Jahr bevor er unkündbar geworden wäre, das Theater nur noch von seinem Tresen aus erleben kann.

Das Theater Fact zeigt mit „Die letzten Tage der Unschuld“ ein Weihnachtsstück, dass durch seine gelungene Mischung aus Melancholie und Komik seine Berechtigung auch fernab der Vorweihnachtszeit hat und durch die schauspielerische Leistung der Darsteller überzeugt. Dass Nele Harmann aufgrund einer Umbesetzung aus Krankheitsgründen nur wenige Tage Zeit hatte um sich der Rolle der verzweifelten Geliebten zu nähern merkt man ihrem Spiel keineswegs an und auch Uwe Kraus gibt überzeugend den betrunkenen Weihnachtsmann.

Ein unterhaltsamer Abend, bei dem mit Bockwurst und Kartoffelsalat auch für das kulinarische Wohl der Gäste gesorgt ist, scheint also sicher.

„Die letzten Tage der Unschuld“

Regie: Marcel Pütz

Mit: Nele Harmann und Uwe Kraus

Theater Fact, Premiere: 30. Oktober 2015, nächste Vorstellungen: 15.-18. Januar 2016

Spielplan auf www.theater-fact.de

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